Wie „Euphoria“ die Grenzen zwischen Musikvideo und Fernsehserie verwischt
Rue ist mal wieder druff. Hat gerade der Liebe ihres jungen Lebens vor den Kopf gestoßen. Hängt tieftraurig und high in ihrem Zimmer und will nichts mehr fühlen. Oder will sie eher noch mehr fühlen? Sie greift unter das Bett, holt den Rollkoffer hervor, dessen bunt gemischten Drogen-Inhalt sie eigentlich verticken sollte. Zendaya – diese sonst überirdisch wirkende, junge Schauspielerin und Sängerin – spielt diese Rue erschöpft und trotzig zugleich. Sie nimmt einige Pillen, wiegt benommen den Kopf zu einer Musik, die nur sie zu hören scheint. Bis man als Zuschauer:in diese Musik plötzlich auch hört. Rue schaut benommen, blinzelt ungläubig, kämpft sich auf die Beine und wankt – durch eine Tür in ihrem kleinen Zimmer, die sich plötzlich geöffnet hat …
Es sind Szenen wie diese in der vierten Folge der zweiten Staffel (You Who Cannot See, Think of Those Who Can), die einen immer kriegen – und das meistens in einem Moment, in dem andere Aspekte von „Euphoria“ gerade nerven. Bisweilen kommt es einem vor, als hätte Showrunner Sam Levinson entschieden, die Tiefe der Charaktere einzutauschen gegen noch mehr Glamour, noch mehr Style, noch mehr krasser Szenen, in denen die Figuren völlig frei drehen. Aber so richtig aufregen kann man sich darüber auch nicht – eben weil Zwischenspiele wie das oben gezeigte einen dazu bringen, nachts mit Tränen in den Augen und/oder Ganzkörpergänsehaut vor dem Fernseher oder Laptop zu sitzen.
Besagte Folge hat aber noch mehr Szenen dieser Art: Gleich zu Beginn sieht man zum Beispiel eine Collage, die Rues Liebe zu Jules in lebende Gemälde von Frida Kahlo oder in DIE Szene aus „Titanic“ übersetzt, während dazu die wehmütige Townes Van Zandt-Ballade „I’ll Be Here In The Morning“ läuft. Auch diese Sequenz könnte aus einem Pitch bei einer Plattenfirma für ein Musikvideo stammen – und sie funktioniert selbst dann, wenn man nur einige der Referenzen kennt und Jules und Rue zum ersten Mal sieht.
Zendaya – Popstar und Alleskönnerin
Ein Grund für den Riesenerfolg von „Euphoria“ ist natürlich Zendaya in der Rolle der Rue. Schon ihre Besetzung war nicht nur ein Genie-Streich, der für die Macher und Zendaya selbst aufgegangen ist, sondern auch eine Chance, die wichtigste Person der Show singen zu lassen. Zendaya kann natürlich alles: Sie ist inzwischen Model, Charakterdarstellerin, Theaterschauspielerin, Hollywoodstar und sie kam aus der harten Disney-Schule, wo sie schon in der Sitcom „Shake It Up“ singen und tanzen musste. Aber sie ist eben auch eine ernsthafte Sängerin, die 2013 ein interessantes Debütalbum vorlegte, das leider daran krankt, dass ihr überambitionierte Produzenten ein paar Ideen zu viel in die Songs drückten. Aber „Butterflies“ zum Beispiel ist ein astreiner Pop-Hit. Trotzdem macht Sam Levinson kein billiges Musical aus „Euphoria“ – im Gegenteil: Er inszeniert bisher nur die vielleicht ikonischste Szene um Zendayas Vocal Skills. Das Finale der ersten Staffel, bei dem sie ein Duett mit Labrinth und einem anklagenden Gospelchor singt, wird niemand vergessen, der es einmal gesehen hat.
Dominic Fike – und noch ein Popstar
Ein weiterer Coup ist den „Euphoria“-Macher:innen mit der Besetzung von Dominic Fike gelungen. Er spielt in der neuen Staffel „Elliot“, den smarten, sweeten Drogenbuddy von Rue, dem man – das weiß man inzwischen – nicht so recht trauen sollte. Fike selbst sagt dem Magazin „Variety“ über seine Rolle: „Ich brauch gar nicht so viel schauspielern, Elliot ist exakt so wie ich.“ Hier schlägt „Euphoria“ eine Brücke in die andere Richtung und ermöglicht einem veritablen Popstar die Schauspielerei. Der 1995 geborene Fike hat schon mit seinen ersten Soundcloud-Tracks einen massiven Hype ausgelöst, sein Hit „3 Nights“, den er 2018 auf der Demo-Kollektion „Don’t Forget About Me, Demos“ veröffentlichte, steht allein bei Spotify bei 660 Mio. Sein Debütalbum „What Could Possibly Go Wrong“ folgte dann 2020 und im gleichen Jahr kam der Ritterschlag von Sir Paul McCartney, der Fike für „McCartney III Imagined“ an Bord holte, wo Fike die Leadsingle „The Kiss Of Venus“ singen durfte. Dominic Fike ist außerdem ein guter Buddy der Brockhampton-Jungs und machte schon Musik für und mit Halsey, Justin Bieber und Anderson.Paak.
Der Labrinth-Faktor
Wenn Ende Februar der offizielle Soundtrack zur Season 2 bei Universal erscheint, wird ein Name wieder besonders oft in den Credits zu lesen sein: Labrinth. Hinter diesem Moniker verbirgt sich der Produzent, Sänger, Rapper und Songwriter Timothy Lee McKenzie. Sam Levinson holte ihn schon zur ersten Staffel an Bord, um den Original Score zu komponieren. „All For Us“, der Song aus dem ersten Staffelfinale ist zum Beispiel ein Song, der schon vorher von Labrinth veröffentlicht und entsprechend neu bearbeitet wurde. Die komplette Tracklist für den Soundtrack zur Staffel 2 ist noch ein Geheimnis, aber man darf sich zumindest schon über den Track von Labrinth und James Blake freuen – und natürlich über all diese sphärischen, bisweilen sehr dunklen instrumentalen Kompositionen.
Das Zusammenspiel aus Script und Music Supervision
Wie bei vielen Serien der letzten Jahre sind die in „Euphoria“ verwendeten Songs ein wichtiges Werkzeug im Storytelling – und damit für die Künstler:innen und Labels eine sehr verlockende Spielfläche. Bei „Euphoria“ spürt man, dass viele Songs sozusagen ins Drehbuch eingeschrieben wurden – was durchaus für Kritik oder zumindest Häme sorgte, weil man in diesen Szenen sieht, dass da ein 1985 geborener Dude das geschrieben hat, was die New York Times letztens sehr treffend die „maximalist hallucination of high school“ nannte. Dass zum Beispiel auf einer High School Party der Jetztzeit die Decke bebt, während Montell Jordans „This Is How We Do It“ läuft, ist wohl eher der Wunschtraum eines Sam Levinson. Andererseits verschwimmen in Zeiten, in denen „Dreams“ von Fleetwood Mac bei den TikTok-Kids steilgeht, eh die Genre- und Epochen-Grenzen der Popmusik. Warum also nicht gleich drauf scheißen? Vor allem, wenn man eine Serie bespielt, die ja von Anfang an eher künstlich und übergroß als authentisch sein wollte. Man weiß außerdem, dass Levinson einige Szenen um einen Song herum schreibt: In der hier schon oft gefeierten letzten Folge waren das zum Beispiel „Drink Before The War“ von Sinead O’Connor oder gleich drei Songs von INXS, die eine tragende Rolle spielen („Mystify“, „Need You Tonight“ and „Never Tear Us Apart“).
Dass die Serie so grandios klingt, wie sie klingt, liegt aber nicht nur an Labrinth und Sam Levinson. All die Songs, die neben den im Skript eingeschriebenen und den von Labrinth komponierten zum Einsatz kommen, werden in einem Zusammenspiel aus der „Euphoria“-Redaktion und der Music Supervision gefunden. Für letzteres ist Jen Malone zuständig, die schon für Donald Glovers (aka Childish Gambino) Serie „Atlanta“ und aktuell für die grandiose Serie „Yellowjackets“ vorzügliche Arbeit machte und den Sound maßgeblich prägt. Es gibt ein spannendes Interview mit ihr, das kurz nach der Staffelpremiere von Season 2 geführt wurde, in dem sie aus der Praxis erzählt. Darin sagt Jen Malone: „Habe ich alle 37 Songs dieser ersten Episode herausgesucht? Nein. Das wäre auch zeitlich gar nicht möglich. Dafür bräuchte ich ein Jahr, wenn ich alle Lieder vorschlagen, anfragen und rechtlich klären müsste.“ Generell sei die Songauswahl ein permanenter Austausch zwischen ihr, Sam Levinson und „den Redakteur:innen, die diese Serie mindestens so gut kennen wir ihr eigenes Leben.“ Normalerweise empfiehlt Jen Malone für wichtige Szenen fünf Songs, damit die Redaktion eine Auswahl hat. Manchmal aber landet sie gleich einen Volltreffer. „Bei ‚Haunted‘ von Laura Les zum Beispiel. Da habe ich gesagt: Der Song ist es. Sam hat mir da vertraut – und der Song ging danach durch die Decke.“
Natürlich gibt es viele gelungene Beispiele, bei denen sich Popmusik und TV gegenseitig befruchten – „Sex Education“ zum Beispiel, oder „The End Of The Fucking World“ oder aktuell „Yellowjackets“ – aber „Euphoria“ ist immer noch das spektakulärste von ihnen. Und selbst, wenn man die Bilder weglassen würde, muss man als Musikfan feststellen, dass diese Playlist schlichtweg göttlich ist:
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