Youha – über das seltene Vergnügen, mit einem K-Pop Idol zu sprechen
Es ist eine schmerzhafte Wahrheit, aber es ist nun mal so: Südkoreanische Pop-Musik, kurz K-Pop, kommt ganz gut ohne den Musikjournalismus aus. BTS füllten schon Arenen und Stadien, als viele unserer Zunft noch nicht einmal wussten, was sich hinter diesen Buchstaben verbirgt. Später wurde es eher schlimmer als besser. Selbst hochgeschätzte Kolleg:innen schrieben Texte, die sich eher durch Zynismus, Verachtung und unterschwelligem Rassismus auszeichneten als durch ein Verständnis für die südkoreanische Gesellschaft, eine Begeisterung für die Musik und Respekt vor den zahlreichen Fans, die nämlich mitnichten nur aus kreischenden jungen Mädchen bestehen. Stattdessen attackierte man immer wieder – nicht zu Unrecht, aber eben sehr uninformiert – das strikte Trainee-System, das ein K-Pop-Star durchlaufen muss und das verkürzt gesagt wie eine Kreuzung aus dem Motown-System und der Ausbildung zum Profifußballer wirkt.
Ein Leserbrief aus der Süddeutschen Zeitung im Jahr 2018, zu einem SZ-Artikel über K-Pop, der den betont herablassenden Titel „Als hätte Jeff Koons aus Dantes Höllentrichter eine Großraumdisko gebaut“ trägt, trifft die Sache sehr gut. Da schrieb eine junge Frau: „Ihr schreibt über eine fremde Kultur (die koreanische) moralisch abwertend und macht so völlig unreflektiert die westliche/europäische/deutsche zum Maßstab. Was in dem Artikel über K-Pop gesagt wird, gilt für die gesamte koreanische Kultur und Arbeitswelt: totaler Leistungs- und Anpassungsdruck; strenge Hierarchie, die es absolut unmöglich macht, einem Älteren, Vorgesetzten oder in der Familie ‚Höherstehenden‘ zu widersprechen; hohe Selbstmordrate; extreme Arbeits- und Lernzeiten, schon kleine Schüler kämpfen ständig gegen den Schlaf; permanenter Wettbewerbsdruck (Rankings) schon in den Schulen, später an den Unis und sicher auch in den Firmen; Perfektion ist ein wesentlich höherer Wert als Kreativität und Originalität; ein für uns ‚unmenschlicher‘ Schönheitszwang, der in den Augen der Koreaner aber nichts anderes ist, als dass man sich eben so schön wie möglich den Mitmenschen präsentiert.“
Idols haben die Musikpresse eigentlich nicht nötig
In den letzten Jahren hat sich das nicht zuletzt durch die Mainstream-Erfolge von BTS und Blackpink ein wenig geändert. Und als Musikjournalist:in steht man jetzt vor einem anderen Dilemma: Man will auf einmal mit den Idols reden, aber die tun das immer noch – wenn überhaupt – nur sehr ausgewählt und in einem kontrollierten Rahmen, der vielen Musikjournalist:innen widerstrebt. Aber es bleibt eben dabei: So richtig nötig hat man uns eigentlich immer noch nicht. Denn auch das, was Musikjournalismus in seinen Anfangszeiten liefern konnte – nämlich den direkten Zugang zum Star – kriegen K-Pop-Idols ganz gut ohne eine klassische Musikpresse hin.
K-Pop ist zum einen für das koreanische Fernsehen sehr wichtig. Es gibt zahlreiche Musik- und Variety-Shows, wo man die Idols genannten Musiker:innen bei diversen Spielchen oder Performances sehen kann. Außerdem hat jeder K-Pop-Act eigene Kanäle: Auf Plattformen wie Weverse gibt es regelmäßig Live-Streams von einzelnen Bandmitgliedern und Solo-Acts, die man manchmal sogar direkt nach einem Konzert sehen kann. Es ist allerdings eine sehr kontrollierte Nahbarkeit, denn all diese Idols sind über Jahre auch im Umgang mit Medien geschult worden.
Dementsprechend interessiert waren wir, als wir das Angebot bekamen, die 1999 in Seoul geborene Youha sprechen zu können. Ihr Label Universal hatte sie nach Berlin eingeladen, wo sie unter anderem ein Fan Event in einem K-Pop-Store absolvierte und diverse K-Pop- und TikTok-Influencer:innen in der Labelzentrale traf. Und eben ein paar Musikjournalist:innen wie uns.
@unlabeled_ So crazy mit ihr zu tanzen @u_youha 💖 (Mein Manager am Ende hahahah) #pinkvenom #kpop #dance ♬ Pink Venom – BLACKPINK
Youha war einst bei der Produktionsfirma von Blackpink
Dass man Youha hier mit einer TikTokerin beim Tanz der Choreografie zum Blackpink-Hit „Pink Venom“ sieht, hat eine gewisse Ironie. Denn Youha wurde gezielt für genau jene Tage eingeladen, an denen Blackpink zwei Shows in der Mercedes Benz Arena spielen. Das Kalkül ist klar: Die K-Pop-Fans sind eh zu tausenden nach Berlin gereist und da sich Blackpink wie alle großen K-Pop-Acts Fan-Signings teuer bezahlen lassen, als Teil eines VIP-Pakets, geben viele Youha eine Chance. Spannender ist aber, dass Youha schon im sehr jungen Alter eine Trainee-Ausbildung bei ebenjener Produktionsfirma begonnen hat, die Blackpink hervorbrachte. 2010, also im Alter von elf Jahren, ging sie zu YG-Entertainment, wo sie zwei Jahre später ihren ersten Auftritt in einem Video des Projekts Future 2NE1 hatte.
Dazu muss man wissen: 2NE1 waren der erste große Girlgroup-Erfolg von YG Entertainment – unter dem gleichen Songwriter und Produzenten, der auch bei Blackpink die Fäden zieht und die meisten Hits produziert hat: Teddy Park. Das Projekt wurde also betitelt, als sollten diese Mädchen das Erbe von 2NE1 antreten. YG zählt zu den „Big Four“ der koreanischen Produktionsfirmen und steht in dem Ruf, in der Vergangenheit nicht unbedingt immer fair mit seinen Idols umgegangen zu sein – bzw. ihnen oft nicht die Chancen und Songs zu geben, die sie verdienen. Das kam erst vor einigen Tagen wieder zur Sprache im sehr guten „Popcast“ der New York Times, wo die Journalistin und K-Pop-Expertin Tamar Herman über die aktuell erfolgreichen koreanischen Girlgroups sprach.
Interviews mit Idols sind selten – und ein wenig anders
Aber nach dieser allgemeinen Einführung nun endlich zu Youha, denn diese junge Künstlerin hat es wirklich verdient ein wenig mehr im Rampenlicht zu stehen. Wer sich auf ein Interview mit einem Idol einlässt, hat ein paar Kröten zu schlucken: Die Fragen werden im Vorfeld erbeten und alles, was sich um Blackpink und YG Entertainment dreht, soll auf Bitten von Youha nicht zum Thema werden. Youha verließ YG 2019 und wurde ein Jahr später bei Universal in Korea gesignt – ein kaum vergleichbares Set-up, denn auch wenn Universal Blackpink in Deutschland vertreibt, halten die südkoreanischen Produktionsfirmen wie YG bei solchen Deals alle Zügel in der Hand. Wenn man sich anschaut, wie Youha ihre Karriere nun angeht, kann man davon ausgehen, dass sie vielleicht ganz froh ist, nun unabhängiger agieren zu können.
Auch das Interview selbst läuft dann ein wenig anders ab, als wir das so kennen. Die Zeitfenster sind mit 15 Minuten knapp getaktet, das war vorher klar. Auch, dass jemand vom deutschen Label dabei sitzt, ist bei größeren Acts heutzutage oft Standard. Die Kollegin von Universal Korea, die ein wenig beim Übersetzen helfen soll, macht auch noch Sinn. Aber dann geht es los und irgendwie rauschen plötzlich noch sechs andere Menschen mit in den Raum, darunter vermutlich ihr Styling- und Social-Media-Team und sicher auch ihr Management. Auf einmal sitzt man also wie in einem großen Stuhlkreis und muss alles andere ausblenden, um sich auf das eigentliche Interview zu konzentrieren.
Und auch das macht einen nervös. Denn K-Pop Idols sind auch im Real Life – oder besser: in dem Part davon, den sie teilen möchten – entrückt schöne Menschen, die sich ganz in den Dienst ihres Idol-Seins stellen. Youha ist perfekt gestylt, hellwach und selbst ein klein wenig nervös, weil auch sie nach der langen Pandemie zum ersten Mal den realen Kontakt mit ihren Fans hat und zum ersten Mal internationale Promotion dieser Art machen kann. Sie spricht sehr gutes Englisch – was bei K-Pop-Idols gar nicht so oft der Fall ist – und fragt nur manchmal bei der Labelkollegin nach einem Begriff oder einer Formulierung. Auf ihrem Schoß balanciert sie ihr Smartphone und entschuldigt sich im Vorfeld dafür: Sie habe sich für die einzelnen Fragen Notizen gemacht, ob das OK sei. Klaro. Es war also nicht wirklich nur eine reine Fragen-Abnahme im Vorfeld.
Den K-Pop-Hype im Rücken
Wie fühlt es sich denn nun also an, hier zum ersten Mal ihre deutschen Fans zu treffen: „Es war mein erstes Face-to-Face-Meeting mit meinen Fans überhaupt. Sie waren so cute, und so nervös. Und sie sind großartige Unterstützer:innen. Es ist sehr besonders, dass es sie gibt, weil meine Karriere ja erst begann, als es nicht möglich war, sie zu treffen.“ Tatsächlich erschien ihre Debüt-Single „Island“ inmitten des ersten Pandemie-Herbstes und fand trotzdem Fans auf der ganzen Welt. Eine klassische K-Pop-Nummer, ein wenig dreamy, sehr catchy – eher lässig als zuckersüß. Bei Spotify steht sie gerade bei über sechs Millionen Plays – was schon eine ganze Menge ist. Für K-Pop-Verhältnisse im Vergleich zu den Big Playern aber noch eher moderat. Wir fragen sie, ob ihr der K-Pop-Hype um BTS und Blackpink helfe. Darauf sagt sie sehr diplomatisch: „Für mich es eine großartige Gelegenheit, meine Musik zu zeigen. Jetzt, wo K-Pop auf der ganzen Welt berühmt geworden ist. Ich will versuchen, eine noch bessere Sängerin zu werden.“ Dass sie ein Idol werden will, habe sie schon als kleines Kind gewusst, erzählt sie dann. Eine Aussage, die man oft aus Südkorea hört. „Die Freude am Singen, Tanzen und Performen und die Liebe zur Musik waren in meiner Familie schon immer sehr groß“, sagt Youha. Was nicht wundert, wenn man weiß, dass ihre Mutter eine Schauspielerin, Musical-Darstellerin und inzwischen TV-Produzentin ist.
Dieser Wunsch permanent „besser“ zu werden, obwohl ihr Gesang und ihre Performance schon längst auf einem Top-Level sind, ist ein weiterer Antrieb im Leben eines Idols. Selbst die BTS-Boys reden noch davon, obwohl sie längst bewiesen haben, dass andere im Vergleich zu ihnen Grobmotoriker sind. Eine für einige vielleicht streberhaft wirkende Attitüde, die einem befremdlich erscheint – die aber Sinn macht, wenn man sie in den Kontext der südkoreanischen Leistungskultur setzt. Man kann das gut am Beispiel ihrer aktuellen Single „Last Dance“ und dem Video dazu festmachen. „Dieses Video zu konzipieren und zu drehen hat ungefähr vier Wochen gedauert. Ich habe sehr hart mit meinem Choreographen trainiert, weil ich wollte das Ausdruck und Performance perfekt zu dem passen, was ich mit dem Song sagen wollte.“ Dann atmet sie lächelnd, aber hörbar auf, als wolle sie sagen: „War n hartes Stück Arbeit.“
Mehr als nur ein Idol im klassischen Sinne
Wenn man genauer schaut, was diese gerade mal 23 Jahre junge Frau so alles macht, merkt man schnell, dass sie das Korsett einer Idol-Karriere, wie man sie zuvor angehen musste, ein wenig abstreifen konnte. Es klingt obskur, hier das Wort „independent“ zu benutzen, weil sie nun mal über eine Audition bei Universal Korea ihren Major-Label-Deal bekommen hat. Aber im Vergleich zu einer Laufbahn im Hause YG, wo sie maximal Teil einer Band geworden wäre, ist sie fast so etwas wie ein „Independet Idol“. Sie konnte selbst entscheiden, dass sie eine Solokarriere angehen will, was nicht vielen Trainees vergönnt ist. Dazu sagt sie: „Ich wollte meine eigenen Geschichten, Gefühle und Gedanken singen und einen Platz für meine Kreativität finden. So wie es jetzt ist, ist es die bestmögliche Chance, mich künstlerisch auszdrücken. I am very satisfied now.“ Die Art, wie sie das „now“ betont und dabei lächelt, lässt viel Raum für die Interpretation, dass das vorher nicht so gewesen sei. Aber Youha gibt ebenso zu: „Manchmal ist es auch schwer, independent zu sein, weil es natürlich viel mehr Arbeit für mich bedeutet. Aber mein Label Universal hilft mir sehr dabei.“ Das Wort „independent“ gefällt ihr spürbar, sie lächelt jedes Mal und nickt, wenn sie es benutzt.
Songwriterin für sich und andere
Was den kreativen Einfluss angeht, ist Youha ebenfalls mehr involviert als andere Idols. K-Pop ist in Sachen Songwriting Teamsport und es ist alles andere als Standard, dass die Idols selbst die Songlyrics in großen Teilen schreiben, geschweige denn die Songs komponieren. Youha macht beides – und zwar nicht nur bei ihren Songs. Man findet ihren Namen zum Beispiel in den Credits des Songs „What I Said“ von der Boyband Victon und bei den Loona-Songs „Wow“ und „PTT (Paint The Town)“. Letztgenannter war ein veritabler Hit, mit allein bei YouTube über 65 Millionen Views. Für sie sei diese Arbeit mit anderen Künstler:innen ein wichtiger Bestandteil ihrer Karriere: „Ich liebe es Songs zu schreiben. Es macht mich glücklich. Sie aufzunehmen ist dann oft ein sehr schwieriger Prozess, aber er ist alle Mühen wert. Für andere zu schreiben ist eine große Inspiration und ein sehr gutes Training. Ich lerne dabei sehr viel für mein eigenen Songwriting. I really love my job.“ Das sagen auch immer alle Idols – aber ihr glaubt man es gerade von Herzen.
Dann ist das Interview auch schon vorbei und Youha muss sich bereit machen, für die letzten Interviews und die kleine, bunte Invasion der TikTok- und Fan-Posse, die sich bereits in der Lobby sammelt. Auf die Frage, ob sie der deutschen Musikmedienlandschaft noch etwas sagen möchte, wird es dann noch einmal unfreiwillig sweet, da K-Pop-Idols irgendwie glauben, sie müssten mit Sprachkenntnissen des jeweiligen Landes glänzen, in dem sie gerade sind. Also sagt sie mit strahlendem Lächeln: „Guten Tag … Ich bin Youha and I am so happy to be here and having this interview. The time I spend in Germay has been great. Sorry, I am nervous … So, ich liebe dich! Was that right? Ich bin immer dankbar.”
Das sind wir an dieser Stelle auch – hat man ja nicht alle Tage, dass sich K-Pop Idols der Presse stellen. Und es hilft dabei, das größte Vorurteil abzubauen, das meistens von K-Pop-Ignoranten kommt: Dass K-Pop Idols seelenlose Performance-Maschinen sind, die das alles nur machen, um ihren Fans das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das war nämlich schon immer Bullshit – selbst wenn man zugeben muss, dass K-Pop die Sache mit der Musikvermarktung besser verstanden hat, als andere …
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