Yung Kafa & Kücük Efendi: Mit Kopfstimme zum Internet-Phänomen
Anno 2017 kann man Deutschrap in etwa so zusammen fassen: Bonez MC und Raf Camora generieren mit „Palmen aus Plastik“ einen gerade zu historischen Hype, die Modus Mio-Playlist boomt und mit Rin und Bausa fegen gleich zwei Schwergewichte aus Bietigheim-Bissingen durch die hiesige Musiklandschaft. All das hat zurecht Erfolg, aber im Untergrund wird zu diesem Zeitpunkt schon längst am Sound der Zukunft geschraubt. Während der Rest des Deutschraps immer noch damit kämpft, dass Autotune ein legitimes künstlerisches Werkzeug ist, veröffentlichen die Newcomer Yung Kafa & Kücük Efendi mit „Diamonds“ ihren ersten offiziellen Song und transzendieren in eine völlig neue Dimension der Stimmbearbeitung: Mit ihrer hypnotischen Kopfstimme erobern sie die Szene im Sturm und werden musikalische Trendsetter. Dabei könnte die zentrale Hookline „Ich strahle hell wie meine Diamonds (…), cruise durch die Nacht im Maybach“ nach prolligem Hip Hop-Materialismus, wie man ihn zu Genüge kennt, klingen. Aber das „Was?“, der Inhalt, das ist überhaupt nicht entscheidend, sondern viel mehr das „Wie?“. Die Antwort darauf klingt nach verträumten Spieluhr-Sounds, wummernden 808-Drums und überirdischem Falsetto – ein ganz eigener Sound, der hier seinen Anfang findet.
Yung Kafa & Kücük Efendi – Diamonds
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Zum Gesamteindruck trägt nicht zuletzt auch das ursprüngliche Video bei, das wie ein verrückter Supercut aus Stock-Bildern von Luxus-Gütern daherkommt. Gefilmtes Footage sehen wir bei Yung Kafa & Kücük Efendi in Zukunft fast gar nicht mehr, trotzdem bildet die visuelle Ebene einen riesigen Anteil an der Kunst des Duos. 2018 erscheint eine Remastered-Version von „Diamonds“, inklusive neuem Video in einem Comic-Stil, der fortan neben der Autotune-Kopfstimme zu einem zweiten Markenzeichen für Kafa und Efendi wird. Im gezeichneten Maybach cruisen die beiden Rapper an intergalaktischen Fluten, riesigen Tigern und surrealistischen Motiven aus der Feder Salvador Dalis vorbei. Das Duo inszeniert sich wie frisch vom Laufsteg, gekleidet in Luxus-Marken à la Helmut Lang und Prada. Die Silhouetten sind schwarz umrandet, wie wir es von Cartoon-Klassikern wie „Archer“ kennen, die Gesichter zur Unkenntlichkeit verpixelt. Und doch sind diese beiden vagen Charaktere, sowie die türkischen Bausteine in den Künstlernamen, die einzigen Anhaltspunkte, die auf die Personen hinter der Musik verweisen. Man könnte meinen, in unserem Informations-Zeitalter sei diese Anonymität ein Nachteil, aber ganz im Gegenteil: Das Mysterium um ihre Identität facht den Hype um die beiden Newcomer der Stunde nur umso mehr an. Und so finden sich in der wachsenden Fan-Gemeinde längst auch renommierte Rap-Kollegen, namentlich Ezhel und Ufo361. Letzterer ist schließlich selbst als Trap-Vorreiter bekannt und hat zu einem ähnlichen Zeitpunkt wie Kafa und Efendi die autotune-beladene Kopfstimme als sein Stilmittel etabliert. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Ufo und Ezhel mit der gemeinsamen Single „YKKE“ eine Homage an das anonyme Duo widmen, deren Initialen den Titel ergeben. Passend verträumt und märchenhaft kommen auch Musik und Inhalt daher: „Du bist nicht da, wenn ich nach dir such‘. Trotzdem bist du da, Baby, wie ein Fluch“.
Ufo361 x Ezhel – YKKE
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Ufo361 und Ezhel sind dabei nicht die Einzigen, die ihre Anerkennung an das Duo äußern: Kafa und Efendi haben bereits ein Feature mit Gringo in der Tasche, an dem auch Ezhel mitgewirkt hat, ebenso wurde schon mit Capo kollaboriert. Über den Newcomer-Status sind sie selbst noch kaum hinaus und trotzdem finden sich auch in der nächsten Generation an Nachwuchs-Rappern schon einige Nachahmer, die die Kopfstimme für sich entdeckt haben. Rapperin und Sängerin Selmon hat sich so bereits ein Feature mit Ufo361 erspielt, während OMG mit „Kylie“ direkt einen ganzen Song im Falsett-Stil veröffentlicht hat. Obwohl die eingängige Hook täuschende Ähnlichkeit mit Kafa und Efendi hat, klingt der Song deutlich klarer, präziser, verankert auf dem Boden der Tatsachen. Die verstrahlten Vibes fährt OMG zurück, beruft sich stattdessen auf Hypebeast-Flex, wie wir ihn von Rin kennen, und kommt damit schon jetzt bei einem beachtliche Publikum gut an.
OMG – Kylie
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Die Musik, die sich am besten mit dem YKKE-Sound vergleichen lässt, findet sich tatsächlich aber gar nicht in Deutschland, sondern im internationalen Raum, genau genommen in Schweden. Hier formte Yung Lean schon 2013 der Sound, den wir heute als Cloud Rap kennen und auf den sich neben Yung Hurn und LGoony inzwischen eben auch Yung Kafa & Kücük Efendi beziehen. Wer sich näher mit Yung Lean und seinem Sad Boys-Umfeld befasst, wird unweigerlich auch über eine andere Gruppierung stolpern: Die Drain Gang. Die Formation besteht aus Bladee, Ecco2k und Thaiboy Digital, sowie den Produzenten Whitearmor und Yung Sherman, die auch für den musikalischen Unterbau von Yung Lean sorgen. In den letzten Jahren hat die Drain Gang einen Internet-Kult erschaffen, wie er auch um Kafa und Efendi existiert und obwohl man die Gesichter der einzelnen Mitglieder kennt, sind ihre realen Persönlichkeiten ähnlich ominös. Zudem sind Bladee und Ecco2k für ihre prägnante, verzerrte Kopfstimme bekannt, die in vielen Songs beinahe synthetisch klingt und aus dem Mund einer digitalen K.I. stammen könnte. Dazu kommen abstrakte Produktionen auf Synthesizer-Basis, vielleicht aus der Zukunft oder aus dem Paralleluniversum, durch das auch Kafa und Efendi in ihrem Comic-Maybach rasen.
bladee & Ecco2k – girls just wanna have fun
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Wir merken also schnell: Die Kombination „Autotune & Kopfstimme“ ist kein Alleinstellungsmerkmal von Kafa und Efendi, ja, nicht ein mal ein Phänomen, das ausschließlich im Deutschrap vorkommt. Was ist es aber dann, was den verträumten Sound des Duos so einzigartig macht? Die Antwort lässt sich schlecht auf einen einzigen Punkt fixieren, denn das Mysterium YKKE funktioniert nur als Gesamtpacket. Der hohe Sing-Sang ist sicher ein großer Teil davon, aber nicht weniger wichtig ist die Anonymität, auf die beide Künstler so bedacht sind. In Kombination mit dem auffälligen Cartoon-Stil, der sich durch Videos und Cover-Illustrationen gleichermaßen zieht, entsteht der Eindruck, dass Kafa und Efendi überhaupt keine realen Personen, sondern viel mehr fiktive Figuren sind. Ob der Kleiderschrank der beiden wirklich voller Designer-Marken ist, ist vollkommen egal, solang es auf dem Bildschirm der Fall ist. Viele Songs des aktuellen Mixtapes „Dickicht“ haben ein eigenes Video bekommen und jeder kleine gezeichnete Frame bereichert das schillernde Gesamtbild einer ganz eigenen Welt. Dazu passt auch das Cover des Projekts, auf dem Yung Kafa & Kücük Efendi vor einer geöffneten Tür stehen, wie um uns in ihrem Universum willkommen zu heißen. In diesem spielt übrigens nicht nur Cloud Rap eine Rolle: Kafa und Efendi sind versiert, wenn es um Maler wie Salvador Dali oder René Magritte geht, genau so aber auch bei modernen Ikonen wie Rap-Legende Pimp C oder Queen-Frontmann Freddy Mercury. Letzterer wird gleich vielfach zitiert: Im Video zu „Queen“ spielen YKKE statt der titelgebenden Band das berühmte Live Aid-Konzert und heben mitsamt der Bühne ab ins Weltall. Passenderweise ist natürlich auch die Hook aus mehreren großen Queen-Hits zusammengesetzt und greift mit Augenzwinkern Original-Textzeilen auf: „Another one bites the dust, ah, Fendi1 fly as fuck, ja, Kafa kommt im Zweisitzer, I don’t wanna ride my bicycle“.
Yung Kafa & Kücük Efendi – Queen
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Der Nelly-Type-Gitarren-Beat von „Queen“ macht offensichtlich, was schon immer in der Musik des Duos mitschwingt: Kafa und Efendi greifen gerne auf Melodien und Elemente aus dem R&B zurück. Ebenso bekommt der Synth-Wave-Sound der 80er mit „Frei von dir“ einen eigenen Platz auf dem Projekt. Inspiration für „Dickicht“ bietet allerdings auch ein ganz anderes, verpöntes Genre, dass YKKE überraschend gut steht: Schlager. Simple Lyrik, trotzdem oder gerade deshalb Hymnen-Charakter, Themen zwischen Herzschmerz und lebenslanger Treue – all das gucken sich Kafa und Efendi von Deutschands erfolgreichstem Musikgenre ab und lassen es mit einem Twist in ihren Träumer-Trap einfließen. Am auffälligsten sind diese Anleihen wohl auf dem Highlight „Für immer“. Kafa und Efendi gleiten in einer venezianischen Gondel über endlose Sanddünen und die Menge auf dem Dorffest johlt vereint: „Morgen wird’s besser sein, du musst aufhören zu wein’n. Doch es fließt wie der Rhein, dein Herz ein Stein“. Zumindest würde sie das, wenn Matthias Reim den Song veröffentlicht hätte.
Yung Kafa & Kücük Efendi – Für immer
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Zusammenfassend lässt sich feststellen: Yung Kafa und Kücük Efendi sind erst seit 2017 mit offiziellen Releases im Internet unterwegs und haben trotzdem bereits viele Zeitgenossen beeinflusst, seien es nun Schwergewichte wie Ufo361 und Ezhel oder Newcomer wie OMG. Und obwohl der Hype um die hohe Falsett-Stimme in vollem Gang ist, büßen YKKE kaum etwas an Eigenständigkeit an, denn ihre Erfolgsformel ist mehr als eine Stimmlage. Stattdessen konzentrieren sie sich darauf, ein durchgängige Atmosphäre zu schaffen, die jeden Synthesizer und jede Zeichnung durchdringt. Ohne auch nur den geringsten Teil einer realen Identität preiszugeben, hat das Duo eine eigene Marke aufgebaut, sodass man einen YKKE-Song schon nach wenigen Sekunden als solchen erkennt. Mit jedem neuen Projekt bieten uns Kafa und Efendi einen kleinen weiteren Einblick in ihre Welt, umrandet mit schwarzen Cartoon-Outlines, irgendwo zwischen den Untiefen des Internets und dem Dickicht eines verwunschenen Märchenwaldes.
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