5 Dinge, die wir bei den Grammy Awards 2023 gelernt haben
1. Harry Styles ist „besser“ als Beyoncé und Bad Bunny
Man kann Harry Styles natürlich niemals böse sein – und wir haben uns ja auch ausführlich umgeschaut und umgehört in „Harry’s House“, dem letzten Album des ehemaligen One-Direction-Stars. Aber wenn man die starken Singles abzieht, muss man irgendwie doch feststellen – große Teile darauf klingen ein wenig so, wie der Titel des Openers „Music For a Sushi Restaurant.“ Trotzdem entschied sich die immer noch überwiegend weiße Jury der ausrichtenden „Recording Academy“ für Harrys Album in der Königsklasse „Album des Jahres“. Was bedeutet: Sie fanden dieses perfekt produzierte, inhaltlich eher leicht verdauliche Stück Pop besser oder relevanter als zum Beispiel das politisch sehr gehaltvolle und zugleich auf Party zielende Album des meistgestreamten Künstlers der Welt: „Un Verano Sin Ti“ von Bad Bunny. Oder den Rap-Blockbuster „Mr Morale & The Big Steppers“ von Kendrick Lamar. Oder „Special“ von Lizzo. Oder „30“ von Adele. Oder natürlich: dem Disco-Teamsport-Wahnsinn von Beyoncé „Renaissance“, dass fast alle Kritiker:innen als Meilenstein feierten. Da muss man diese Entscheidung der Jury entweder als Dummheit oder gar als Affront lesen. Wer als Plattenmensch nicht schnallt, dass der sweete, perfekt performende Cutie Harry in dieser Liste nicht die beste Entscheidung ist, der ist ganz offensichtlich noch von Vorgestern. Was allerdings tatsächlich für viele Jury-Mitglieder gilt. Hier hätte man wirklich mal ein Zeichen setzen können, in dem man Beyoncé oder Bad Bunny die Tropähe überreicht – aber wenn man sich auf eines verlassen kann bei den Grammys, dann auf die Tatsache, dass die Jury in solchen Momenten einfach immer verkackt.
2. Kim Petras: Eine Frau aus NRW, die die Welt verändert
Dass bei den Grammys auch Künstler:innen aus NRW zugegen und nominiert sind, passiert nicht alle Tage. Umso schöner, wenn manche davon sogar mit einem Preis in den Händen nach Hause gehen können. Auch wenn das WDR Funkhausorchester und die WDR Big Band sowie der nominierte Professor und Tonmeister aus Detmold, Bernhard Güttler leider leer ausgingen, konnte sich die in Köln geborene Sängerin Kim Petras über ein der goldenen Trophäen freuen. Für den gemeinsamen Hit „Unholy“ erhielten sie und Sam Smith den Preis in der Kategorie „Bestes Pop-Duo“. Kim Petras ist damit die erste trans Frau, die jemals einen Grammy erhalten hat.
2008 gab Kim Petras im Alter von 16 Jahren bekannt, geschlechtsanpassend operiert worden zu sein. Damit war sie weltweit die jüngste Person, die sich einer solchen Operation unterzog. Fast 15 Jahre später ist sie bei der 65. Verleihung der Grammys erneut für einen Meilenstein in der Geschichte von trans Menschen verantwortlich. Auf der Bühne war sie davon sichtlich gerührt: „Ich will nur all den unglaublichen Transgender-Legenden vor mir danken, die diese Türen für mich geöffnet haben, damit ich heute Abend hier sein kann. Ich bin an einer Autobahn mitten im Nirgendwo in Deutschland aufgewachsen. Und meine Mutter hat mir geglaubt, dass ich ein Mädchen bin. Ohne sie wäre ich nicht hier.“
3. Beyoncé ist ab sofort nicht nur Queen B, sondern auch die Queen der Grammys
Zu den Abräumern des Abends gehörte ohne Zweifel auch Beyoncé, die an jenem Abend nicht nur mit vier Grammys nach Hause ging, sondern ab sofort zusätzlich auch einen neuen Rekord mit auf ihrem Konto verbuchen kann. Denn die selbsternannte Queen B ist nun auch offiziell die Königin der goldenen Grammophone. Davon besitzt sie insgesamt nämlich jetzt schon 32 – eine Trophäe mehr als der britisch-ungarische Dirigent Georg Solti. Der hielt bisher den Rekord des Musikers mit den meisten Grammys aller Zeiten. Mit ihrem Album „Renaissance“, welches im Sommer 2022 erschien, konnte Beyoncé ihm diesen Titel nun streitig machen und sich selbst an die Spitze der aller Preisträger:innen katapultieren.
In diesem Jahr gewann sie in den Kategorien „Beste Dance-Aufnahme“, „Bestes Dance-/Electronica-Album“, „Beste Darbietung – Traditioneller R&B“ und „Bester R&B-Song“. In einer der vier Hauptkategorien konnte Beyoncé zwar keinen weitere Grammy abstauben, doch Grund zur Freude und für Dankesworte gab es natürlich alle Mal. „Ich versuche, nicht zu emotional zu sein und diesen Abend einfach nur zu genießen. Ich möchte meinen Eltern danken, meinem Vater und meiner Mutter, die mich geliebt und gefördert haben. Ich danke meinem wundervollen Ehemann und meinen drei wundervollen Kindern, die zu Hause sind und zugucken.“, erklärte sie.
@beyoncevi im not crying you are #beyonce #grammys2023 #renaissance #fyp ♬ original sound – beyoncevi
4. Der Loser des Jahres heißt: Chris Brown
Chris Brown arbeitet zwar immer noch und immer wieder mit tollen Künstler:innen wie H.E.R., Wizkid und Ed Sheeran, ist aber nach einem genauen Blick in diverse Prozessakten ein übergriffiges, pardon, Arschloch. Es gab da 2009 zum Beispiel den allseits bekannten „domestic violence incident“ gegen seine damalige Freundin Rihanna. Seine andere Ex-Partnerin Karrueche Tran hat ebenfalls gerichtlich erwirkt, dass Brown nicht mehr in ihre Nähe darf. Die komplette Historie seiner gerichtlichen Verfehlungen kann man hier nachlesen. Nun hat sich Brown außerdem noch als schlechter Verlierer und schlecht informierter Musikhörer geoutet. Er musste sich in der Kategorie „Best R&B“-Album gegen Robert Glasper geschlagen geben und kannte den nicht mal. „Yall playing. Who da fuck is this?“, war nur einer seiner Rants.
Was schon ein ziemliches Armutszeugnis ist, wenn man bedenkt, dass Pianist, Songwriter und Produzent Glasper seit Jahrzehnten einer der talentiertesten und aktivistische Grenzgänger zwischen Rap, Jazz und R&B ist – jemand, der schon mit Kendrick Lamar, Mac Miller, Common und Talib Kweli arbeitete. Und der mit „Black Radio III“ ein ebenso mitreißendes wie politisches Meisterwerk hingelegt hat. Deshalb an dieser Stelle noch mal einen geilen Track vom Glasper-Album, das alle Preise der Welt verdient hat:
5. Bescheidenheit ist sympathisch: Wet Leg räumen überwältigt zwei Preise ab
Sogar Barack Obama hatte schon seinen Segen für sie abgegeben, nun entschied sich auch die Academy zweimal für sie: Die Indie-Rock-Newcomer-Band Wet Leg von der Isle of Wight gewannen zum einen in der Kategorie „Bestes Alternative-Album“ für ihr selbstbetiteltes Debüt und in „Beste Alternative-Performance“ für die darauf enthaltene, virale Single „Chaise Longue“. Damit sind sie in letzterer Kategorie sogar die ersten Gewinner*innen in der Grammy-Geschichte, denn die gab es dieses Jahr zum ersten Mal. Sichtlich überwältigt nahmen sie die Preise an: „Was tun wir hier? Ich habe keine Ahnung“, stammelte Sängerin Rhian Teasdale. Beim zweiten Award übernahm Live-Drummer Henry die Danksagung, während das zentrale Duo Rhian und Hester sich lachend umarmte. Der schnelle Erfolg der Band, vor allem im letzten Jahr, ist durchaus bemerkenswert: Die erste Single erschien im Sommer 2021 und schon ein Jahr später wurde bekannt gegeben, dass Harry Styles (der ja auch am gleichen Abend gewann) sie als Support auf Europa-Tour mitnehmen werde. Das eingängige Songwriting und die cleveren, verspielten Texte trafen eben genau authentisch den Zeitgeist, was verdient mit zwei Preisen belohnt wurde.
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