5 Dinge, die wir beim 60. Montreux Jazz Festival gelernt haben
1. Dieses Festival hat zwei Gesichter
Wer sich auch nur einmal in die Historie des Montreux Jazz Festivals eingelesen hat (zum Beispiel in unserer aktuellen Printausgabe), weiß, dass die Legacy spektakulär ist. Die Konzerthistorie treibt regelmäßig Musikfans gehobenen Alters Freudentränen in die Augen, die natürlich auch einen kaufkräftigen Teil des Publikums ausmachen. Auch das diesjährige Line-up ist ein Fiebertraum aus ultra-zeitgemäßen Acts (Tyla, Danny L Harle, PinkPantheress, Zara Larsson) und Legacy-Namen (wie Sting, Nick Cave, Deep Purple oder Van Morrisson).
Mit Blick auf den älteren Teil des Line-ups, den Festivalnamen und die Sponsoren (die Luxusuhrenmarke Audemars Piquet, Porsche, die Privatbank Julius Bär) könnte man schnell meinen, das Festival sei eine Veranstaltung für das gehobene Budget und das gehobene Alter. Das stimmt zwar teilweise, aber: Wir haben erst am Wochenende wieder gemerkt, dass dieses Montreux Jazz zwei Gesichter hat.
Während die Bezahlkonzerte im Montreux Music & Convention Center stattfinden und auf perfekten Sound und große Namen setzen, ist die Strandpromenade mit seinen Bars, Street-Food-Buden und kostenfreien Bühnen der Place To Be für die Jugend der Region. Hier wird noch amtlich vorgeglüht, wie man es von Dorfpartys kennt und wer sich nach den Shows noch zu House, französischem Rap oder gar nicht schlechten Coverbands vergnügen will, erlebt ein ganz anderes Festival. Überhaupt wäre unser Pro-Tipp: Sich einen der kostenpflichtigen Abende aussuchen und einfach zwei weitere dranhängen, die man dann in diesem Teil des Festivals verbringt.

2. Raye war das schönste Jubiläumsgeschenk
Wer mit den Macher:innen des Montreux Jazz Festivals spricht, lernt schnell, dass man sehr stolz auf die Geschichte des Festivals ist, man aber eben keine bloße Nostalgie-Veranstaltung sein will. Das macht ein 60-jähriges Jubiläum mitunter tricky. Wie feiert man so was, wenn man auch die jüngeren Besucher:innen im Publikum haben will?
Tja, in solchen Fällen wäre es eben perfekt, eine Künstlerin zu haben, die moderne Pop- und Dance-Hits hatte, aber auch die musikalische Reife und Stimme besitzt, um sich musikalisch vor all jenen Größen zu verneigen, die schon auf der Bühne des Montreux Jazz gestanden haben. Noch perfekter wäre es natürlich, wenn diese Künstlerin eine emotionale Verbindung zum Festival hat. Klingt fast zu perfekt – aber da gibt es ja Raye, die tatsächlich in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge auf dem Festival performte.

Warum sie das tat, erzählte sie an dem wahrlich besonderen Eröffnungsabend im frisch renovierten Auditorium Stravinsky: Ihr leider in diesem Jahr verstorbener Großvater ist Schweizer und hatte sie hier vor zwei Jahren zum ersten Mal live sehen können. Außerdem spielten hier viele ihrer Idole. So sagte Raye auf der Bühne: „One of my favorite artists of all time, Ella Fitzgerald, was on this stage. So many greats were on this stage. I think this is why it’s so overwhelming and slightly intimating – in a healthy way – playing this festival.“

Die Bühne war nochmal ein anderes Thema: Der Eröffnungsabend wurde in Zusammenarbeit mit der Luxusuhrenmarke Audemars Piguet konzipiert. Die bauten ihr gleich eine eigene Rundbühne, die sich langsam drehte und viele Elemente hatte, die an eine Uhr erinnern. Raye spielte dann einen Mix aus eigenen Songs und Cover-Versionen jener Acts, die das Festival geprägt hatten. Während sie das tat, liefen auf den Leinwänden über der Bühne wunderschöne Collagen aus Videos und Konzertfotos der Montreux-Gigs. Gleich der Opener rührte zu Tränen: Zur Akustikgitarre sang Raye Nina Simones „Who Knows Where The Time Goes“ – und wir brauchten zum ersten Mal Taschentücher. Simone hatte 1968 bei dem Festival gespielt.
Auch Prince, Aretha Franklin, James Brown, Ray Charles und Al Green wurden auf diese Weise geehrt. Und dann waren da noch die Special Guests: Ihren Song „Joy“ sang Raye mit ihren Schwestern Absolutely und Amma, die man schon von ihrer Tour kannte. Im ersten Drittel kam Musiker und Produzent Mark Ronson auf die Bühne und spielte mit Raye das von ihm mitgeschriebene „Uptown Funk“ (von Bruno Mars) und „Suzanne“.

Völlig fertig waren wir dann, als Raye einen weiteren Gast ankündigte: „Ihr Album war die erste CD, die ich mir jemals gekauft habe“, sagte sie – und dann stand plötzlich eine grinsende Alicia Keys auf der Bühne. Zuerst sangen sie Keys „If I Ain’T Got You“ im Duett, bevor sie sich an den Bühnenrand setzten, um gemeinsam Rayes „Oscar Winning Tears.“ zu performen. Wie sich diese beiden Stimmen ergänzten, wie sie vor Sisterhood und Wertschätzung von der Bühne strahlten, wie krassgut der Sound bei all dem war – das war ein perfekter Popmoment, bei dem wir uns sehr privilegiert fühlten.
Die guten Nachrichten für alle, die nicht vor Ort sein konnten: ARTE hat das Konzert aufgenommen und ihr könnt es hier in voller Länge sehen.
3. Montreux gibt den Versponnenen und etwas Entrückten eine Bühne
Wer sich das Line-up genau anschaut, findet oft Musiker:innen und Stimmen, die im besten Wortsinn eigen oder ein bisschen exzentrisch sind. Deutlich wurde das bei zwei Konzerten, die uns in gleichen Teilen verwirrt und begeistert haben. Da wäre zum einen der irische Songwriter Dove Ellis, der uns 2025 mit seinem Album „Blizzard“ beglückte.
Ellis hat eine wundervolle, herausfordernde Stimme, die er live noch ein bisschen öfter in anstrengende Tonlagen zieht. Er hat Songs, die manchmal wie perfekte Balladen wirken, bevor sie bewusst zerhackt und zerschossen werden. „Love Is“ ist so ein Stück, „It Is A Blizzard“ ein weiteres. Es war musikalisch nicht immer leicht, Dove Ellis zu folgen und auch seine genuschelten Ansagen waren manchmal fast ein wenig unsympathisch. Und trotzdem stand man seltsam ergriffen vor der Bühne des Montreux Jazz Lab und lauschte diesem einzigartigen Konzert, das eben nicht für alle zugänglich klang.

Ein weiteres Beispiel wäre die Songwriterin Aldous Harding, die in diesem Jahr mit „Train On The Island“ einen Anwärter für die Platte des Jahres veröffentlicht hat. Sie verweigert sich ein Stückweit der klassischen Konzertdramaturgie, redet nicht zwischen den Songs, bleibt wortkarg, aber dafür voll in ihrer Kunst versunken. Man feiert das trotzdem, weil die Songs und die Performance von ihr und ihrer Band einfach so großartig sind. Am Ende sagte sie die rührenden Worte: „Thank you for letting me be myself.“

4. Die alten Held:innen gehören halt auch dazu
Kein Montreux-Jahr ohne ein paar dieser musikalischen Urgesteine, die mit ihrer Kunst würdig gealtert sind. Am ersten Wochenende des Festivals, das noch rund zwei Wochen dauert, konnten wir zum Beispiel Sting mal live erleben – der mit seinen paarundsiebzig Jahren stimmlich und körperlich erstaunlich fit ist. Er mischte The-Police-Hits mit seinen eigenen Radio-Hits, die wir persönlich oft ein bisschen langweilig finden. Aber hey, irgendwie sahen das viele anders …

Am Sonntagabend pilgerten wir dann bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr zur Nick-Cave-Messe – nachdem wir ihn ja kürzlich in Lingen live erlebt hatten. Ein krasses Konzert, was zum einen an seiner gewohnt brillanten Live-Performance lag, zum anderen aber auch am wahrlich fantastischen Sound dieses Festivals. Darauf wurde übrigens von Anfang an Wert gelegt, und das Montreux Jazz Festival zeichnet seit dem ersten Jahr jede Performance auf den Hauptbühnen in Ton und Bild auf (was auch ein Grund ist, warum es so viele Live-Alben aus der Stadt gibt). Bei so einer versierten Band wie Caves The Bad Seeds hört man das noch ein bisschen deutlicher.

5. Die Gegend ist ebenfalls Main Act
Wer zum Montreux Jazz Festival reist, sollte unbedingt ein paar Tage länger einplanen: Es liegt nämlich (gut drei Zugstunden von Zürich entfernt) an der sogenannten Swiss Riviera am Ufer des Genfersees – und da lebt es sich wirklich wie in einer begehbaren Postkarte.
Wir empfehlen euch, sich eine Unterkunft im Nachbarort Vevey zu suchen. Da ist es etwas ruhiger und noch ein wenig schöner als in Montreux, und das Festival sorgt durchgehend dafür, dass man zu fast jeder Tageszeit nach Hause kommt. Während man bei anderen Festivals oft im Zelt schwitzt, und am Morgen unter einem lädierten Pavillon Toast frühstückt, sind wir hier jeden Morgen erst zum günstigen Supermarkt gegangen und chillten dann an der Promenade in Vevey, wo man kostenfrei Strand-Liegen bekommt, einen wunderschönen Ausblick hat und eben noch mal in den Genfersee springen kann. Und mit diesem Bild entlassen wir euch jetzt einfach mal aus diesem Nachbericht.
Das Montreux Jazz Festival geht noch bis zum 18. Juli. Infos und Tickets findet ihr hier.

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