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Als Nick Cave einmal in „f*cking Lingen“ spielte

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Hätte man mir vor zwanzig Jahren erzählt, dass ich mal in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, ein Konzert von Nick Cave sehen würde, hätte ich mich vermutlich etwas verarscht gefühlt. Wie viele Leute, die irgendwann in den Berliner, Kölner oder Hamburger Musikjournalismus gespült werden, bin ich als Landei großgeworden und träumte immer davon, hochwichtige Place-to-Be-Konzerte in Laufweite zu haben.

Als ich diesen Luxus dann irgendwann tatsächlich hatte und sogar manchmal auf der Gästeliste stand, fiel mir auf, dass ich der vermeintlichen Provinz einen großen Teil meiner Musiksozialisation verdanke. Zwar gab es in meinem Dorf bei Osnabrück nur das Schützenfest, Coverband-Abende und später ein irisches Folkfestival, aber sobald ich ein Auto und eine Konzertclique hatte, fuhr man dann eben nach Osnabrück, nach Münster, nach Bielefeld – und hin und wieder auch nach Lingen.

Selbst Bob Dylan spielte schon in Lingen

Lingen im Emsland ist zwar auch schon eine gute Autostunde von meiner Heimat entfernt, aber der Jugendsport und meine Ausbildungsfirma brachten mich immer wieder mit dieser Stadt in Verbindung. Außerdem gab es dort den Alten Schlachthof Lingen, in dem ich frühe Konzerte von Bands wie Tomte, Kettcar oder diversen Punkbands erlebt habe. Ich habe schon im letzten Jahr mal einen Text namens „In die Provinz! Eine Liebeserklärung an Konzerte abseits der Metropolen“ über diese Erfahrungen geschrieben – und muss es jetzt noch einmal tun. Diesmal gibt es aber einen konkreten Konzertanlass: Beim Open Air an der EmslandArena spielten am Dienstag Nick Cave & The Bad Seeds. Ein Künstler, den ich verehre, seitdem ich mir als Teenager in meiner morbiden Phase das Album „Murder Ballads“ kaufte – eine Themenalbum über Mord und Totschlag, auf dem auch der Hit „Where The Wild Roses Grow“ von Cave und Kylie Minogue zu finden ist. Als ich Nick Cave das erste Mal live sah, gab ich einen halben Azubi-Lohn für eine Reise nach Berlin aus – diesmal konnte ich vom Haus meiner Eltern direkt hin.

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Dass Nick Cave ausgerechnet in Lingen spielt, ist allerdings kein Zufall – sondern der Verdienst jener Leute, die in dieser Stadt seit Jahren dafür sorgen, dass gute Gitarrenmusik einen Platz hat. Es gibt zum Beispiel weiterhin Konzerte im Jugendzentrum Alter Schlachthof und es gibt im Juli das Umsonst & Draußen Festival Lautfeuer, das zuvor Abifestival Lingen hieß und von einem Verein mit den aktuellen Abi-Jahrgängen organisiert wird. Gibt es was Geileres, um junge Menschen mit Livemusik anzufixen? Last but not least gibt es aber auch die Emslandarena in Lingen, die 2013 eröffnet wurde und seitdem zahlreiche, auch ziemlich große Acts ins Emsland gelockt hat. Neben der deutschsprachigen Festivalheadliner-Riege kam sogar auch Bob Dylan mal für eine Show vorbei. Im Sommer gibt es auf einer großen Bühne vor der Arena außerdem ausgewählte Open-Air-Konzerte.

„Where are we? In fuckin‘ Lingen!“

Tja, und diesmal kam also Nick Cave & The Bad Seeds – einer der charismatischsten Sänger und Songwriter, den die letzten Jahrzehnte hervorgebracht haben. Und einer der besten Live-Acts – egal ob als junger Mann mit The Birthday Party, wo er sich in Westberliner Clubs auf Heroin mit dem Publikum prügelte, als Schmerzensbarde solo am Piano in großen Konzertsälen, oder aber mit der jeweils aktuellen Besetzung seiner Begleitband The Bad Seeds auf Arena- und Festivalbühnen. Schaut man auf die Daten seiner aktuellen Tour hat man fast das Gefühl, Cave habe diesmal ganz bewusst die nicht so offensichtlichen Städte und Locations ansteuern wollen.

Wie belebend und einmalig diese Entscheidung sein kann, zeigte sich in Lingen. Ein Stadtname, den der brillante Texter und Wortschmied Nick Cave offenbar sehr spannend findet. Immer wieder rief er: „Thank you, fuckin‘ Lingen!“ Oder: „Where are we? In fuckin‘ Lingen!“ Immer wenn ihm dieses Wort aus meiner Jugend über die Lippen kam, musste ich unfreiwillig grinsen.

Für mich fühlte sich das sehr atmosphärische, von einer neugierigen bis seligen Stimmung durchzogene Konzert ein bisschen an, wie das Stadt- oder Dorffest meiner Träume. Und Nick Cave hatte ein Publikum vor sich, wie man es wohl auch nicht immer bei seinen Shows findet. Es waren schon recht viele Cave-Jünger und -Betschwestern da, viele von ihnen aus den Niederlanden angereist. In den ersten Reihen (und in unserer Fotogalerie) sah man also die wie gewohnt strahlenden, ehrfürchtigen Gesichter, die seine intensiven Shows immer anziehen. Hinten, kurz vor dem FOH, sah man aber auch klassisches Schützenfestpublikum, das erst verwirrt, dann fasziniert und am Ende bei der Pianoballade „Into Your Arms“ gar ziemlich gerührt war. Von den drei Bier trinkenden Herren um die 50 fragte zwar einer bei der ersten Zugabe, wer von den Menschen auf der Bühne dann nun Nick Cave sei, aber hey …

Gut gekleidet und sehr nah am Publikum

Das erkennt man ja eigentlich sofort. Nick Cave war auch in Lingen der wahnsinnig adrett gekleidete, seltsam alterslose, etwas furchteinflößend auftretende, charismatische Gentleman, der auf der Bühne schreit, croont, säuselt, betet und flucht. Schon beim Opener „Get Ready For Love“ suchte er das Bad in der Menge, lief immer wieder über den Bühnensteg direkt vor dem Publikum, berührte Hände, feuerte das Publikum an. Zwar brauchten die Bad Seeds diesmal ein bisschen länger, um in Fahrt zu kommen (zum ersten Song sagte Cave: „We fucked this one up, in case you did not know.“), aber spätestens nach dem hymnischen „O Children“ und dem dunklen „Tupelo“ lief diese unfassbare Livemaschine, die Cave und Band über die Jahre geworden sind.

Die Bad Seeds wurden dabei wieder – wie schon auf der „Wild God“-Tour – von drei Gospelsängerinnen und einem Gospelsänger begleitet. Eine von ihnen gab dann die würdige „Vertretung“ für PJ Harvey, als Cave endlich mal wieder eine der „Murder Ballads“ spielte: „Henry Lee“. Überhaupt hatte die Setlist einige erfreuliche Überraschungen. Neben den „Hits“, die es braucht – „From Her To Eternity“, „O Children“, „Mercy Seat“, das aus „Peaky Blinders“ bekannte „Red Right Hand“ und am Ende „Into Your Arms“ – gab es auch Außergewöhnliches wie das wortgewaltige, 14minütige „Hollywood“, das er als letzten Song vor dem Zugabenblock wählte.

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Während Cave dieses Poem intonierte, wurden die Lyrics auf die Leinwand projiziert – und so schaute die Mischung aus Cave-Fans und Lingener Nachbarschaft andächtig auf Zeilen wie: „There’s little room for wonder now, and little room for wildness too / We crawl into our wounds, I’m nearly all the way to Malibu / I’m gonna buy me a house up in the hills / With a tear-shaped pool and a gun that kills.

Got you, Lingen

Überhaupt hätte ich gedacht, dass Nick Cave vielleicht in Lingen einen schweren Stand hat. Der Emsländer an sich gilt oft eher als wortkarg und eigen – und irgendwie unterstellt man dann unterbewusst, dass diese schwermütige, von Apokalypse, Gott, Mord, Tod, Sehnsüchten und den Abgründen der Liebe kündende Musik hier vielleicht nicht so gut durchkommt wie anderswo. Turns out: Beides schien sogar erstaunlich kompatibel. Unter den rund 8.000 Menschen erlebte man jedenfalls kaum welche, die während der Show quatschten oder gar lästerten.

Aber Cave kann man auch einfach schwer widerstehen. Dieser spannende Typ, der schon viele sehr traurige Dinge erleben musste (zwei seiner Söhne starben in den letzten Jahren), ist und bleibt ein Menschenfänger und ein Bühnentier. Das merkt man in so besonderen Momenten, wo er zum Beispiel direkt am Publikum singt, eines seiner Bücher hochgereicht bekommt, er kurz das Mikrofon abgibt, das Buch signiert, es zurückgibt und dann genau im richtigen Moment weitersingt. Ein anderes Mal motivierte er das Publikum zum Mitklatschen und tat das, indem er einen Fan im Publikum darum bat, immer wieder mal kurz das Mikro zu halten, damit er selbst mitklatschen kann.

Auch in den letzten Sekunden gab es noch so einen unwiderstehlichen Schlüsselmoment: Cave spielte „Into Your Arms“ solo am Piano und bat das Publikum mitzusingen. Beim letzten Chorus sang dann Lingen andächtig wie bei der Sonntagsmesse, leise aber ergriffen immer wieder die Worte „Into Your Arms“. Nick Cave blickte beim letzten Chorus dann direkt ins Publikum, führte nur mit dem Piano durch die letzte Melodie und lächelte kurz so bewegt und zugleich so durchtrieben, dass ich vermute, er habe da so was gedacht wie: „Got you, Lingen!“

Und es stimmt ja auch. „Fucking Lingen“ kam zur Cave-Messe und fuhr oder ging bekehrt nach Hause. So auch ich und meine beste Freundin aus der Heimat. „Krass, waren mir mal in Lingen bei Nick Cave“, dachten wir beide und sagten es laut. „Fucking Lingen“, wer hätte das gedacht…

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