5 Entdeckungen vom MURMURS Festival in Litauen
Das MURMURS Festival hatte uns schon mit dem Namen: Das englische Wort heißt übersetzt ungefähr Flüstern, Wispern oder auch Raunen. Interessanterweise ist es nicht immer nur positiv belegt – oft schwingt auch etwas Bedrohliches, Geisterhaftes, Gefährliches mit. Und das passt wiederum zu einem Line-up, das bisweilen sehr atmosphärisch, geheimnisvoll und dunkel geraten ist.
Litauen: Eine kurze Geschichtsstunde
Das MURMURS setzt überwiegend, aber nicht ausschließlich, auf Acts aus der heimischen Musikszene. Die Konzerte fanden dabei in diesem Jahr im Kablys statt – seit den 90ern eine der Live-Locations in Vilnius. Schon das Gebäude ist extrem spannend und steht exemplarisch für die bewegte Geschichte der Stadt und des Landes. Litauen wurde 1940 im Rahmen des Hitler-Stalin-Paktes völkerrechtswidrig annektiert und war dann 1990 das erste Land, das sich von der Sowjetunion löste.
Nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung versuchten Moskau-treue Kräfte im Januar 1991 einen Putsch in Vilnius, der jedoch scheiterte. 14 unbewaffnete Zivilisten, die das Parlament und den Fernsehturm in Vilnius verteidigten, starben dabei. Es brauchte erst weitere Konflikte und den drohenden Zusammenbruch der Sowjetunion, bis im September 1991 auch die Sowjetunion die Souveränität von Litauen, Lettland und Estland anerkannte. Seit Mai 2004 ist Litauen Mitglied der EU, 2009 war Vilnius offizielle „Kulturhauptstadt“ und darf sich seit einigen Jahren auch „Weltkulturerbe der UNESCO“ nennen.

Die Kids aus dem Kablys
Diese Geschichte ist ein Stückweit in die MURMURS-Konzertlocation Kablys eingeschrieben: Zu Sowjetzeiten ein Kulturzentrum und Social Club für Bahnarbeiter, wurde das Gebäude in den 90ern zu einem Tempel der Sub- und Konzertkultur. Der Name bedeutet übersetzt „Haken“ und tatsächlich schmückt das Gebäude eine riesige Haken-Skulptur, die wirkt, als hätte man sie in die Front des Gebäudes geschlagen. Sie entstand im Rahmen einer Ausstellung in den 90ern: Viele wollten dieses Abbild der Sowjetkultur am liebsten aus der Stadt reissen – also kam jemand auf die Idee, genau dafür einen Haken anzubringen. Zum Glück merkte man schnell, wie atmosphärisch diese Räume sind – gerade weil sie regelrecht entkernt wurden – und riss das Gebäude folglich nicht aus der Stadt.
Aber genug der Einführung: Hier kommen unsere fünf Entdeckungen…
1. Kabloonak
Der Songwriter Jonas Narbutas nennt sich Kabloonak – ein Spitzname, der auf ein altes Inuit-Wort zurückgeht. Er singt überwiegend auf Englisch und ist hörbar von Leonard Cohen und The National inspiriert – was ja schnell prätentiös oder generisch wirken kann, wenn man weder die richtige Stimme noch das dazu passende Songwriting hat. Bei Kabloonak ist das ausdrücklich nicht der Fall: Songs wie „Bruises On Her Legs“, oder das für ihn ungewöhnlich hoch gesungene „Am I“ überzeugen auf ganzer Linie und Kabloonak bringt bei all dem Talent auch noch das passende Charisma mit auf die Bühne. Ein echtes Highlight am Donnerstag, bei dem Kabloonak die ersten Reihen seiner Crowd regelrecht zu hypnotisieren schien mit seinen traurig-schönen Liedern zwischen Songwriter-Folk, Indie-Vibes und dezenten Blues-Einflüssen.
Hèr
Diese polnische Band hat schon auf dem Eurosonic viele Booker:innen begeistert. Und auch wir denken: Stellt sie nachts im Dunkeln irgendwo auf die Bühne und die Leute werden es feiern. Dabei sind Hér alles andere als leichte Kost: Musikalisch changieren sie irgendwo zwischen The-National-Vibes, einen nervösen Jazz-Energie, einer eher aus dem harten Metal entlehnten Ästhetik und störrischen Post-Punk-Rhythmen. Ihre erste Inspiration waren übrigens uralte, nordische Gedichte wie zum Beispiel die isländische Edda aus dem 13. Jahrhundert. Auf der Bühne entwickelt das einen ganz besonderen Sog, weil die Musiker ihre Instrumente kreisförmig arrangiert haben und der Sänger zwar vorne steht, den Blick aber oft auf seine Bandkollegen hat. Dazu laufen dunkle, abstrakte Visuals, die einen ganz kirre machen.
AKLI
Der Freitag des MURMURS war ungleich besser besucht – und hatte eine interessante Crowd aufzubieten. Obwohl, oder gerade, weil die größten litauischen Bands des Abends sehr darke, meist post-punkige Musik machten, war ein großer Teil des Publikums ungewöhnlich jung, stylisch und sah so aus, wie bei uns eine Zartmann-Crowd aussehen würde. Das Highlight für viele war dabei der Gig von AKLI um Sänger, Gitarrist und Songwriter Kristijonas Valančius.
Mit brillanter, eher dunkler Licht-und-Schatten-Show und einer mitreißenden Aggression plus der richtigen ohrenbetäubenden Lautstärke, überzeugten AKLI als Trio auf ganzer Linie. Ihr Sound: Irgendwo zwischen Post-Punk und Industrial, an den richtigen Stellen lärmend und an den ebenso richtigen Stellen atmosphärisch-düster. Die Lyrics (wie uns eine Litauerin erklärte): existenziell, abgründig, komplett auf Litauisch gesungen.
Vona Vella
Diese tolle Indieband aus Nottingham könntet ihr schon aus dem Vorprogramm von den Libertines oder Pete Doherty kennen, wo sie im Vorprogramm zu sehen waren. Aber die Connection zum Libertines-Lager sind auch anderweitig sehr gut: Vona Vella nahmen auch ihr Debütalbum im Studio der Band auf und sind bei Dohertys Label Strap Originals unter Vertrag. Dort erschien vor einigen Tagen auch der nicht minder tolle Zweitling „Carnival“. Vona Vella hatten ein wenig Pech mit ihrem Slot: Sie spielten als erste Band am Donnerstag und noch nicht alle Musikfans hatten es rechtzeitig in die Location geschafft. Das änderte aber nichts daran, dass wir uns gleich schockverliebten in ihren zugleich beschwingten und melancholischen Sound und in den spürbar guten Bandvibe.
shishi
Sie nennen sich Benadetta, Victoria und Teresa, sind litauische Meerjungfrauen und geben selbst zu, dass das natürlich alles nur so halb stimmen könnte. shishi nennen ihre Musik „zero-waste trash music“ und meinen damit eine Mischung aus Surf im Stile von La Luz und Los Bitchos, gepaart mit den Vibes von Le Tigre und Co. Feministisch, funny, unfassbar catchy, ansteckend rhythmisch und immer wieder politisch, waren shishi ein absolutes Highlight des MURMURS, das man auf jede Festivalbühne der Welt stellen könnte. Wäre schön, wenn sich genau das rumspricht …
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: SSIO
Außerdem im Heft: Interviews mit badmómzjay, t-low, Magda, Paula Engels, fcukers, Betterov uvm. Außerdem große Reportagen über Kneipenkultur, Queer Rage und Essays!