Album der Woche: Baby Keem – Ca$ino
Fünf Jahre nach seinem letzten Album meldet sich Baby Keem mit „Ca$ino“ zurück und teilt damit sein bislang persönlichstes Projekt. Zwischen fiebrigem Las Vegas, familiären Wunden und grellem Sounddesign wird aus dem Glücksspiel eine Geschichte über Schicksalsschläge und Selbstermächtigung. Sein Debüt feierte Baby Keem 2018 mit „The Sound of Bad Habits“. Wer den Rapper über dieses Album entdeckt hat, wunderte sich wenig später kaum, dass ihn und Kendrick Lamar buchstäbliche „Family Ties“ verbinden. Unter diesem Titel veröffentlichen die Cousins 2021 dann auch ihr erstes Feature. Eine Kollaboration, die Keem 2022 mit nur 21 Jahren seinen ersten Grammy einbrachte. Auch Keems zweites Album „The Melodic Blue“ erhielt blendende Kritiken. Ein weiteres Mal rappten die Cousins dann auf der Single „The Hillbillies“ 2023 zusammen. Und wie jeder, der Rang und Namen hat, war Baby Keem natürlich auch auf „Leavemealone“, einem Fred-again..-Feature, zu hören. Ein Album blieb jedoch aus.
Nach fünf Jahren Warten ist Baby Keem nun zurückgekehrt. Und seit seinen letzten Releases hat sich einiges getan. Schon eine dreiteilige Mini-Doku-Reihe, die er kurz vor dem Album-Release veröffentlichte, macht deutlich: „Ca$ino“ wird ein zutiefst persönliches Album. Baby Keem erzählt von seiner Familie, Schicksalsschlägen und dem Aufwachsen in einem fiebrigen Las Vegas. Die Spielsucht seiner Mutter, Drogen, Trauma und Leichtsinn ziehen sich thematisch durch den Release. Oft scheint „Ca$ino“ düster und wütend, fokussiert sich dann aber wieder auf Widerstandsfähigkeit und den Willen, ein Generationstrauma aufzubrechen, zu reflektieren und Platz für Veränderung zu machen.
„Ca$ino“: Staraufgebot trifft Produktionskunst
Mit dabei ist natürlich auch wieder Mentor und Cousin Kendrick Lamar, dieses Mal auf einem Song Namens „Good Flirts“. Ein Track, der mit Momo Boyd ein weiteres spannendes Feature versteckt. Die Sängerin war zuvor gemeinsam mit ihren Geschwistern Abraham, Angel und Israel in der US-amerikanischen Softrock-R&B-Band Infinity Song zu hören, die in den vergangenen drei Jahren insbesondere über Social Media an Bekanntheit gewann. Mit ihrem Part auf der Keem-Single wirkt sie erstmals als Solosängerin an einem externen Projekt mit. Unter den Features auf „Ca$ino“ finden sich außerdem Contemporary-R&B-Artists wie Che Ecru sowie der Westcoast-Pionier Too $hort.
Besonders Spaß macht an „Ca$ino“ zunächst, dass sich der Albumtitel auch deutlich in dem Sounddesign widerspiegelt. Dabei beweist sich Baby Keem nicht zuletzt als ein begabter Produzent. Der zweite Track des Albums „Casino“ beginnt mit dem Klirren von Münzen und dem digitalen Klingeln eines Jackpots, das sich anschließend in einen 808-lastigen Beat verwandelt. Die Synths wirken dabei leicht verzerrt, hochfrequent und auf eine schrille Weise synthetisch und kreieren so eine Atmosphäre, die an die hektische, bunt blinkende Überforderung einer Spielhalle erinnert.
Im Kontrast dazu stehen eher old-school-anmutende Boom-Bap-Tracks wie „I Am Not a Lyricist“. „ Mit „Birds & the Bees“ verwandelt Keem das zutiefst melancholische Sample von Feist’s „Honey Honey“ in einen beschwingten Ohrwurm und auf Tracks wie „Circus Circus Freestyle” spielt er im Dialog auf eine Art und Weise mit seiner Stimme, die stark an Storytelling-Rapper wie Eminem oder eben Kendrick Lamar erinnern. In dem auf Klavier und Regen reduzierten Finale des Albums, „No Blame“, richtet sich Keem dann direkt an seine Mutter: „But I won’t blame you mama, You was walking the streets alone, you couldn’t shake the trauma.“ Getragen werden die Lyrics von einer gefühlvolle Melodie aus „I Never Learnt To Share“ von James Blake. Ein introspektives Sample, das wie eine leise, unterschwellige Botschaft mitzuschwingen scheint.
„Ca$ino“ wird so zu einem Album, das mit seiner Abwechslung zwischen Emotion und Energie auch live für wenig Langeweile sorgen dürfte. Eine weltweite Tournee hat Baby Keem zu diesem Mega-Release natürlich schon angekündigt. In Deutschland wird er am 31. August in Köln und am 1. September in Berlin auftreten.
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: Ikkimel
Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.