Album der Woche: Blood Orange – Essex Honey
Der britische Sänger und Produzent Blood Orange war in den letzten Jahren vor allem durch seine Beteilung an den Veröffentlichungen großer Pop- und Rap-Artists im Gespräch. Zu den Arbeiten, in deren Credits er auftaucht, zählen Solange Knowles‘ „True“, „Testing“ von A$AP Rockys, Mac Millers „Swimming“ und zuletzt „Virgin“ von Lorde. Mit seinen eigenen Veröffentlichungen bleibt der Musiker eher unter dem Radar – bis auf seinen 2011er Song „Champagne Coast“, der im letzten Jahr auf TikTok zu einem Viral Hit wurde. Diese Auflistung allein wird der Kunst des multitalentierten Briten allerdings nicht gerecht. Mit seiner jüngsten Veröffentlichung hat er vielleicht sogar eins jener Alben produziert, das sich etwa neben „Blonde“ von Frank Ocean einreiht in die musikalischen Meisterwerke, die so einschneidend und alleinstehend sind, dass man noch Jahre nach Veröffentlichung darüber sprechen wird.
„Essex Honey“ heißt das fünfte Album von Devonté Hynes, wie Blood Orange bürgerlich heißt und ist ein Liebesbrief an die englische Grafschaft im Nordosten Londons. Hynes wuchs hier auf – am Rande einer der pulsierendsten Städte der Welt, aber eben nur in greifbarer Nähe einer Stadt, in der alles passiert. Genau dieses Erwachsenwerden, in einer Gegend, der man seine ganze Jugend lang den Rücken kehren möchte und erst wenn man dort nicht mehr wohnt, die Schönheit und Besonderheit sehen kann, die einen zu dem gemacht hat, was man ist, verarbeitet Blood Orange auf diesem Album. Während der 14 Songs geht es außerdem um den Verlust seiner Mutter – und erinnert in der Verarbeitung dieser großen Trauer an „Carrie & Lowell“ (2015) von Sufjan Stevens.
Der Verlust der Jugend, der Verlust der Mutter
Die Tracks auf „Essex Honey“ fließen zwischen R‘n’B, Indie-Rock, Dancefloor und Funk so, dass man oft nicht merkt, wann ein Track endet und wann der nächste beginnt. Dann gibt es diese disruptiven Cello-Outros, die immer wieder ganz klare Schnitte in das Album bringen. Da ist zum Beispiel der Opening-Track „Look At You“, der mit sanften Synths und Vocals in das Album startet. Hynes singt: „How can I start my day / Knowing the truth / ‘Bout love and a loss of youth?“ und setzt damit das Thema für die kommenden Songs. Der Track geht über zum folgenden „Thinking Clean“, das von harter Melancholie und Piano auf schwingenden Hi-Hats begleitet wird. Dann folgt das schneidende Cello-Outro, bevor mit „Somewhere in Between“ ein schwungvoller Song nachrückt, der sich zwischen Cello und Saxophon mit dem Bedürfnis auseinandersetzt, noch einmal durch die Augen des Teenager-Ichs zu schauen und alles von damals nochmal zu machen, nochmal besser zu machen.
Warmes Sonnenlicht blitzt durch graue Melancholie
„Mind Loaded“, das als Vorabsingle des Albums erschien, stellt einen verträumt-melancholischen Höhepunkt des Albums dar. Mitten im Song singt Lorde die gleichnamige Zeile des Elliott Smith Songs „Everything Means Nothing To Me“. Die Geige auf dem Song spielte Schauspielerin Amandla Stenberg. Diese beiden Auftritte sind nur zwei von vielen Gästen auf dem Album. Während Blood Orange auf „Essex Honey“ musikalisch fast ein ganzes Orchester hinter sich aufgestellt hat, sind die Beiträge diverser befreundeter Künstler:innen wie ein namenhafter Chor, der das Album unterstützt. Mit von der Partie sind zudem unter anderem Caroline Polachek, Mustafa, Daniel Caesar und Autorin Zadie Smith.
Diese Auftritte sorgen für kleine aufflackernde Sonnenmomente auf dieser Albumreise durch die verregnete englische Landschaft. So überrascht Caroline Polachek am Ende des Indie-Songs „The Train (King’s Cross)“ im Dialog mit Blood Orange auf Deutsch: „And the worst is yet to come / Ich stehe kurz vor dem Abgrund“.
Das Outro des Albums ist zum Ende des Gesamtwerks tieftraurig, aber inmitten des Verlust auch hoffnungsvoll. Auf „I Can Go“ mit Mustafa und der guatemaltekischen Cellistin und Sängerin Mabe Fratti singt Devonté Hynes mit letzterer, als wäre sie die Stimme seiner Gedanken: „I can go / Pánico cuando ves el camino / Nights that flow / Pánico cuando ves / Patience in you“. Es ist die finale Botschaft des Albums: In all der Trauer, wird sich ein Weg bahnen und auch wenn bei dessen Anblick Panik aufsteigt – dies ist der Weg aus der Trauer heraus. Man hat Licht und Geduld mit sich selbst dabei und kann weitergehen. „Essex Honey“ ist ein Album über Verlust, Trauer und Erwachsenwerden und wie die heilsame Kraft von Musik durch all diese Prozesse führt. Nach dem Hören bleibt „Essex Honey“ noch lange in der Kehle hängen und schwingt auch nach dem letzten Ton noch in den eigenen Gedanken weiter.
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