Album der Woche: LIA LIA – Armor
Lia Lia bewegt sich schon länger selbstverständlich zwischen Punk-Attitüde und einer düsteren, leicht surrealen Ästhetik. Die chinesisch-deutsche Künstlerin wuchs zwischen einer deutschen Kleinstadt und Chengdu in China auf, verbrachte aber auch einige Zeit in Städten wie Tokio sowie Los Angeles und lebt heute in Berlin. Musikalisch treffen bei ihr Indie-Electronica, Rock, Grunge und Pop auf Melancholie, 90er-Nostalgie und eine gewisse Dringlichkeit. Eine Mischung, für die sie selbst lange den Begriff „babypunk“ verwendet hat. Mit Songs wie „I’m a Moth!!“ und „Night Call“ sowie den EPs „Love & Melancholy“ und „Angst“ hat sie diesen Kosmos über die vergangenen Jahre immer weiter ausgebaut. Größere Aufmerksamkeit bekam sie unter anderem als Support bei Doja Cats Deutschland-Tour.
Auch visuell bringt Lia so einige Grunge- und Punk-Einflüsse mit: In dieser Ära sieht man sie in Musikvideos meistens in einem Outfit das auch an eine Art Schuluniform erinnern könnte. On brand wäre das – ein Symbol institutioneller Konformität aus seinem ursprünglichen Kontext zu reißen und in etwas Eigenes, Rebellisches zu verwandeln, war schließlich schon zwischen den 70ern und 90ern fest in Punk- und Grunge-Ästhetiken verankert. Auf ihrem Debütalbum „Armor“ fühlt sich diese Ästhetik deshalb auch weniger wie reine Inszenierung und mehr wie Teil eines größeren Konzepts an. Denn immer wieder geht es auf dem von Live-Instrumenten getragenen Album darum, sich zu schützen und Kontrolle zu behalten, aber genauso um die Momente, in denen die besagte Rüstung fällt.
Diese neue Phase ihrer Musik nahm erstmals in New York Gestalt an, als Lia auf Einladung von Anne Imhof Teil ihrer immersiven Performance „DOOM“ in der Park Avenue Armory wurde. Zwischen Theater, Tanz, Skateboarding und Musik traf sie dort auf eine kreative Gemeinschaft, die wohl ziemlich genau der Welt entsprach, die sie selbst schon lange in ihrer Kunst aufgebaut hatte.
Das Debütalbum „Armor“
Eng zusammengearbeitet hat Lia für das Album dann mit Luke Knight, den sie selbst als musikalischen Soulmate beschreibt und mit dem sie auch an Texten gearbeitet hat und auf einem Song als Feature-Gast auftaucht, sowie mit Produzent Jonathan Visger, den einige durch sein Indie-Pop-Projekt Absofacto kennen dürften. Gemeinsam ziehen sie Lias Sound deutlich weiter auf. Post-Punk, Grunge und elektronische Elemente stehen neben Momenten die nach Indie-Pop und Indie Electronica klingen. Gerade diese Spannung zwischen Kontrolle und Kontrollverlust und verschiedenster Genres prägt das Album.
Auch in ihren Bildern bewegt sich Lia ständig zwischen verschiedenen Welten. Mal singt sie von Nymphen und Engeln und lässt „Armor“ mystisch und märchenhaft wirken, kurz darauf landet sie wieder mitten in der Großstadt, zwischen Yamamoto, Tabis, Balenciaga City Bags und ganz konkreten Statussymbolen. Fantastisches und Alltägliches, Verletzlichkeit und „Swag“ liegen dabei erstaunlich nah beieinander. Gerade weil Lia so mühelos zwischen diesen Ebenen wechselt, entsteht eine Welt, die gleichzeitig entrückt und sehr gegenwärtig wirkt.
„Audacity“ bringt das besonders direkt auf den Punkt. Der Song wird wütend, Lia wechselt zwischen einer tieferen, volleren Stimme und dünneren, höheren Passagen und steigert sich in Zeilen wie „i don’t wanna i don’t wanna i don’t wanna i don’t want this“ immer weiter hinein. „you don’t deserve me“, heißt es an anderer Stelle, genauso wie „you think you got me tamed to fit in your pocket“. Liebe erscheint hier nicht als sicherer Rückzugsort, sondern als etwas, das einen gleichzeitig anzieht und destabilisiert. „You make me feel insane“ hört man dem Song dann irgendwie auch an.
Großstadtengel und Mode als Rüstung
Auf „Coked Up Angel“ verschiebt sich die Szenerie. Statt in einer mystischen Zwischenwelt scheint Lia plötzlich mitten in der Großstadt zu stehen. Mode wird hier wortwörtlich zur Rüstung: „I get it you put heavy armor on: Wearing Vivienne, Copine, Girbaud, Prada and Garcon“. Dahinter steckt trotzdem weiterhin Verletzlichkeit. „Your my coked up angel, you put my heart in danger“, singt sie über eine Beziehung, die gleichzeitig glamourös und gefährlich wirkt.
Treibende Bassmuster, elektronische Elemente und reduzierte Post-Punk-Strukturen wechseln sich ab, während die manchmal fast extra niedlich betonende Stimme immer wieder im Kontrast zum düsteren Sound und den schweren Lyrics steht. „Pisces in the Moon“ öffnet diese Welt noch einmal in eine andere Richtung. Der Song ist deutlich poppiger, bewegt sich stärker in Richtung Indie-Electronica und bekommt stellenweise fast Disco- und Dance-Vibes. Gerade solche Momente verhindern, dass sich „Armor“ auf eine einzige Version von Lia festlegt.
Nochmal ein bisschen „babypunk“
Mit „Boogiepop Blitzkrieg Blob“ zieht wiederum erneut in die entgegengesetzte Richtung. Der Song ist punkiger, überzogen und wirkt stellenweise beinahe ironisch. Zwischen der Energie von Bands wie den Sohodolls und Le Tigre steckt hier viel von dem „babypunk“, mit dem Lia lange ihre eigene Musik beschrieben hat.
Dass „Armor“ nicht dauerhaft auf Konfrontation setzt, zeigt sich auf „Surrender“. Der Song wird softer und verliebter und lässt für einen Moment mehr Nähe zu. Direkt daneben kann ein Track wie „Liar Liar“ wieder deutlich rockiger werden. Mit der neuseeländischen Singer-Songwriterin Benee holt Lia hier außerdem eines der wenigen Gegenüber auf ein Album, das sonst stark von ihrer eigenen Perspektive lebt.
Zwischen Wut und Verletzlichkeit
Besonders schön zeigt sich diese Unberechenbarkeit auf „For the Roaches“. Der Song beginnt mit etwas, das an einen Amen Break erinnert, und bleibt zunächst wie der Großteil des Albums auf Englisch. Im Refrain fällt die Produktion dann plötzlich fast vollständig zusammen, nur eine sanfte Gitarrenmelodie bleibt und Lia wechselt überraschend ins Deutsche: „wenn du denkst ich wär dein, denkst du falsch du blödes Schwein, ich will dich nicht du, no i dont want you, du bist Geschichte“. Gerade weil der Moment musikalisch so zurückgenommen ist, trifft die Direktheit umso härter.
Auf „Nocturne“ bleibt sie schließlich bei den Deutschen Lyrics und erreicht einen der vielleicht verletzlichsten Momente des Albums. Nur von einem schleppenden Piano begleitet, verschwindet vieles von der Punk-Attitüde und der zuvor aufgebauten Rüstung. Diese Stimmung trägt „Heart in a Cage“ bis zum Ende weiter. Das Album schließt niedergeschlagen und melancholisch, lässt aber zumindest kleine Öffnungen zu. „I wont give up on love“, heißt es dort.
Auf Instagram bekommt man übrigens jede Menge Einblicke hinter die Kulissen des neuen Albums und Lias Leben zwischen Paris Fashion Week, Studio Sessions mit Live-Instrumenten und Musikvideo-Drehs.
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