Album der Woche: NILS KEPPEL – Super Sonic Youth
Nils Keppel hat mit „Super Sonic Youth“ sein Debütalbum veröffentlicht. In den elf Songs rast die Zeit zwar nicht schneller als der Sound – wohl aber vergehen die 33 Minuten fast wie im Flug. In „Keine Zukunft“ heißt es: „Neue Welle und wehe sie bricht, in der Gischt seh‘ ich drei verlorene Jahre sonst nichts.“. Damit verdichtet der Südpfälzer seine postpandemischen Erfahrungen in der Wahlheimat Leipzig zu einem Knäuel fliehender Erinnerungen. Doch Nils Keppel hält auf seinem ersten Album nicht nur die eigene verrinnende Jugend fest. Er entwirft das Porträt einer Generation, die zwischen Dauerkrisen ihre Zukunft schwinden sieht. Es geht um Teenage-Angst, um Suizidgedanken und Drogen. Antworten bietet er zwar keine direkten, wohl aber einen Soundtrack für alle, die sich in dieser Gegenwart wiedererkennen.
Nils Keppel: Zwischen gewaltigen Riffs und Dreampop
Die vorab veröffentlichten Singles „Keine Zukunft“, „Fremder Traum“, „Feuer“ und „Rebell“ gaben bereits einen Vorgeschmack auf das Album. Inhaltlich bleibt es zwar gewohnt düster, musikalisch entwickelt sich Nils Keppel jedoch weiter. Gemeinsam mit Produzent Lukas Korn lässt er den romantisch-rauchigen Dark Wave und wuchtigen Post-Punk aus Hits wie „Wellblech“ oder „222“ hinter sich. Vor allem die erste Hälfte von „Super Sonic Youth“ ist geprägt von dringlichen, rohen Riffs und pure Noise-Gitarren, etwa im treibenden „Platzangst“. In der zweiten Hälfte dominieren Dreampop-Sounds: Der Titeltrack wird durch opulente Streicher zur epischen Ballade. Mit der Indie-Newcomerin Lilli Belle schickt Keppel ein einziges Feature „raus in die Welt“.
Schon der Albumtitel verweist auf ein dichtes Netz popkultureller Bezüge auf die letzten Jahrzehnte. Keppel kombiniert Einflüsse der New Yorker No-Wave-Band Sonic Youth mit Oasis’ Titel „Supersonic“. Zahlreiche weitere Referenzen schwingen mit: Der „No Future“-Slogan der britischen Punkbewegung der 1970er Jahre, Ausdruck sozialen Unmuts gegenüber Klassensystem und Monarchie, zum Beispiel. In „Keine Zukunft“ klingt eingebettet in eine nihilistische, von der Welt enttäuschten Haltung zudem eine Bowie-Referenz an: „Man hat uns mal gesagt, wir wären Helden für einen Tag.“. Auch die 1990er Jahre finden ihren Platz, etwa durch Bezüge zu Tarantinos „Natural Born Killer(s)“ oder den „Taperfade“.
33 Minuten Hedonismus in „Super Sonic Youth“
Auch wenn es wirklich keine Zukunft für die Jugend gibt, so bleibt sicher noch eine halbe Stunde Zeit für Nils Keppels erstes Album. Sonic Youth inspirierten sich einst in der avantgardistischen Kunstszene des New Yorker Undergrounds und von Science-Fiction-Autoren wie Philip K. Dick. So verwebt auch Keppel literarische Einflüsse in seinen Texten. Zeilen wie „Ich bin dein schöner Traum, vergiss nicht, du bist wach“ oder „Als wäre ich hübsch und sie reich, doch wir sind beide nur schön und zum Sterben bereit“ wirken alles andere als zufällig.
Wie Sonic Youth im New Yorker Underground, verwurzelt sich Nils Keppel mit „Super Sonic Youth“ noch einmal fester in der NNDW-Bewegung. Sein Gesamtwerk aus popkulturellen und politischen Referenzen wird er auf einer Tour in Deutschland, Österreich und der Schweiz auch live präsentieren.
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