Album der Woche: Phoebe Bridgers – Lost Weekend
Phoebe Bridgers’ neues Album „Lost Weekend“ ist erschienen und die positiven Kritiken von Variety, The Guardian und Rolling Stone überschlagen sich, nachdem schon ihre ersten beiden Alben in den Himmel gelobt wurden. Selten schaffen es Artists das Niveau ihres großen Durchbruchs noch auf dem dritten Projekt zu halten – Phoebe Bridgers gelingt das aber ohne Zweifel. Manche würden sogar sagen, sie hat sich noch einmal selbst übertroffen.
Seit „Punisher“ ist Bridgers vom Indie-Liebling zum Star geworden, hat mit ihrer Band boygenius schon so einige Grammys gewonnen und Arenen gefüllt. Gleichzeitig ist aber auch eine Beziehung, mutmaßlich Verlobung, in die Brüche gegangen und 2022 hat Bridgers ihren Vater verloren. All das findet seinen Weg auf „Lost Weekend“. Man begleitet sie ein Stück durch die Verarbeitung, fühlt sich in den niedergeschlagensten Momenten verstanden und darf zwischendurch trotzdem immer wieder schmunzeln.
„Lost Weekend“: Zwischen Ambient, Indie und digitaler Verfremdung
Mit ihrem Sound aus Ambient und mit elektronischen Elementen versetztem Indie-Pop bleibt sich Phoebe weiterhin treu, verlässt aber auch immer wieder mal die Komfortzone ihrer früheren Projekte. Dadurch klingt „Lost Weekend“ gleichzeitig vertraut und größer als vieles, was sie bisher solo gemacht hat. Erinnerungen, Trauer, neue Liebe, alte Beziehungen und feine Alltagsbeobachtungen verschmelzen in ihren Lyrics scheinbar mühelos.
Unmengen an versteckten Referenzen haben die Phoebe-Bridgers-Fans in den ersten Tagen nach dem Release übrigens auch schon ausgegraben. Manche verweisen auf boygenius-Songs anderen bauen Brücken zu den Beatles, Nine Inch Nails, Elliot Smith oder Paul Lansky. Und die ein oder andere Zeile über Phoebe Bridgers’ Trennung von Paul Mescal und seine neue Beziehung zu Gracie Abrams ist wohl auch zu finden: „And she can pretend to be me/ Since she took my place in my bed on that stage/ I have not lost any sleep.“
Schon der Opener „The Outside“ macht das deutlich. Bridgers’ Stimme erscheint zunächst digital verzerrt und beinahe körperlos, dahinter schwellen langsam flächige Sounds an. Es klingt ein bisschen, als würde irgendeine traurige Märchenfigur aus einer anderen Welt singen, gequält, aber auch immer wieder durchbrochen von ironischen Spitzen: „Crying in a suit and tie / But you should see the other guy / One more time for old time’s sake / I’ll watch him get carried away“.
Auf ihrer Single-Auskopplung „Lost Boys“ ist sie im Musikvideo dann auch wirklich als moderne Elfe unterwegs mit besagten „lost boys on a motorbike doing 90 in a 55 to another life where they make you cut your hair“. Und ab der Hälfte des Lieds wird einem dann auch bewusst, wieso sie diese Männer so detailliert beschreiben kann: „lost boys find me“. Den Track hat sie übrigens auch ganze zwei Mal in der Tonight Show Starring Jimmy Fallon gespielt. Unterstützung bekam sie dabei am ersten Abend von einer Band die komplett aus Kindern bestand und am zweiten von einer Oldie-Band bestehend aus drei alten Männern – iconic!
„I Can’t Wait“ und die große Epik des Alltäglichen
Dass Track Nummer 14, „I Can’t Wait“, sowohl musikalisch als auch visuell ein kleines Meisterwerk ist, darüber sind sich die Fans ebenfalls einig. Das Musikvideo von Chris Maggio und Pablo Rochat spielt mit verschiedensten Perspektiven, Eindrücken und angenehmer Reizüberflutung. Aus einer Art Insektenperspektive rast die Kamera durch Los Angeles und beschreibt ziemlich gut, wie es sich grundsätzlich anfühlen kann, einen Phoebe-Bridgers-Song zu hören: Man staunt, man ist verwirrt, man hat Spaß und man wird auf die genau richtige Art und Weise gefordert.
Ein Wochenende, das sechs Jahre dauert
Natürlich gehört auch der Titeltrack „Lost Weekend“ zu den Highlights des Albums. Hier blickt Bridgers zurück und lässt einzelne Erinnerungen aufeinanderfolgen, ohne sie groß zu erklären. Viel interessanter ist schließlich auch, wie sich diese vergangenen Jahre offenbar angefühlt haben müssen: chaotisch, traurig, manchmal absurd und zwischendurch wunderschön. Trauer kann neben Verliebtheit stehen. Ein bitterer Witz kann neben einem emotionalen Zusammenbruch stehen. Und ein ruhiger Indie-Song steht dann neben digital verzerrten Stimmen und riesigen Ambient-Flächen.
Dass Bridgers ihr Album noch vor Release in Planetarien rund um die Welt hören ließ, passt auch gut dazu. Die Listening Sessions verbanden „Lost Weekend“ entweder mit einer eigens konzipierten Kuppel-Show des Nachthimmel-Fotografen Babak Tafreshi. Oder eine immersiven Lasershow von Laser Fantasy. Ein Album über sehr menschliche Probleme wurde damit erst einmal möglichst weit ins Universum hinausgeschossen.
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