Album der Woche: Q – DO YOU SEE ME?
„DO YOU SEE ME?“ fragt der aus Broward County, Florida stammende Musiker Q auf seinem zweiten Album und die Antwort sollte in jedem Fall „JA!“ heißen. Denn mit diesem neuen Projekt hat Q nicht nur eine Musikwelt geschaffen die einem wirklich das Gefühl gibt in seine Psyche abzutauchen. Auch in der Erzählung um das Album, mit seinen Collage-artigen Visualisiern und dem zwar bescheidenen aber dennoch total intimen Rollout auf Social Media, spiegelt sich eine mitreißende Vulnerabilität.
Musik war in Q Marsdens Leben schon früh allgegenwärtig. Sein Vater ist der jamaikanische Produzent Steven „Lenky“ Marsden und auch seine Mutter ist Künstlerin. Q selbst veröffentlichte zunächst Songs wie „Forest Green“ und „Lavender“, bevor 2020 mit „The Shave Experiment“ seine erste größere EP folgte. 2023 erschien dann das Debüt „Soul,PRESENT“, das komplett in Eigenregie entstand. Schon hier beschäftigte er sich mit Beziehungsdynamiken, Ängsten und persönlicher Entwicklung.
Romil Hemnani und die erweiterte Soundwelt
Qs Musik klingt melancholisch und hoffnungsvoll zugleich: sphärisch, düster, irgendwo zwischen Frieden und Komfort finden und den Verstand verlieren. Oder als würde man sich durch die verworrene, teilweise düstere eigene Psyche kämpfen, um schließlich an einen zutiefst ruhigen Ort zu gelangen. Sowohl in den Lyrics als auch im Sound wirkt dabei alles sehr roh, sehnsüchtig und dringlich. Q bedient sich einer Mischung aus R&B, Neo-Soul und Alternative Pop, und lässt so ein Soundteppich entstehen, der schnell an Artists wie Frank Ocean und D’Angelo erinnert und heute von Publikumslieblingen wie Steve Lacy, Kevin Abstract oder Dominic Fike weiter aufgebrochen wird.
Das ist vermutlich auch kein Zufall, schließlich finden sich unter den neben Q gelisteten Komponisten auf „DO YOU SEE ME?“ auch Namen wie Romil Hemnani. Der Produzent war früher Mitglied der mittlerweile aufgelösten Boyband BROCKHAMPTON zu der wiederum auch Kevin Abstract gehörte, der wiederum sehr gut mit Dominic Fike befreundet ist.
Q: Ein Sound für innere Unruhe
Das Soundbild von Qs neuem Album lebt meistens von schleppenden weichen Drums und einem zusammenspiel aus Noise, Gitarren, Keyboard und organischen Streicherarrangements. Q wechselt je nach Song und Passage zwischen hohen und tiefen Stimmlagen, schichtet seine Vocals übereinander und lässt immer wieder neue Synths und Bassflächen auftauchen. Gleichzeitig kann seine Musik sehr digital und spielerisch klingen. Songs verändern teilweise mitten im Stück komplett ihre Richtung. „Deja Vu Darling“ kippt beispielsweise ab der Hälfte noch einmal in eine ganz andere Klangwelt.
In „Silly Boy“ singt und rappt er: „If you survive these crazy days, I jump around and sing a praise.“ Gleichzeitig stellt er sich die Frage: „Will this silly boy ever see good life again? / He got like five other homies living up in his head.“ und verweist damit unter anderem auf eine Schizophrenie-Diagnose die das Projekt maßgeblich beeinflusst haben soll. „Hey There [I Have a Compulsive Complex]“ wiederum handelt davon, Leben und Liebe zu navigieren: „Passion overthrew everything / That I was scared of trying“ und später: „I’m learning but stumbling still.“ Es geht ums Wachsen, ums Lieben und darum, dass Entwicklung selten geradlinig funktioniert.
Akzeptanz statt eindeutiger Antworten
Trotz der ganzen Aufarbeitung wirkt „DO YOU SEE ME?“ an keiner Stelle wie ein belehrendes Album. Vielmehr lässt uns Q an seinem persönlichen Prozess und manchmal auch einfach nur der Akzeptanz des Status Quo teilhaben. „People wanted to heal me before they understood me“, beschreibt es Q selbst in einem Statement auf Instagram. Ein Satz, der erahnen lässt um was es Q auf diesem Album vor allem gehen könnte: verstanden und akzeptiert zu werden, ohne die eigenen Widersprüche erst auflösen oder erklären zu müssen.
„How can I describe my mind with the sounds, how can I describe my mind with the movements“, fragt er außerdem. Und weiter: „If I tell you those things without even saying it, it proves something great about sound.“ Vieles wird nicht konkret ausgesprochen und ist trotzdem deutlich spürbar. In einem Reel erzählt Q, dass er drei Jahre gebraucht hat, um dieses Album zu erschaffen. Gleichzeitig betont er, dass es das erste Projekt sei, bei dem er sich selbst ein Stück näher fühle und langsam beginne zu verstehen, wer er eigentlich ist. Nach außen beschreibt er sich dagegen als sehr vorsichtig und als jemanden, der im Internet nur wenig über sich preisgibt. In seine Musik, hat man das Gefühl, schüttet er sein Herz dafür umso mehr aus, wenn auch oft abstrakt und schemenhaft.
Die Visuals hinter „DO YOU SEE ME?“
Passend dazu wirken auch die Videos weniger wie klassische Musikvideos sondern mehr als kleine Visualizer. Sie folgen alle derselben Ästhetik und greifen Bilder aus einer gemeinsamen Serie auf. Q erscheint darin in einem grünlichen, leicht kränklich und surreal wirkenden Teal-Colorgrading. Weich verschwimmende Lichtreflexe erinnern stellenweise an japanische Filmklassiker oder eher düstere Kinomomente der 90er-Jahre und frühen 2000er. Für jeden Song wurde zusätzlich ein Zitat ausgewählt, das collageartig mit kurzen Videosequenzen zusammengesetzt wird. Dadurch wirken auch die Visuals weniger wie eine Erklärung der Songs als wie Fragmente aus Qs Gedankenwelt.
Unterstützung bekommt er auf dem Album von den Featuregästen Deb Never, UMI und Marco McKinnis. Ebenfalls eine Reihe von Artists, die auf eigene Art mit den Grenzen zwischen Grunge, Soul, R&B, Alternative und Hip-Hop spielen. Übrigens ist Q auch selbst Special Guest auf der Tour von Ravyn Lenae. Die Musikerin landete zuletzt mit „Love me Not“ einen großen Hit und hat diese Woche ebenfalls ein mehr als hörenswertes Album veröffentlicht.
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