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Album der Woche: Ramzey – Die ewigen Jagdgründe

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Wer Ramzey bisher vor allem mit drückender Stimme, hektischen Flows und Moshpits verbunden hat, bekommt auf „Die ewigen Jagdgründe“ eine Erklärung dafür, woher all diese Energie eigentlich kommt. Der Frankfurter Rapper bewegt sich schon länger im Umfeld von OG Keemo und Funkvater Frank, bei dessen Label Funkloch er unter Vertrag steht. Gemeinsam mit seinem Produzenten Yaze hat er sich dabei einen Sound aufgebaut, der mühelos zwischen maximalem Druck und verletzlichen Momenten wechselt. Schon „Cobalt“ und das 2025 erschienene „Jiggos weinen nicht“ ließen hinter der offensiven Fassade immer wieder Selbstzweifel und persönliche Geschichten durchscheinen.

Auf in die ewigen Jagdgründe

„Die ewigen Jagdgründe“ ist ein Konzeptalbum, das über zwölf Songs und drei Skits eine zusammenhängende Geschichte erzählt. Features gibt es keine, stattdessen führt Ramzey selbst durch eine Welt irgendwo zwischen Wald, Fiebertraum und Erinnerung. Dort begegnet er seinem jüngeren Ich und blickt mit ihm auf die eigene Vergangenheit zurück. Der Wald wird dabei zum Rückzugsort, aber auch zum gefährlichen Terrain: ein Ort, an dem jederzeit etwas hinter dem nächsten Baum lauern könnte. Ramzey sucht dort Ruhe zwischen „rechtem Hass und deutschem Ausweis“, hört gleichzeitig verlockenden und warnenden Vogelgesang und eine marschierende, näherkommende Truppe. Selbst die Produktion wirkt stellenweise wie der Soundtrack zu einem düsteren Abenteuerfilm und Jazz-Samples treffen auf bedrohliche Drums.

Gerade zu Beginn ist von Ruhe allerdings wenig zu spüren. „Vogelgesang“ kommt mit enormem Druck und einer dramatischen Inszenierung, die stellenweise an Kendrick Lamar erinnert. Ramzey übersetzt sein bisheriges Leben vollständig in die Sprache der Wildnis: „Wölfe suchen Stress“ und „Schlamm auf meiner Weste“. Es geht ums Jagen und gejagt werden, Tag und Nacht unterwegs sein. Vieles, was bei Ramzey zuvor einfach nach kompromisslosem Straßenrap klang, bekommt innerhalb dieses Konzepts plötzlich deutlich sichtbarere zweite Ebene.

Ramzey zeichnet das Überleben als Grundzustand

Auf „Sensenmann“ und „Truppe“ steigert sich dieser Überlebensmodus beinahe ins Wahnhafte. Ramzey nennt sich einen „Systemsprenger“ und fragt: „ist das leben oder nur Überlebenskampf“. Die Antwort scheint zunächst klar: Angreifen, bevor man selbst in die Situation kommt, sich verteidigen zu müssen. Gleichzeitig wird Loyalität zur absoluten Pflicht: „Für die Truppe bis ins Grab, jede Nacht und jeden Tag, für die Truppe bis ins Grab, sterbe für mein Kamerad“. Das kann man als bedingungslose Verbundenheit lesen, aber genauso als Kritik an einer Loyalität, die irgendwann keinen Raum mehr für die eigene Person lässt. Auf „Truppe“ wird daraus endgültig ein Fiebertraum. Ramzey wechselt zwischen dunkler Stimme und fast manischen Höhen, marschiert „durch den Wald“ und erinnert sich: „Irgendwann wurden wir kleine villans“. Die Truppe bietet Schutz, fordert dafür aber offenbar permanent Härte.

Wie tief dieses Denken sitzt, zeigt „Landkreis“. Der Song wird musikalisch deutlich ruhiger, Ramzeys Stimme sinkt ab und der Beat wirkt beinahe meditativ. Seine Texte werden dadurch aber nicht friedlicher: „Findest du kein Stock, findest du ein Backstein, findest du kein Job geh in die Bank rein“. Selbst alltägliche Probleme werden nach derselben Logik gelöst. Man nimmt sich, was man zum Überleben braucht. Besonders stark funktioniert hier der Kontrast zwischen einem Sound, der erstmals zur Ruhe kommt, und einem Text voller Misstrauen, Hass und Enttäuschung. Wenn Ramzey sagt: „Glaub nicht an Happy End mein Leben ist kein fairy tail“, scheint darin weniger Pose zu klingen als eine Überzeugung, die sich über Jahre festgesetzt hat.

Die Perspektive auf „Die ewigen Jagdgründe“ verschiebt sich

Genau an diesem Punkt beginnt das Album, die Perspektive zu verschieben. Insgesamt drei Mal durchbrechen Skits die Erzählung, in denen Ramzey auf den unbekannten Jungen Stefan trifft. Sie wirken wie mit einem Camcorder aufgenommen, inklusive Klicken am Anfang und Ende, und lassen Ramzeys Reise dadurch noch dokumentarischer erscheinen. In „Angler (Skit)“ heißt es: „Nach einiger Zeit Laufen haben Stefan und ich einen Teil des Waldes erreicht, hier war alles heller, ruhiger wärmer und der Drang sich paranoid umzuschauen ging langsam weg“. Die beiden begegnen einem alten Mann am Wasser. Auf die Frage „wer bist du?“ antwortet dieser nur: „Du stellst die richtige frage mein Junge“ und direkt danach: „du stellst sie nur der falschen Person“. Es ist der Wendepunkt des Albums.

„Sommer“ klingt entsprechend fast wie das erste Durchatmen. Über einen leicht verträumten, melancholischen Sound fragt Ramzey: „Wie lange bis die Sonne wieder scheint“. Plötzlich geht es weniger um Truppen und Feinde als um Familie. Er erinnert sich an, „unten liegen in nem Hochbett angewiesen auf Wohngeld“, an eine Frau, vielleicht seine Mutter, mit zwei Jobs und deutsche Briefe, deren offizielle Sprache kaum zugänglich ist. Gleichzeitig formuliert er den Wunsch, Verantwortung zu übernehmen: „Glaub mir irgendwann werde ich euch hier wieder rausholen.“

Was zu Hause wartet

Dass man Muster nicht einfach abschüttelt, macht das Album anschließend genauso deutlich. Auf „Genick“ kehrt die Aggression zurück, Ramzey steckt wieder tief im Wald und teilt die alten Überlebensregeln aus. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass Härte hier nicht unbedingt eine Charaktereigenschaft ist, sondern etwas Erlerntes, fast wie militärischer Gehorsam, den man irgendwann nicht mehr hinterfragt, als Teil einer Truppe in den „ewigen Jagdgründen“ eben. Im „Stefan (Skit)“ bekommt diese Fluchtbewegung schließlich eine neue Bedeutung: „Ich renn nicht vor weg vor der Truppe, ich renn weg vor Zuhause“.

Was dort wartet, erzählt „Monster“, das emotionale Zentrum des Albums. „ich bin ein Kind und hab ein Monster zuhause“, rappt Ramzey über eine Person, die seinen Vater, oder zumindest den Vater des lyrischen Ichs darstellen könnte. Die erste Hälfte zeichnet das Bild eines Kindes, dessen Zuhause nicht der sichere Ort ist, den es eigentlich darstellen sollte. Zurück bleibt das Gefühl: „ein weiteres Kind ist lost“.

Heilung verläuft nicht gerade

Dann verändert sich der Song. Ramzey beginnt zu singen, ein sanftes E-Gitarren-Muster im Hintergrund und aus der Geschichte über ein negatives männliches Vorbild wird eine über ein positives. Er erinnert sich an einen Onkelt: „ich will genauso sein wie du in meinem 50ern“. Besonders schwer wiegt schließlich: „seitdem du weg bist gibt es hier keine Helden mehr“. Zwei Männer stehen hier nebeneinander, einer hinterlässt Angst, der andere Fürsorge. „Ich muss wieder lächeln lernen“, singt Ramzey.

„Sonntag“ sucht nach Frieden, Liebe und Heilung, findet aber zunächst vor allem neue Fragen. Ramzey macht sich Vorwürfe, spricht über Drogen und darüber, dass niemand da war, als er ausdrücken wollte, was in ihm vorgeht. Besonders der Satz „ich hab Heimweh aber weiß nicht mehr wo zuhause ist“ fasst diese Phase zusammen. Vielleicht sieht Heilung auf „Die ewigen Jagdgründe“ genau deshalb nicht wie ein gerader Weg aus.

Mit „Zentrum“ kommt noch einmal der Rückfall in die alte Rolle. Der Beat wird wieder getriebener, das Ego größer. „ich bin ein schlechter mann, ich bin im Zentrum“, heißt es, wenig später aber auch: „Spiegelbild gefällt mir nicht“. Ramzey scheint die Rüstung inzwischen kennen und weiß gleichzeitig, was sie auslöst. Der Satz „was hat dir Herz haben gebracht wenn du ganz ehrlich bist“ klingt wie das Aufrechterhalten eines Weltbilds, das im Verlauf des Albums Risse bekommen hat.

Raus aus der ewigen Jagd?

„Krone“ beendet die Reise deshalb nicht mit einer wundersamen Heilung, sondern mit etwas deutlich Glaubwürdigerem: mehr Klarheit. Der Sound wird wieder warm, groovig und jazzy. Die Texte sind immer noch traurig und wütend, immer noch skeptisch gegenüber Liebe und noch lange nicht frei von den Dingen, die prägend waren und das will er vielleicht auch gar nicht. Gleichzeitig wird deutlich, was wirklich wichtig ist. Freunde, Familie und Musik werden vielleicht sogar zu Gegenentwürfen zur ewigen Jagd. „Trotzdem glaub ich Rapper sein ist besser als Einzelhaft“, rappt er und blickt dankbar auf die Verbindungen, die ihm seine Musik ermöglicht hat. Auch „Schwestern, Nichten und Cousinen, bis zum Tod ein Feminist“ wirkt wie eine kleine, aber entscheidende Verschiebung: weg von der Truppe, für die man sterben muss, hin zu Menschen, für die man tatsächlich da sein möchte.

Genau darin liegt die Stärke von „Die ewigen Jagdgründe“. Ramzey versucht nicht, die Energie abzulegen, die seine Musik bisher ausgemacht hat. Er untersucht sie. Der Wald, die Jagd, die Truppe und der permanente Überlebensmodus werden zu Bildern für Erfahrungen, die lange hinter der Energie seiner Songs verborgen lagen.

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