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Allegro Pastell: Fernbeziehung und Millennial-Blues

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Irgendwo zwischen literarischer Milieustudie und ästhetischem Indie-Film kommt mit „Allegro Pastell” einer der prägendsten deutschsprachigen Gegenwartsromane der 2010er Jahre auf die Leinwand. Autor Leif Randt war dabei nicht nur an der Vorlage, sondern auch direkt am Drehbuch beteiligt. Die Regisseurin des Films, Anna Roller, hat mit Filmen wie „Dead Girls Dancing” bereits eine eigene Handschrift etabliert, die sich unter anderem durch verträumte Bilder und Inszenierung von Freiheit und Orientierungslosigkeit auszeichnet.

Jannis Niewöhner spielt in „Allegro Pastell” den Webdesigner Jerome und Sylvaine Faligant die erfolgreiche Autorin Tanja. Beide Hauptcharaktere jonglieren ihre gemeinsame Fernbeziehung, eine Art Midlife-Crisis ihrer Mitte-Dreißiger, emotionale Entfremdung und die ewige Suche nach dem „richtigen Gefühl“. Ziemlich schnell bekommt man aber auch das „Gefühl“ hier eine Bubble zu erleben, die gelernt hat, sich selbst die ganze Zeit kritisch zu beobachten. Der Roman wurde viel diskutiert: von manchen für seine präzise Darstellung von Millennials gefeiert, von anderen aber auch für seine kühle Distanz und die privilegierte Figurenwelt kritisiert.

Wenn Selbstbeobachtung zum Lifestyle wird

In der Verfilmung von „Allegro Pastell” ist der Name Programm. Der Film erzählt langsam und behutsam von einer eigentlich ziemlich schnelllebigen, also „allegro” Fernbeziehung und überzeugt vor allem durch seine artsy Aufnahmen und pastellige Farbwelten. Immer wieder staunt man über die schönen und offensichtlich gut durchdachten Szenen, die auch aus einem Musikvideo stammen könnten. Sowohl Jeromes Alltag in seiner provinzialen Heimat, Nähe Frankfurt am Main, als auch Tanjas Leben in Berlin wirken aber auch über die ästhetischen Bilder hinaus ziemlich perfekt. 

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Beide verdienen offensichtlich gutes Geld, tragen hübsche Kleidung, wohnen in schicken, mit Designermöbeln ausgestatteten Apartments, sind in alternativen aber trotzdem irgendwie wohlhabenden Kreisen unterwegs und erfolgreich in ihrem Job. Sie haben einen Healthy-Lifestyle, aber nehmen Partydrogen in Maßen. Sie wollen das Leben in ihrem authentischsten Selbst auskosten und das Maximale aus jeder Erfahrung rausholen. Fast immer scheint die Sonne und es ist dauernd Zeit zum Reden, Analysieren und Hinterfragen. Vielleicht ist es dann auch gerade das, was ihnen irgendwie zum Verhängnis wird und das banale, spießige Glück einer monogamen, gut aufgestellten Beziehung am Ende, zumindest in Teilen, unmöglich macht.

Die meiste Zeit fühlt man sich als Zuschauer:in dann wie ein heimlicher Beobachter. Die Kamera ist nur selten nah an den Charakteren dran aber die Bildausschnitte wirken, als wäre man Zeuge eines eigentlich viel zu intimen Moments. Je weiter man Jerome und Tanja kennenlernt, desto mehr versteht man dann auch den Gedanken dahinter. Eine distanzierte Beobachter-Haltung nehmen die beiden Hauptcharaktere nämlich ebenfalls ein. Tatsächlich kann man sich sogar ziemlich gut vorstellen, dass beide ihre Beziehung eher in einer Drohnenshot-Perspektive analysieren als mental wirklich in sonnigen Laken zu liegen oder Eis-essend durch einen Park zu laufen. In ihren Beobachtungen sind sie dann oft vermeintlich rational, sehen fast alles ironisch und sich selbst, ihre Beziehung und Umgebung auf einer Art erhabenen Metaebene.

Zwischen Techno-Eurodance-Momenten und schmerzhafter Stille

Einen Einblick in Gedanken, Sehnsüchte und Gefühle bekommt man vor allem durch die abwechselnd gesprochenen originalen Romanpassagen. Diese nüchterne, aber gleichzeitig irgendwie auch mit ganz viel Pathos aufgeladene Poetik des Buchs wird so erfolgreich mit dem Film verwoben. Und obwohl er in großen Teilen distanziert wirkt, ist er dadurch eben auch von seinen Charakteren erzählt und eigentlich total subjektiv.

Neben diesen Passagen spielen außerdem die fast schmerzhaft langgezogenen und stillen Momente eine große Rolle für die Dramaturgie. Insgesamt ist „Allegro Pastell” so an vielen Stellen auch ein sehr leiser Film und arbeitet neben vereinzelten Techno-Club-Szenen, einer Taxifahrt mit Eurodance-Moment und leisen Klavierklängen oft mit Ambient-Sounds. Ein rauschender Sommerwind in den Bäumen, hupende Autos, Straßenbahnen, Gelächter, Kinder und Straßenmusiker schaffen eine lebendige Atmosphäre, nach der man am liebsten selbst die Hand ausstrecken würde. Kuratiert hat diese Klangwelt unter anderem Max Rieger, Sänger und Gitarrist von „Die Nerven”. Ergänzt wird der Soundtrack durch Künstler wie Roman Flügel, Gerd Janson und Tuff City Kids.

In seinen Bildern ist der Film einnehmend ästhetisch und im Soundtrack entsteht eine Atmosphäre, die hypnotisiert. Mit „Allegro Pastell“ bekommt man so einen vor allem vom Ambiente getragenen Einblick in eine alternative und wohlhabende Millennial-Erfahrung und behutsam beobachtete Gefühlswelt.

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