Dead Dawg wünscht sich ehrliche Kritik für „Liebe und Schmerz“ – kann er haben!
Im Februar 2023 bekamen wir per Instagram Post von Dead Dawg. In einer Story markierte uns der Berliner Rapper neben den Kolleg:innen von HipHop.de mit folgenden Worten: „Warum schreibt keiner mehr Album Analysen/Reviews wie es die JUICE damals getan hat? Deutschrap braucht das. Wir brauchen ehrliche Kritik, Kronen Vergabe und so weiter, nicht nur versüßte Promo Sätze für Clicks aus Angst, das der Künstler die jeweilige Plattform hated. Das alles ist so langweilig hier 🙁 Bitte krisitiert mein Album zu Grund wenn es kommt, würde Herz küssen“. Eine mutige und ungewöhnliche Forderung, die auch bei uns neue Gedankengänge ausgelöst hat: Ja, warum denn eigentlich nicht?

Die Sache mit den Reviews
Das hat mehrere Gründe. Zum einen sind Plattformen wie DIFFUS stellenweise, wie Dead Dawg beschreibt, auf ein gutes Verhältnis zu Künstler:innen und zur Szene angewiesen, um weiter existieren zu können. Das führt in unserem Fall allerdings nicht dazu, dass wir Projekte, die wir nicht feiern, künstlich mit geschriebenem Gold überziehen, sondern diese einfach aus unserer Berichterstattung aussparen.
Das hat auch mit dem zweiten, wichtigen Faktor in dieser Diskussion zu tun: Zeit. Die Musikindustrie ist im Jahre 2023 bekanntlich schnelllebig. Die Artists, aber auch wir, als Beobachter:innen des Zeitgeschehens, hangeln uns von Release-Friday zu Release-Friday und versuchen dem rasanten Takt nachzukommen, der eine fundierte Review von jedem einzelnen relevanten Album schlicht und einfach nicht zulässt. Trotzdem lassen wir uns durchaus hin und wieder bei gegebenem Anlass zu Wertungen hinreißen, zum Beispiel wenn Symba nach jahrelanger Wartezeit sein Debütalbum veröffentlicht und wir unter die Lupe nehmen, ob dieses den Vorschuss-Lorbeeren denn nun gerecht wird oder nicht. Aber genug Disclaimer und Vorrede, denn dieser Text soll schließlich keine Rechtfertigung, sondern Dead Dawgs gewünschte Review sein.
Die vielen Stimmen von Dead Dawg
Schon mit dem ersten Song „Wolke“ zeichnet sich ab, dass „Liebe und Schmerz“ eine Platte, ist, mit der man Kritik durchaus einfordern kann – was man über die übrigen Projekte aus dem Hause BHZ nicht immer sagen kann. Während sich der Rest der Truppe manchmal ein wenig zu sehr am Zeitgeist und dem alltäglichen „Mache-Dies-Tue-Das“ abarbeitet, beweist Dead Dawg also schon auf dem Opener mit klagender Stimme und mächtigen, un-trappigen Drums Charakter und Eigenständigkeit.
Außerdem führt Dead Dawg hier schon früh ein Stilmittel ein, dass uns auf „Liebe und Schmerz“ noch öfter begegnen wird: Das Spiel mit der eigenen Stimme, oder vielmehr den eigenen Stimmen? Die jagt Dead Dawg im Lauf der folgenden 50 Minuten durch die verschiedensten Stimmlagen und Pitches, von Geschrei bis Flüstern, Spoken Word und Gesang. Hier tobt sich der Künstler spielerisch aus und wird auf Songs wie „blogg“ manchmal fast zu einem androgynen Avatar, den man kaum noch zur Person Dead Dawg zuordnen kann.
Danke DMT
Aber erstmal „weiter weiter“, denn der zweite Song des Projekts ist direkt ein Highlight, wenn auch eher ein stilles, unauffälliges. Auf zarten Elektro-Beats rap-singt Dead Dawg: „Wenn du denkst, dass du Angst bekommst / Denk an mich, denk an alle Songs / Jeder Mensch hat was abbekommen, denk jeder Mensch wird von vorn geboren“. Hier zeichnet sich eine Thematik ab, die fast auf jedem der 17 Songs auftaucht: Spiritualität. Immer wieder rappt Dead Dawg von Acid, Pilztee und anderen psychedelischen Substanzen und die entsprechenden Trips und Denkanstöße scheinen ihren Weg auf „Liebe und Schmerz“ gefunden zu haben.
Das gipfelt im Song „Traum“, in dem Dead Dawg einen solchen Wort für Wort nacherzählt, mit all den kleinen Einzelheiten, die im Wachzustand keinen Sinn mehr ergeben wollen. „Auf einmal gucken wir so raus und es ist so ‘ne richtig schöne Landschaft. Berge, Eis, ganz viel Eis und so Salz, so Salzwasser, halb getrocknet. Wir laufen raus, es ist ein wunderschöner paradiesischer Ort. Und auf einmal switched es zu… ich bin so ein großer, schwarzer Mann mit so ‘ner richtig fetten Waffe und ziel auf den einen und schieße, bam. Ich erschieße ihn, er ist tot“. Seine Visionen, Gefühle und Gedanken scheint Dead Dawg eingängig zu studieren und zu reflektieren, kurz darauf rappt er: „Ich kann’s verstehen, danke DMT“.
Dead Dawg lässt die Hose runter
Ein weiterer Auslöser für die introspektive, nachdenkliche Stimmung von „Liebe und Schmerz“ dürfte die Geburt seiner Tochter sein, der er schon auf der vorangegangenen EP „Gott ist eine Frau“ einen Song gewidmet hat. Als frisch gebackener Papa sinniert er über seinen eigenen Vater, den er auch mit dem Albumcover und mehreren Interludes referenziert, über seine Kindheit (so heißt sogar ein Song) und die Zukunft mit Tochter und Partnerin. Dead Dawg lässt die Hose runter, gesteht Verlustängste und Macken und es tut gut das zu hören. Die entsprechenden Gefühle verarbeitet er nicht nur in Songs, sondern auch gesprochenen Skits, die die lange Spielzeit des Albums angenehm sektionieren.
Wackeliger Spannungsbogen
Wenn man aus „Liebe und Schmerz“ einen typischen Dead-Dawg-Sound ableiten wollen würde, so klänge dieser wahrscheinlich nach verlorenen Piano-Klängen, die schon auf früheren Projekten auftauchten und auch hier viele der Songs bestimmen. Gerade wenn das nach der ersten Hälfte der Platte langsam eintönig wird, kommen neue Klänge und zunehmend auch Dead Dawgs Featuregäste hinzu: Mit den BHZ-Homies Big Pat und Monk rappt er sich jeweils durch Rage-Synthies („Ich bin geil“) und pumpende Jersey-Kicks („Pfirsich“). Dieser Tempowechsel wird dringend benötigt um den Spannungsbogen von „Liebe und Schmerz“ aufrechtzuhalten, andererseits wollen diese chaotischen, expressiven Stücke auch nicht so recht ins übrige inhaltliche Konzept passen. Auch musikalisch scheinen sie mehr auf den aktuellen Zeitgeist zugeschnitten zu sein als auf Dead Dawg selbst. Ein Song wie „Pfirsich“ greift zwar sehr gut das Jersey Club-Fieber auf, das Lil Uzi Vert ausgelöst hat, hat aber doch eine eher kurze Halbwertszeit.
Würdiger Zuwachs für BHZ
Zum Glück läuft Dead Dawg dann zum Ende der Platte nochmal zur Höchstform auf: Bereits erwähnte Stücke wie „Traum“ und „Blogg“ kehren zurück zu Selbstreflektion und Piano-Beats und brillieren in dieser Disziplin. Abschließend scheint Dead Dawg dann mit dem Titeltrack seinen Frieden mit sich selbst und seinen Lastern zu finden: „Pablo mit Messer / Pablo mit Herz / Verbinde beides / Liebe und Schmerz“.
Insgesamt ist „Liebe und Schmerz“ also trotz vereinzelter Schwachstellen und einer etwas zählen Spielzeit ein sehr erwachsenes Album und eines, das den BHZ-Kosmos spürbar um neue und vor allem tiefergehende Facetten bereichert. Die Rap-Crew aus Schöneberg hat schließlich vor allem eine Hörer:innenschaft aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen – und wenn es Dead Dawg schafft, statt dem Rezept für den nächsten Sommerdrink ein paar seiner eigenen Erkenntnisse und Denkanstöße an diese weiterzugeben, ist schon viel gewonnen. Eine abschließende Wertung in harten Zahlen möchten wir uns an dieser Stelle sparen, stattdessen möchten wir unseren Eindruck vom Anfang nochmal bekräftigen: „Liebe und Schmerz“ ist definitiv ein Album, dass es verdient, gehört und kritisiert zu werden.
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