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Jersey Club: Warum wir diesen Sound 2023 überall hören werden

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„Just Wanna Rock“ von Lil Uzi Vert war mit Sicherheit einer der bedeutendsten Rap-Songs des vergangenen Jahres. Und es könnte auch der sein, der das folgende prägt. Denn dank dieser Nummer liegt das Interesse der internationalen Hip-Hop- und Popszene auf einmal auf einem Sound, der einst als lokales Phänomen in den Clubs zwischen Baltimore und Newark geboren wurde: Jersey Club.

Pumpende Triplet-Kicks, astrale Synth-Melodien und eine fast schon animalische Energie, die ihresgleichen sucht. Als Lil Uzi Vert im Oktober „Just Wanna Rock“ veröffentlicht, sind viele Rap-Fans geradezu geschockt. Nur die wenigsten von ihnen haben so etwas schon einmal gehört, erst recht nicht von Lil Uzi Vert. Spätestens mit dem abgedrehten Musikvideo inklusive Tanzperformance und Massen-Auflauf im Herzen von New York ist der Stunt perfekt: „Just Wanna Rock“ geht durch die Decke und mit dem Song das Genre Jersey Club.

Eine Nische, die, wie ihr Name schon verrät, in der Vergangenheit vor allem regional verwurzelt war. Jersey Club wird in den frühen 2000ern in Newark, New Jersey, geboren, als die DJs dort fortführen, was ihre Kolleg:innen im nahen Baltimore schon begonnen haben. In den Clubs der Stadt kollidieren Hip-Hop und House und verbinden sich in einer eigenwilligen Mischung, die bald ein Eigenleben entwickelt. Als charakteristische Merkmale kristallisieren sich hämmernde Staccato-Beats heraus, bouncende Percussion, wild zerschnipselte Samples aus Rap und R&B – sowie ein Sound, der verdächtig klingt wie ein quietschender Lattenrost. Doch dazu später mehr.

Vom Club auf die Straße

Zu Beginn richtet sich diese Fusion vor allem an das Club-Publikum in Newark und New Jersey. Mit dem Aufstieg von Videoplattformen wie YouTube, Vine und später TikTok werden die tanzbaren Beats immer wieder zum Soundtrack für Challenges und Choreographien und verhelfen dem „Brick City Sound“ zunehmend zu überregionaler Bekanntheit. Entscheidend sind dabei auch Figuren wie Uniiqu3, Unicorn151 und DJ Fade, die den elektronischen Club-Sound erstmals in ein massentauglicheres Song-Format übertragen.

Unicorn151 und DJ Fade sind es dann auch, die um das Jahr 2018 wittern, dass sich im nahen New York etwas Neues anbahnt: Brooklyn Drill ist das Stichwort und Pop Smoke ist das Gesicht für diese neue, brachiale Sparte des Hip-Hop. Die DJs und Produzent:innen aus New Jersey erkennen die Parallelen zum dem Sound, den sie selbst vorantreiben. Schnell entstehen erste Remixe zwischen den lokalen Szenen und schließlich auch eigene Songs von Künstlern wie Bandmanrill, die den Drill-Flow gekonnt auf die Staccato-Rhythmen aus Jersey ummünzen.

Drake wittert den Trend – mal wieder

Jersey Club fasst Fuß im Rap-Game, doch parallel entwickelt sich auch im Mainstream ein neues Interesse für das Subgenre. Insbesondere Drake ist hier namentlich zu erwähnen. Der Kanadier hat ja sowieso bekanntlich einen guten Riecher was die Trends von heute und morgen angeht. Was ihm zwar auf der einen Seite den Ruf als „Culture Vulture“, auf der anderen Seite aber auch den ein oder anderen Hit eingebracht hat. Auch in Sachen Jersey Club ist Drake früh dran und wittert den Hype sogar schon vor Lil Uzi Vert. Im vergangenen Jahr veröffentlicht er sein Überraschungs-Album „Honestly Nevermind“ – ein Dance-Album, das wegen seiner Langatmigkeit zwar kommerziell floppt, aber durchaus wegweisende Momente hat. So sind die Fans geschockt von dem quietschenden Bett, dass sich durch den Beat von „Currents“ zieht – gemeinsam mit den Triplet-Rhythmen und Vocal-Chops, die auch auf der Hitsingle „Sticky“ auftauchen, definitiv eine Referenz an die Jersey-Szene. 

Die deutsche Rap-Szene will ein Stück vom Kuchen

Als dann wenig später Lil Uzi Vert mit „Just Wanna Rock“ nachzieht, ist Jersey Club endgültig in aller Munde und wird in rasanter Geschwindigkeit von Künstler:innen weltweit adaptiert. Der Jersey-Sound ist chaotisch, passt aber vielleicht gerade deshalb so gut zum aktuellen Zeitgeist, wo wir oft in ein und demselben Song Einflüsse zwischen Trap-Beats, Trance und Drum ‘n’ Bass zu hören bekommen. So haben inzwischen sogar erste deutsche Rap-Artists wie Mo$art, Yung Palo und Nana Le Vrai, Wa22ermann und Yung Hurn Songs im Jersey-Stil. Von so etwas wie einer echten Szene lässt sich hierzulande noch nicht sprechen. Es sind eher einzelne Rapper:innen, die den Trend-Sound als Touristen für sich austesten. Diese ersten Gehversuche fallen bereits erstaunlich stilsicher aus. So haben Ski Aggu und der Schweizer Produzent Endzone für ihre Discounter-Hymne „Ghetto Tekkno“ auf jeden Fall ihre Hausaufgaben gemacht und treffen den Uzi’schen Jersey-Sound ziemlich akkurat.

Skaiwater bringt Jersey in den Hyperpop

Neben der Rap-Szene ist es insbesondere die Hyperpop-Bubble, die den neuen Trend begeistert aufsaugt und mit überzuckerten Melodien und Auto-Tune versieht. Erwähnenswert ist hier der nonbinäre, britische Newcomer-Act Skaiwater, der bereits mit Lil Uzi Vert und Lil Nas X Musik gemacht hat und letzteren auf seiner Europa-Tour begleiten wird. Songs wie „#miles“ oder „Eyes“ gehen längst auf TikTok viral und das liegt neben den märchenhaften Synth-Verzierungen und Skaiwaters verträumtem Sing-Sang nicht zuletzt auch an den wummernden Jersey-Bässen im Hintergrund.

Jersey Club in der Pop-Musik

Keine Frage: Für ungeübte Ohren ist Jersey Club ein Genre, bei dem ziemlich viel los ist. Diese Radikalität lässt sich aber durchaus verhandeln und bei Bedarf abschwächen. So geschehen zum Beispiel bei Levin Liam. Der Hamburger ist einer unserer Lieblingsnewcomer für das kommende Jahr und hat gemeinsam mit Producer Cato und dem Song „graues papier“ vorgemacht, wie der Club-Sound von der Ostküste in einem Alt-Pop-Kontext funktionieren kann. Wer Jersey Club nicht kennt, wird hier den typischen Rhythmus vielleicht gar nicht sofort heraushören, so sehr wird er von der hypnotischen Synth-Melodie überstrahlt. Genauso haben übrigens auch PinkPatheress oder Fred Again.. unlängst gezeigt, wie man mit subtilen Anleihen den Jersey-Sound etwas weniger aufgeregt und gehetzt übersetzen kann.

Der Hype ist da – aber warum eigentlich?

Solche zaghaften Annäherungsversuche sind erst der Anfang. Wie lange das ganze anhält, ist fraglich, aber die Chancen stehen gut, dass Jersey Club in den nächsten Monaten so ziemlich überall auftaucht. Dass der kollektive Zeitgeist sich ausgerechnet auf diese Nische einigt, war unwahrscheinlich, macht aber bei längerer Betrachtung durchaus Sinn. Keine Social-Media-Plattform gibt gerade so sehr den Ton an wie TikTok – hier sind die explosiven, chaotischen Song-Snippets und die Tanzbarkeit von Jersey Club sehr attraktiv für die Creators. Im Rap sucht man dringend nach einer Ablöse für die Drill-Welle der vergangenen Jahre – hier könnte Jersey Club für einen nahtlosen Übergang sorgen. Zwischen (Hyper) Pop, Hip-Hop und Elektro lässt sich der berüchtigte, bouncende Rhythmus außerdem leicht in andere Genres übertragen, mehr noch, Jersey Club entspringt ja selbst einer solchen Fusion zwischen Hip-Hop und House.

Nicht zuletzt ist Jersey Club – zumindest für die meisten Musik-Fans, die nicht an der amerikanischen Ostküste leben – einfach etwas neues und am Ende des Tages ist das wohl der Faktor, auf den es im Jahr 2023 am meisten ankommt. Bleibt nur zu hoffen, dass am Ende auch etwas bei den Erfinder:innen hängen bleibt, die Jersey Club auf den verschwitzten Tanzflächen der „Brick City“ ins Leben gerufen haben – Ehre, wem Ehre gebührt. Denn eigentlich ist das eine echte Sensation: Ein Nischen-Genre aus einer mittelgroßen Stadt in New Jersey (nicht New York, nicht Atlanta, nicht Chicago) kämpft sich mithilfe der Dance-Community in den Mainstream und wird dort, zumindest für die kommenden Monate, auch erstmal nicht mehr weg gehen.

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