Drei Tage „Sisu“: Unser Recap vom Flow Festival 2026
Es gibt Festivals, bei denen man nach drei Tagen erstmal eine Woche in die Eistonne muss. Und dann gibt es das Flow Festival in Helsinki. Zwischen ehemaligen Kraftwerken, roten Backsteinfassaden, finnischem Design, süßem Hochprozentigem aus noch süßeren Dosen und einem Line-up, das sich mühelos zwischen Hyperpop, Indie, R&B, Rap und Rock bewegt, fühlt sich der Festivalbesuch eher wie ein Helsinki-Trip mit ziemlich guter musikalischer Begleitung an.


Wir waren auf Einladung von Music Finland vor Ort – der Organisation, die finnische Musik und ihre Artists international sichtbar macht – und haben uns drei Tage lang durch Suvilahti, die Stadt und einem absurd guten Mix aus Acts bewegt. Das finnische Wort „Sisu“ – innere Stärke, Zähigkeit und Durchhaltevermögen, gerade wenn es schwierig wird – passt dabei erstaunlich gut, denn immer wenn es viel zu sehen und zu hören gibt, leidet vor allem der Schlaf. Wir haben jedenfalls schnell gelernt: Fürs Durchhalten sorgt in Finnland offenbar auch „Hard Seltzer“. Vorsicht ist jedoch beim Fruchtwasser geboten: Was süß schmeckt, geht hier trotzdem auch in Sachen Prozenten sehr hart.
Freitag: Ein All-female Start
Nach einer späten Anreise ging es erstaunlich ausgeschlafen in unseren ersten Flow-Tag. Und der begann nicht etwa on stage, sondern musikhistorisch und stilecht im Touribus durch Helsinki. Erster Stopp: das Kulttuuritalo, Helsinkis legendäres „House of Culture“, 1958 von Alvar Aalto entworfen. Roter Backstein, brutal gute Akustik und eine Konzertgeschichte, die sich liest wie ein kleines Who-is-who der Musikgeschichte: Jimi Hendrix, Led Zeppelin, Cream, Queen, Metallica, Lady Gaga, Iron Maiden – dazu Jazz-Legenden wie Ella Fitzgerald, Miles Davis, Duke Ellington und John Coltrane. Seit diesem Jahr gehört das Gebäude außerdem frisch zur UNESCO-Welterbestätte. Ein ziemlich guter Ort also, um sich daran zu erinnern, dass Helsinki nicht erst seit gestern kulturell ziemlich viel auf dem Kasten hat.





Weiter ging es zur dann zur ehemaligen „Train Factory“. Wo früher das Herz der finnischen Eisenbahnindustrie schlug, trifft heute Industriearchitektur auf Food, Kultur, Sport und urbanes Leben. Ein kurzer Lunch später war dann aber endgültig klar: Jetzt sind wir endlich im Flow.


Louna0nline und Pearly Drops brachten Hyperpop-Energie auf die Bühne, während wir noch die letzte Chance nutzten, ein komplettes Interview vor den beeindruckenden Industrial-Kulissen des Festivals zu drehen. Danach: Marina. Seit ihrem Durchbruch als Marina and the Diamonds im Jahr 2009 hat sie sich durch fünf Alben und unzählige Pop-Momente gearbeitet – und auch in Helsinki bewiesen, warum sie seit Jahren eine der ikonischsten Stimmen ihres Genres ist.



Dann wurde verzaubert von Oklou. Schwebend auf einer Schaukel bewegte sie sich über die Bühne, während die „Oklove“-Cam immer wieder intime Momente aus der Show und dem Publikum einfing. Reduziert, verspielt, emotional – eine dieser Performances, bei denen man irgendwann nicht mehr genau weiß, ob man gerade beim Konzert ist, oder einfach träumt. Dass der Abend damit noch lange nicht vorbei war, zeigte sich spätestens bei Zara Larsson. Auch in Helsinki konnte man ihren Gig an den Outfits erahnen: 2026 ist der einfach Lush-Life-Eurosommer. Auf der Mainstage wurde daraus dann eine kollektive Pop-Party.


Zum Abschluss gab es noch ein bisschen heimisches Feeling: DJ Gigola übernahm die Decks und schickte uns in die Nacht. Erst später fiel auf: Unser kompletter erster Festivaltag bestand musikalisch ausschließlich aus Female Acts. Wenn das kein Statement für ein starkes Booking ist, wissen wir auch nicht. Und während Helsinki langsam dunkel wurde, wurde noch etwas klar: Das Flow Festival findet auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände Suvilahti statt – und genau diese Mischung aus Industrie, Lichtdesign, Kunst und moderner Eventtechnik macht das Gelände zu einer der schönsten Festival-Kulissen überhaupt. Zwischen den Bühnen gibt es außerdem erstaunlich viele Orte zum Sitzen und Durchatmen.

Samstag: Fried Music und ein bisschen „Forever Young“
Der Samstag startete wieder außerhalb des Festivalgeländes – diesmal mit einem Blick hinter die Kulissen der finnischen Musikindustrie. Bei Nordic Music Partners und Fried Music ging es um Songwriting, Produktion und die Frage, wie aus nordischem Talent Musik für den internationalen Markt wird. Fried Music ist seit 2002 eine der wichtigsten Produktionsstätten Helsinkis und hat unter anderem mit Artists wie Sunrise Avenue gearbeitet.



Dort trafen wir unter anderem Singer-Songwriter Tomi Saario und Produzent Hevi Teemu, die bald gemeinsam als „The Good Citizens“ durchstarten wollen. Außerdem lernten wir Vilma Jää kennen, die traditionelle finno-ugrische Folkmusik mit Pop verbindet und mit ihrem Debütalbum „Kosto“ bereits international für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Nebenbei sorgt sie in der Oper für Furore. Am 27. September kann man sie außerdem im Rahmen von „The Sound of Courage“ in der Kulturbrauerei Berlin live erleben.


Zum Lunch ging es anschließend ins „Rogue Rouge“, das in einem historischen Bootshaus auf Tervasaari moderne Küche mit ziemlich perfekter Waterfront-Atmosphäre verbindet. Helsinki zeigte sich an diesem Tag also erstmal von seiner entspannten Seite. Bis wir wieder auf dem Festival ankamen. Dort wartete mit Louie Blue zunächst eine Art finnische Antwort auf den modernen Alternative-R&B-Hype. Sein Sound zwischen Pop und analoger Wärme passt perfekt in den Flow-Kosmos. Für sein letztes Album „Blood & Bones“ hat er schließlich fast alles selbst gemacht – geschrieben, produziert, gemischt und gemastert. Mk.gee lässt jedenfalls grüßen!

Was danach passierte, hatten wir so nicht auf der Bucket List. Das finnische Publikum wirkte bisher eher zurückhaltend, zuvorkommend – bis Turnstile die Mainstage betraten: Moshpits, Circle Pits, Ekstase. Wir standen mitten im Photopit und konnten uns das Ganze aus nächster Nähe ansehen. Nur die Stage Diver hatten offenbar andere Pläne. Die wurden ziemlich schnell wieder aus der Menge gezogen.



Nach diesem Adrenalinschub folgte der nächste big Moment des Wochenendes: Florence + The Machine. Barfuß, im Midsommar-Kleid und mit einer Bühne, die eher nach Theater als nach klassischem Festival aussah, tanzte Florence Welch durch ein Set voller Hits. Groß, theatralisch, emotional – und gleichzeitig komplett mühelos.

Und dann kam die Schluss-808: Clipse. Pusha T und No Malice gemeinsam auf einer Bühne zu sehen, war ohne Frage eines der Highlights des gesamten Festivals. Es war kein großes Spektakel nötig, kein Playback, keine Ablenkung. Einfach zwei Legenden, die ihre Bars spitten. Der Applaus danach war vermutlich der lauteste des gesamten Flow. Unser Abend endete schließlich in einer Karaoke-Bar mit „Forever Young“ von Alphaville. Und irgendwie war das der perfekte Abschluss für diesen Tag.

Sonntag: HJK-Fußball, Geese und Nick Cave
Der Sonntag begann mit einer kleinen Sidequest. Statt direkt zum Festival zu gehen, führte unser Weg ins Stadion zu HJK gegen Jaro. 3:0, klare Sache – inklusive ordentlich Fangesängen. Ein kurzer Abstecher in die finnische Fußballkultur, bevor es zurück nach Suvilahti ging. Dort warteten dann Geese. Und der Hype? Komplett gerechtfertigt. Das Energielevel lag irgendwo zwischen Garage-Rock, Wahnsinn und kontrolliertem Chaos.



Danach brachte Sombr die Canal Street nach Helsinki. Der US-Artist hatte selbst erzählt, wie schnell er sich in Finnland heimisch gefühlt habe. Auf der Bühne war davon einiges zu spüren: eine ausgelassene Feel-Good-Performance, während die Sonne langsam über Suvilahti unterging. Und irgendwann war dann endgültig Midsommar. Im Silver Tent stand Lykke Li, die schwedische Pop-Legende und Meisterin der großen Gefühle. Das Bühnenbild blieb vergleichsweise reduziert – was sie nicht davon abhielt, daraus einen riesigen Moment zu machen.


Für das Grande Finale brauchte es dann aber jemanden, der wirklich alles kann: Nick Cave & the Bad Seeds. Mit fast 70 Jahren zwei Stunden lang eine Festivalbühne so abzureißen, kommt nicht von ungefähr. Das Set wechselte permanent die Temperatur: laut und leise, schnell und langsam, wuchtig und plötzlich ganz intim. Mal mitten im Publikum, mal mit voller Band, mal nur am Klavier. Und als Nick Cave schließlich „Into My Arms“ anstimmte, war eigentlich alles gesagt: Das perfekte Festivalende.

Drei Tage im „Flow“-Zustand
Rund 150 Acts, drei Tage Musik und ein Gelände, das wahrscheinlich kaum einen besseren Ort für dieses Festival abgeben könnte: Das Flow Festival schafft es, Helsinki selbst zum Teil des Erlebnisses zu machen. Zwischen Suvilahtis Industriearchitektur, den Sidequests durch die Stadt, finnischen Newcomer:innen und internationalen Legenden verschwimmen Festival und Citytrip komplett. Und vielleicht ist genau das die größte Stärke des Flow: Es fühlt sich nie nach einer einzigen großen Festivalblase an. Drei Tage später verlassen wir Helsinki mit ziemlich müden Beinen, einem Kopf voller neuer finnuscher Musik und der Erkenntnis, dass Finnland offenbar weiß, wie man Festival kann. Wir kommen wieder. Sisu eben!
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