Way Out West 2026: Pop im Wald, Techno im Dungeon und Gewitterstimmung bei Gorillaz
Wandert man über das Gelände des Way Out West, entsteht schnell der Eindruck, man befände sich in einem märchenhaften Wald auf einer der Inseln entlang der schwedischen Küste. Tatsächlich erstreckt sich das berühmte Festival aber nicht irgendwo über das skandinavische Outback, sondern lädt jedes Jahr in den sogenannten Slottsskogen-Park, mitten in der schwedischen Großstadt Göteborg ein. Vor Ort ist das aber kaum zu glauben, denn die Bäume sind dicht und hoch, gemütliche Lichtungen durchbrechen das Grün und hin und wieder tauchen kleine, mit Moos bewachsene und von Enten bewohnte Teiche auf.
Way Out West: Nachhaltig, vielfältig, durchdacht
Ob besagte Enten genauso begeistert von den Live-Performances der Gorillaz, The XX und Lorde sind wie die rund 81.500 Festivalbesucher:innen weiß man nicht genau, sie scheinen sich mittendrin aber ziemlich wohl zu fühlen.Vielleicht auch weil in ihrer Gegenwart keine Artgenossen gebraten werden. Das Way Out West ist nämlich seit 2012 zu 100% vegetarisch und in großen Teilen vegan. An den Ständen gibt es dann Beispielweise „ish and Chips“ also „Fish and Chips“ ohne das „F“ mit plant-based Alternative. Außerdem findet sich frittierter Blumenkohl, Pizza, Bao Bun Burger und Falafel-Wraps.
Neben dem ausgeklügelten Nachhaltigkeitskonzept ist das nur einer der Gründe wieso das Way Out West sich den Titel als eines der progressivsten Festivals in Europa verdient hat. Nicht zuletzt spiegelt sich das nämlich auch in dem Line Up mit einem 50:50-Geschlechterverhältnis wider. Und auch wenn bei manchen gehypten Food-Spots wie dem „Broth Boy“ gerne Mal zwei Stunden für eine Schüssel Ramen angestanden wird, sind wir natürlich eigentlich alle für das eine da: Die Musik. Und was gibt es besseres als sich dabei dann auch noch weniger Gedanken um Equality machen zu müssen.



Mehr als nur große Namen
Verschiedene Stages, die teilweise komplett unterschiedliche Stimmungen mit sich bringen, sind auf dem Way Out West ganz organisch in das Parkgelände eingebaut. Da gibt es zum Beispiel die „Dungeon Stage“ auf der vor allem Techno- und House-Sets laufen. Oder das riesige Zelt unter dem Namen „Linné“ in dem große Indie-Favoriten, elektronische Artists und Hip-Hop-Acts spielen. Die „Höjden Stage“ auf einem grünen Hügel ist dann meistens für die angesagten Newcomer:innen reserviert. Die Main Stages „Flamingo“ und „Azalea“ stehen sich direkt gegenüber und werden back to back bespielt.
Qualität trifft Quantität
Insgesamt versucht das Festival aber nicht nur mit großen Namen zu überzeugen. Schaut man sich das Lineup etwas genauer an beschleicht einen schnell das Gefühl, dass die Kurator:innen sich dafür auch abseits der aktuellen Charts bewegt und tatsächlich mit sehr viel Liebe für Vollblut-Artists und ihre Kunst ausgewählt haben.
Wieso nur das eine, wenn man beides haben kann: Qualität und Quantität heißt es dann. Von theatralischen Pop über Indie-Rock, experimentellen Alternative-Sound zu Breakbeat-Techno. Über R&B und Hip-Hop bis hin zu Grunge findet sich hier alle möglichen musikalischen Klangfarben. Gerade weil sich die verschiedenen Bühnen so stark voneinander unterscheiden, steht man mal zwischen einer riesigen Menge vor einer der großen Bühnen, und kurz darauf auf einer kleinen Lichtung oder in einem Zelt, in dem sich alles deutlich intimer anfühlt. Aber jetzt erst Mal genug vorgenommen – das waren unsere Highlights auf dem Way Out West:
Donnerstag: Zwischen schwedischem Pop und Melancholie



Schon im Bus auf dem Weg zum Gelände wird klar, dass hier Festivalwochenende ist. Laute Stimmen, pinke Kabelkopfhörer, Zara-Larsson-coded Make-up mit neonfarbenen Lidschatten und leuchtendem Blush, Mini-Glitzerröcke und Stiefel. Schon bevor man durch das große Tor geht, hört man den Bass und die elektronischen Beats vom Gelände.
Lily Allen fährt dann direkt mit einem der besten Bühnenbilder auf. Sie sitzt auf einer Torte, ihre Songs gehen fast wie in einem DJ-Set ineinander über und der Bass kickt. Clipse spielen gegenüber „Day One Shit“, bevor es bei Oklou im Linné-Zelt plötzlich magisch und melancholisch wird. Mal oranges, mal blaues geisterhaftes Licht getaucht, klingt sie wie eine Sirene mit Auto-Tune. Dazu helle, warme, flächige Synths, die sich anfühlen, als würde alles gut werden. Die Show wirkt teilweise wie eine immersive Installation, stellenweise psychedelisch mit ein ganz klein bisschen Horror. In den ruhigen Vocal-Momenten jubelt die Menge, anschließend dreht der Bass wieder auf und spätestens bei ihrem Hit „harvest sky“ rasten alle aus.
Bevor Zara Larsson auftritt, hört man dann schon von Weitem die schwedischen Fangesänge. Die aktuelle Queen of Swedish Pop ist zu Hause. Sie trägt die Flagge auf ihrem Shirt und stellt ihre ganze Band in leuchtender Neonschrift vor. Am Ende sie holt einen jungen Fan auf die Bühne, um wie so oft gemeinsam ihren viralen Tanz zu performen.
Während die Menge immer noch versucht, Zara Larssons unmögliche Vocals zu „Midnight Sun“ nachzusingen, obwohl sie schon längst verschwunden ist, geht es weiter zu Moby. Bei ihm lässt es sich dann richtig gut in eine euphorische Trance tanzen. Bunte Bühnenlichter wirken genauso überladen, gestapelt und pulsieren wie seine Beats. Danach heißt es dann Mal wieder einmal um 180 Grad drehen und man landet bei The XX.
Hier ist erstmal alles etwas reduziert. Zwei Stimmen im Dialog, herzergreifend und beide mit glänzenden Solo-Momenten. Ab der Hälfte des Auftritts rutschen die Lieder dann in Richtung House. Ein paar Hits von „In Waves“, dem 2024 erschienen elektronsichen Album des dritten Mitglieds von The XX rücken in den Mittelpunk. Und am Ende dann natürlich: Das legendäre „Intro“.
Freitag: Von Nu Genea bis The Cure



Am Freitag muss man dann wieder fast von Bühne zu Bühne rennen. Unter anderem stehen Ravyn Lenae, Dijon, Geese und Blood Orange auf dem Programm, später folgen Lykke Li und The Cure als große Headliner. Ravyn Lenae performt ihre Mischung aus Sad-Girl-Pop, Alternative R&B und Neo-Soul. Auf der Höjden Stage wird es bei Qendresa dann noch intimer. Die Bühne liegt auf einem kleinen Hügel, hinter ihr leuchtet ihr Name in pinker Glitzerschrift. Daneben stehen ihre Backgroundsängerinnen, die Sonnenstrahlen bringen alle drei zum Leuchten. Qendresa betont, zurecht, welche Lieder sie auch selbst produziert hat.
Beim italienischen Duo Nu Genea fliegen wenig später Wasserbälle durch die Luft, es wird getanzt, gesprungen und sich geschüttelt. Songs handeln von Vulkanen rund um Napoli, Lebensfreude und allem, was dazwischen liegt. Irgendwann machen zwei Menschen aus einem Gürtel spontan eine Limbo-Stange und lassen Fremde darunter durchtanzen.
Währenddessen wird bei Geese wieder die Melancholie gefeiert. Fontmann Cameron Winter ist sich in seiner Ansage auf der Bühne nicht mehr ganz sicher ob und wann er das letzte Mal auf dem Way Out West waren, aber das gehört wahrscheinlich genauso zum Image dazu wie das vintage Massive-Attack-Shirt, dass er trägt. Bei Dijon herrscht anschließend maximale Energie. Seine Band spielt sich die Finger wund und Dijon singt mit einem fast Michael-Jackson-artigen Flow und mitreißenden emotionalen Vocals. Los geht es direkt mit „Talk Down“, viel geredet wird nicht. Stattdessen fühlt es sich ein bisschen an, als würde man einem Haufen Musiknerds beim Proben zusehen, nur dass eben jede Note sitzt.
Nick Cave & the Bad Seeds bringen später echte Rockstar-Energie auf die Bühne. Und auch The Cure ist an diesem Abend in Schweden angekommen. Hoffnungsvoll und herzzerreißend in einem. Bei Lykke Li wird zu „I Follow“ währenddem in Unisono gesungen und die Melancholie erreicht an diesem Abend ihren Höhepunkt.
Samstag: Göteborg tanzt



Am Samstag beginnt Celeste mit ihrer einzigartig rauchigen Stimme, bevor das Ezra Collective aus London eine regelrechte Tanzparty vor der Mainstage auslösen und Sängerin Yazmin Lacey auf die Bühne holen. „God gave me feet for dancing“ heißt der Track und ja, Göteborg tanzt wie kaum ein anderes Festival. Das zeigt sich auch bei Veronica Maggio, eine der aktuell größten schwedischen Popstars.
Bei Maribou State kann man danach zu „Take It Easy“ kurz eine „out-of-body experience“ erleben, bevor es bei Sombr maximal theatralisch wird. „In sombr land everyone is accepted and loves each other, love your neighbours“, sagt er, während er mit einer Fahne über die Bühne läuft, auf die er vorher „sombr Sweden“ gesprüht hat. Lorde spielt „Girl, so confusing“ ohne Charli xcx, die war schließlich schon letztes Jahr auf dem Festival. Außerdem performt sie jede Menge Hits aus ihrem „Melodrama“-Album und „Ribs“ als Krönung.
Der ultimative Headliner ist an diesem letzten Abend dann Gorillaz und die haben auch einige ihrer ikonischen Feature-Gäste dabei, darunter Yukimi Nagano, im Gorillaz Universum auch bekannt als Little Dragon, Kara Jackson sowie Anoushka Shankar für „Orange County“ und Posdnuos (De La Soul) für „Feel Good Inc.“. Der Himmel wird dabei dunkler und ein epischer Wind wirkt wie ein Paid-Actor, für die extra dystopische Stimmung. Wer dann immer noch nicht genug hatte, ist anschließend vielleicht sogar noch beim Karaoke-Abend gelandet, ebenfalls auf dem Festivalgelände und offen für alle.
Mehr als nur Konzerte
Das Way Out West hört nicht bei den klassischen Live-Shows auf. Neben dem Musikprogramm gibt es ein Filmfestival, Talks aus der Musikwelt und Panels. An verschiedenen Ständen kann geshoppt werden oder man lässt sich über verschiedene Initiativen aufklären. Und wenn im Slottsskogen langsam Schluss ist, geht es mit Stay Out West in verschiedenen Clubs und Venues in Göteborg weiter, da stehen dann zum Beispiel angesagte Acts wie dieses Jahr Jane Remover oder Thaiboy Digital auf der Bühne.
Nach drei Tagen bleibt dann vor allem ein Gefühl hängen: Auf dem Way Out West wurde nicht einfach eine möglichst große Liste aus aktuellen Namen zusammengestellt. Das Festival lebt von Gegensätzen, von großen Popmomenten und kleinen intimen Shows, von theatralischen Performances und zurückhaltenden Musiknerds. Von Lebensfreude, aber eben auch sehr viel Melancholie. Und egal, in welche Richtung man durch diesen verwinkelten Wald läuft: Irgendwo spielt eigentlich immer gerade jemand, für den es sich lohnt, noch einmal stehen zu bleiben.
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