FLINTA*-Artists to the front: Wann endlich mehr Gerechtigkeit auf Bühnen?
Als ich 18 Jahre alt war, fuhr ich das erste Mal auf ein Drei-Tage-Festival. Es war ein wunderschönes Gefühl, so viele Live-Acts wie möglich in drei Konzerttage zu packen und mich für diese drei Tage lang aus gefühlt allen Normen und Regeln der Gesellschaft zu befreien. Ich freute mich unglaublich auf das Line-up, denn einige meiner Lieblingsartists spielten dort: Gorillaz, Macklemore, The Kooks, Casper, Rin, Left Boy, Trettmann oder auch Imagine Dragons. Unter den exakt 100 Acts, die in dem Jahr auftraten, waren sie meine absoluten Highlights. Mir fiel erst gar nicht auf, was diese acht Artists gemein hatten (abgesehen von einem Auftritt auf dem Festival und einem Platz meinen Playlists): Sie alle, sowie 86 weitere, also insgesamt 94 von 100, waren cis-männliche Künstler. Gerade einmal vier Personen wurden in diesem Festival, das im Jahr 2018 stattfand, als nicht-cis-männliche Personen gebucht. Was mich heute daran noch mehr schockiert als die Tatsache selbst, ist, wie egal es mir damals war, dass dieses Festival ein offensichtlich diskriminierendes Line-up hatte.
Heute fällt mir zum Glück auf, was ein solches Line-up bedeutet. Dass dahinter Strukturen und Entscheidungen stecken, die ganz eindeutig gewisse Menschen benachteiligen. Ob ich das heute genauso feiern würde wie damals – weiß ich nicht. Lieber würde ich rückwirkend eine wütende Mail an die Veranstaltenden schicken – Sie fragen, was das denn bitte alles soll. Was sie damit sagen möchten.
Bewusst gemacht hat mir das neben einem sozialwissenschaftlichen Studium vor allem die Musikindustrie selbst: Durch Artists, die ihre Plattform und Stimme nutzten, um auf Social Media darauf aufmerksam zu machen, welche Quote die aktuellen Festivals vertreten. Oder generell Menschen aus der Branche, die sich für mehr Ausgeglichenheit und Gerechtigkeit aussprachen und mir heteronormative Strukturen aufzeigten. Strukturen, die FLINTA* Personen – das heißt Frauen, Lesben, Intersex-, Nicht-binäre-, Trans- und Agender-Personen – eben nicht mit einbinden. Das alles in einer Branche, die im Allgemeinen auch als sehr fortschrittlich betrachtet wird. So heißt es zumindest immer.
In diesem Jahr, das 2022 schreibt, fand das besagte Festival nach zwei Jahren Pandemie-Einschränkungen wieder statt. Zu Freuden aller Musikliebhaber:innen gab es hier sogar 114 Acts, bestehen aus Live-Musiker:innen und DJs. Von diesen 114 Acts gab es insgesamt 175 Einzelpersonen, die sich teilweise in Bands oder DJ-Projekten zusammentaten. Von diesen 175 Personen gab es, nun ja, 21 Menschen, die identifizierbar nicht-cis-männlich waren. Vier Jahre Unterschied, indem die Quote der nicht-cis-männlichen Personen zwar um ein Vielfaches gestiegen ist, trotzdem bleibt diese unglaublich klein. Da stellen sich mir nur die Fragen: Warum ist das noch immer so? Und warum scheinen die anhaltenden Diskussionen zu dem Thema nichts zu bringen?
Wer gibt hier den Ton an?
Um das alles ein wenig besser zu begreifen, habe ich mich mit Rike van Kleef getroffen. Sie ist Aktivistin, Moderatorin, Veranstalterin und vieles mehr in Themen, die sich mit Popkultur und Queervisibility beschäftigen und hat gemeinsam mit anderen Personen „fæmm“ gegründet, eine feministische Initiative in der Musikbranche, die jede Menge aktivistische Arbeit leistet. Außerdem hat sie ihre Bachelorarbeit zu dem Thema geschrieben, das mich gerade so brennend beschäftigt. Der exakte Titel ihrer Arbeit lautet: „Wer gibt hier den Ton an? Über die Repräsentanz von Geschlecht auf deutschen Unterhaltungsmusik-Festivalbühnen“ – treffende Worte zur Thematik. Hier hat sie Daten und Fakten zum Status-Quo der Veranstaltungsbranche gesammelt.
Als ich Rike von dem besagten Festival erzähle antwortet sie mir: „21 Personen? Das sind ja über zehn Prozent! Das ist ja noch viel“. Etwas verdutzt schaue ich sie an und bin gleichzeitig gespannt, was sie zu sagen hat. Denn Rike hat Recht, im Vergleich zu anderen Festivals ist das eine relativ hohe Prozentzahl. Mit einer detaillierten Nachforschung hat sie nämlich herausgefunden, wer in Deutschland gebucht wird. Dafür hat sie die fünf größten Festivals in Deutschland unter die Lupe genommen und das Line-up ganz genau betrachtet. Das Geschlecht der Artists, die hier aufgelistet waren, entnahm sie dabei nicht einfach der Erscheinung – sie suchte eindeutige Beweise, um zu sehen, wie sich die Personen identifizierten. Sei es durch Instagram-Bios, Pressetexte oder eine persönliche DM. Daraus ergaben sich jedoch auch 599 Personen, deren Geschlecht aus Mangel an Daten nicht bestimmt werden konnte.
Ihre Forschung ergaben in absoluten Zahlen schließlich folgendes: In den untersuchten Slots der fünf verkaufsstärksten Festivals standen 83,76% männliche und 15,35% weibliche Personen auf den Bühnen. Der Anteil jener Personen in dem Spektrum, die sich nicht als männlich oder weiblich identifizieren oder gelesen werden, ist noch viel geringer als jener der weiblichen Artists. Laut Rikes Forschung liegt die Quote der offen nicht-binären und genderqueeren Personen, die im Jahr 2019 auf Festivalbühnen standen bei – gut festhalten – 0,89 Prozent.
Warum ist es so wichtig, diesen unterrepräsentierten Gruppen eine Plattform zu schenken? Kann doch heutzutage nicht sowieso jede Person machen was sie will, auch ohne externen Zuspruch? Das sind Fragen, die ich oft von cis-männlichen Personen höre, die selbst von den patriarchalen Strukturen ja meist im Positiven betroffen sind. Auch Rike hat zu dem Thema eine tragende Anekdote: „Bei der Aufnahmeprüfung für mein Studium musste ich über ein kulturpolitisches Thema sprechen, das mich selbst betrifft. Ich habe über Sexismus in der Musikbranche gesprochen. In meiner Prüfung saß ein Dozent, der zu mir meinte, das gäbe es nicht. Er selbst war Orchester-Dirigent und meinte das wäre heute kein Problem mehr. Da dachte ich mir wirklich: ‚Was willst du mir denn erzählen? Ich arbeite in dem Bereich, ich bin betroffen.‘ In dem Moment wurde ganz klar für mich, dass das mein Forschungsthema wird. Generell musste ich mir solche Kommentare immer wieder anhören. Und die kamen immer von Männern – weil ich auch meistens einfach die einzige Frau war”
Sich als einzige Frau, beziehungsweise nicht-cis-männliche Person, in einem Raum wiederzufinden – das kennen bestimmt die meisten FLINTA* Personen in der Musikbranche. Aber wie können wir es denn nun schaffen, diese Ungleichheit aufzuwiegen? Rike elaboriert ein wenig zu dem Lösungsansatz: „Repräsentation ist mega wichtig, damit sich andere Personen inspiriert fühlen, auch bestimmte Arbeit zu machen und (Führungs-)Positionen einzunehmen. Aber neben Repräsentation ist Einbindung und Teilhabe der Key. Das Wichtigste ist, dass es ganz selbstverständlich wird, dass alle Menschen – egal welchen Geschlechs – gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind, in allen Positionen.“
Zwischen Euphorie und Enttäuschung
Eine der 21 FLINTA* Personen, die im vergangenen Sommer auf dem anfangs angesprochenen Festival auftraten, ist Musikerin und Rapperin Eli Preiss. Die junge Wienerin befindet sich seit den vergangenen zwei Jahren im rasanten Aufstieg in der Musikbranche. Dabei fällt sie immer wieder mit feministisch empowernden Zeilen oder Postings auf Social Media auf. Auch Eli habe ich um ein paar ihrer Insights dazu gebeten, wie sie sich im Sommer 2022 auf Musikfestivals gefühlt hat:
„Ich bin unendlich dankbar, dass ich auf so vielen Bühnen dieses Jahr Platz finden durfte. Viele Bookings kamen aus einer echten Begeisterung für meine Liveauftritte und meine Musik, allerdings war es schon hier und da (vom Gefühl her) auch um die Frauenquote zu erfüllen, sich quasi die Weste weiß zu machen. Das ist einerseits natürlich super für mich, aber andererseits auch traurig.“, sagt die junge Künstlerin. Also schwingen nicht nur bei mir als Konsumentin eines Festival gemischte Gefühle mit – auch Eli sieht das Thema als zweischneidiges Schwert. Aber da bleibt mir weiterhin die Frage: Wird sich denn überhaupt etwas an dem ganzen ändern?
„Ich denke, dass Kunst und ‚der Mainstream‘ oft einen Spiegel der Gesellschaft darstellen. Ich sehe und vor allem höre immer mehr FLINTA* in der deutschsprachigen Musikbranche. Der Grund dafür ist aber eben auch, dass die Gesellschaft etwas offener dafür geworden ist.“, so Eli. „Obwohl der Kampf um einen Platz in der Branche für Frauen noch immer hart und aktuell ist, kann ich schwer sagen, wie viel härter er für openly gay, intersexuelle, nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen sein muss. Wenn aber die Nachfrage nach FLINTA* Artists steigt, wird hoffentlich die Branche schnell nachziehen“.
Der Schritt zur Veränderung?
Es ist ein Donnerstagnachmittag und ich sitze im DIFFUS Büro. Eine Mail flattert gerade in mein elektronisches Postfach, in der die vergebenen Headliner-Slots für ein großes deutsches Festival angesagt werden. Mit Vorfreude öffne ich die Nachricht. Nach Lesen der Mail vergeht mir das schöne Gefühl allerdings genauso schnell wie mir der Magen flau wird. Sieben Headliner-Slots wurden vergeben. Sieben davon sind besetzt von cis-männlichen Künstlern. Heißt das also, es geht 2023 so weiter?
Dabei ist es doch eigentlich so simpel, etwas daran zu ändern. Einfach einmal anfangen, etwas zu tun – Schritt für Schritt. Das ist auch die Devise von Rike: „Jede:r Akteur:in kann da einen eigenen Teil beitragen. Ich kann mir als Besucher:in anschauen, wer an den Festivals beteiligt ist. Als gut etablierter, erfolgreicher Act kann ich zum Beispiel zur Verhandlungsbasis machen, dass ich nur dann spiele, wenn Gleichberechtigung stattfindet. Eine Künstler:in oder ein Management kann ganz bewusst die eigene Plattform nutzen, um FLINTA* Acts zu pushen – zum Beispiel auf Social Media. Booker:innen können darauf schauen, wen sie buchen. Fördermittelgeber:innen können Fördergelder an Bedingungen knüpfen oder gewichten. Es gibt sehr viele Hebel, die da betätigt werden können.“
Und auch Eli hat noch ein Paar Worte an die Musikbranche und alle, die gehört werden wollen: „Habt keine Angst davor, in einer von Männern dominierten Branche anzufangen! Werdet Produzentinnen, werdet Veranstalterinnen, werdet Tontechnikerinnen…! Schaut mal in eure Playlisten und die eurer Freund:innen und beobachtet, ob man da nicht etwas mehr Diversität und feminine Energie rein bringen kann. Hört uns zu, reduziert uns nicht auf unser Äußeres und unsere Sexualität. Danke!“
Ich für meinen Teil wünsche mit zumindest, dass ich nicht mehr auf so ein Line-up wie im Jahr 2018 blicken muss. Die Arbeit von Rike und Kunst von Eli geben mir zumindest einen Ausblick mit Hoffnung, dass sich irgendwann die Dinge doch noch ändern. Bis dahin bleiben wir laut, regen uns weiter über die Menschen auf, die keine Lust haben diese Strukturen zu verstehen. Hören und sehen uns Kunst von talentierten FLINTA* Personen an. Und gehen auf Festivals, die nicht diskriminieren, sondern Diversität auch wirklich leben. Bis diese Botschaft in den Schlüsselpositionen der großen Festivals angekommen ist. Bis aufgehört wird, nur darüber zu reden und angefangen wird, auch wirklich Dinge und Strukturen aktiv zu verändern. Und Bis die Musikbranche auch wirklich so gerecht und fortschrittlich ist, wie sie es behauptet.
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