Im Takt der Klimakrise: Wie Musikkonsum unseren Planeten belastet
Beim Musikhören habe ich bislang nur sehr selten an die Umwelt gedacht. Höchstens dann, wenn Alligatoah in „Lass liegen“ den fanatischen Umweltverschmutzer besingt oder Declan McKenna in „Brazil“ die Zerstörung des Amazonas Regenwalds anspricht. Aber zum Beispiel noch nie, wenn ich jeden Freitag mein Release Radar durchstöbere oder stundenlang Hintergrundmusik einschalte. Dabei ist der Zusammenhang Konsum und Ressourcenverbrauch ja eigentlich ganz logisch – und auch in der Musikwelt real. Und tatsächlich gibt es einige Studien, in denen bereits vor ein paar Jahren herausgefunden wurde, dass Musikkonsum einen großen Anteil zur Umweltbelastung beisteuert.
Wir haben also alle einen – sozusagen – musikalischen Fußabdruck, samt erhöhter CO2-Bilanz. Und dieser setzt sich nicht nur aus Streaming, sondern auch aus diversen anderen Gewohnheiten zusammen, die man als Musikfan nun mal so hat. Ganz versteckt.
Zwischen Plastikmüll und Treibhausemissionen
Die Studie „Music Consumption Has Unintended Economic And Environmental Costs“ (2019) von den Universitäten Glasgow und Oslo warf genau diese Frage auf: Wo stecken im Musikkonsum die versteckten Umweltlaster und was sind davon die Größten? Die Forschenden untersuchten dabei den amerikanischen Musikmarkt und betrachtete dessen Ökobilanz über mehrere Jahre im Vergleich. Das erste Ergebnis scheint dabei recht harmlos und fast sogar positiv: Aufgrund der reduzierten Produktion von physischen CDs und Vinylscheiben verringerte sich über die Jahre die dadurch verursachte Plastikproduktion deutlich. Von 61 Mio. Kilogramm im Jahr 2000 auf schmale 8 Mio. Kilogramm im Jahr 2016.
Dieses freudige Aufatmen verschwindet aber ganz schnell wieder, wenn der Blick auf die gewaltigen Zahlen für Online-Traffic fallen, die sich durch das Aufkommen der Streamingdienste vervielfachten. Statt Plastikmüll stiegen in den vergangenen Jahren die Treibhausemissionen und vor allem der Energieverbrauch drastisch. Der Energiebedarf digitaler Technologien macht dabei sogar ganze 4 % der weltweiten Emissionen aus. Zum Vergleich: Beim zivilen Luftverkehr sind es 2%. Dabei wird der meiste Verbrauch gar nicht von Konsument:innen selbst verursacht, sondern von den Servern und Kühlungstechnologien der Streamingdienste. Hier gibt es auch zwischen den Anbietern deutliche Unterschiede.
2017 verglich Greenpeace mit der Studie „Clicking Green“ verschiedene Onlineplattformen, die das Internet dominieren. Hier stach iTunes besonders positiv heraus und bekam die Note A, Soundcloud hingegen enttäuschte mit der Note F. Der wohl marktführende Streamingdienst Spotify wurde ebenfalls schlecht eingestuft und bekam die Note D. Mit scheinbarem Willen zur Besserung ihrer CO2-Bilanz verfrachteten sie deshalb ihren gesamten Dienst 2018 in die Google Cloud. Die Emissionen hätten sich seitdem scheinbar deutlich reduziert. Aber ob das genug ist?
No Music On A Dead Planet!
„Der Verbrauch von Streaming ist auch immer eine sehr individuelle Sache. Es kommt darauf an, welchen Dienst man in Anspruch nimmt und in welcher Qualität. Wenn man noch mit Video dazu streamt, werden die Emissionen höher“, weiß Fine Stammnitz von der Initiative Music Declares Emergency Germany. Diese wurde von Künstler:innen, Vertreter:innen und Organisationen aus der Musikbranche gegründet und setzt sich für eine gemeinschaftliche und branchenweite Reaktion auf den Klimawandel ein. Unter dem Motto „No Music on a Dead Planet“ setzten die Vertreter:innen von Music Declares Emergency ein klares Zeichen und möchten das Bewusstsein für den Klimanotstand auch in der Musik schärfen. Als Gründungsmitglied und aktives Mitglied der Arbeitsgruppe von Music Declares Emergency Germany weiß Fine, mit welchen Schäden die Musik zum Klimawandel beiträgt und vor allem wo es Aufholbedarf in der Branche gibt.
Die versteckten Umweltlasten der Musik
Dabei ist nicht nur Streaming eine Sache, bei der Klimaschäden unbemerkt an Konsument:innen vorbeiziehen. Auch Merchandise-Artikel wie Shirts oder ganze Fanboxen belasten durch die Produktionswege einen großen Anteil das Klima. „Natürlich müssen Künstler:innen aber auch Geld verdienen. Nachhaltigkeit ist ja auch oft eine Privilegiensache. Man kann aber auf jeden Fall darauf achten, woher die Produkte kommen und wie sie hergestellt werden. Dabei ist es wichtig, nicht nur auf die ökologische, sondern auch auf die soziale Nachhaltigkeit zu achten“, merkt Fine dazu an. Auch aus Fanperspektive ist es verständlich: Ich hätte damals auch nur schweren Herzens auf meine geliebte „In Schwarz“-Fanbox von Kraftklub verzichten können, in der sich das Shirt befindet, das ich noch immer gerne trage. Trotzdem kann und sollte dabei auf Lieferketten, Produktionswiesen und Materialien geachtet werden – genauso wie es schon vielerorts bei beispielsweise Fast Fashion gemacht wird.
Aber auch in Sachen Livemusik gibt es die ein oder andere Sache, die man in der Euphorie auf dem Konzertabend schnell vergisst. Auf der Checkliste stehen meistens: Outfit, Konzertticket, und … ach ja, die Anfahrt. „Bei vielen Veranstaltungen, die etwas weiter außerhalb gelegen sind oder eine eher schlechte ÖPNV-Anbindung haben, macht der Publikumsverkehr einen Großteil der Gesamtemissionen aus“, erklärt Fine. Abgesehen von den Emissionen, die ein Liveevent ja sowieso schon verbraucht, kann man als Besucher:in also schon dazu beitragen, dass diese sich nicht noch vergrößern.
Was Musikfans anders machen können
Deshalb hat Fine auch noch ein paar Tipps parat, wie wir als Fans ein bisschen besser auf die Umwelt aufpassen können, und trotzdem musikalisch bleiben: „Musik downloaden verbraucht zum Beispiel weniger Emissionen, als es immer wieder vom Server abzurufen. Zu einer abgelegenen Veranstaltung kann man sich mit den Freund:innen eine gute Zeit im Regio machen. Die Fans können auch einfach zuhören, sich weiterbilden und den Künstler:innen den Support geben, den sie können – ohne dafür billig produzierte Merchandise Artikel zu erwarten.“ Kleine Schritte, die jede:r ganz einfach in ihren oder seinen Musikalltag einbauen kann. Dabei bleibt jedoch irgendwie ein mulmiges Gefühl im Magen und die Frage: Führen diese kleinen Schritte denn auch schlussendlich ans Ziel?
Was die Musikbranche anders machen muss
Obwohl die individuellen Entscheidungen sicher auch einen großen Impact auf die Klimabelastung haben, werden wir sicher nicht von heute auf morgen aufhören, Musik zu streamen, Merch zu kaufen oder zu Konzerten zu fahren. Und noch weniger können wir das gesamte Streaming-System grundlegend verändern. Das wird vermutlich erstmal so bleiben. Was es braucht, ist ein Umdenken in der gesamten Branche. Das findet auch Fine: „Es benötigt einen Transformationsprozess, der über ökologische Nachhaltigkeit hinausgeht.“ Das heißt für sie vor allem auch eine Berücksichtigung von sozialer Nachhaltigkeit, Gesundheit und von menschlichen Bedürfnissen. „Wir bei MDE beobachten den generellen Habitus in der Musikbranche, dass alles immer so schnell gehen muss. Musiker:innen müssen oft wochenlang durchpowern und sind teilweise nur sehr kurz an einem Ort, um dann wieder weiterzujetten. Das ist weder für die Umwelt noch für die Menschen gesund.“
Wer kann was bewirken?
Dazu ist eine Bewusstmachung des großen Einflusses der Musikbranche extrem wichtig. Denn sowie in der gesamten Klimadebatte gilt auch hier: Es darf sich nicht auf die individuellen Entscheidungen der Konsument:innen gestützt werden, wenn eigentlich das System selbst einen riesigen Fehler in sich hat. Wenn ich meine Lieblingsmusik streamen muss, um sie anhören zu können, dann sollte es nicht im meiner Hand liegen, das Streaming-Angebot nachhaltig zu gestalten. Spotify und Co. müssen sich da am Riemen reißen und effizientere Server entwickeln. Veranstalter:innen können sich bei abgelegenen Eventlocations um Shuttlebusse kümmern und Künstler:innen können ihren Merch möglichst fair produzieren. Das alles liegt in der Hand der Musikbranche, in der es vielleicht doch nicht immer so schnell gehen muss, wie wir denken.
Ich persönlich werde in Zukunft die kleinen Tipps von Fine trotzdem im Hinterkopf behalten, wenn ich Musik streame oder auf das nächste Festival in der Einöde fahre. Und vielleicht ist das auch eine gute Gelegenheit, um sich mit der Arbeit von Music Declares Emergency enger vertraut zu machen, und sich ihren Forderungen zur Klimarettung anzuschließen.
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