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Making „Herstory“: Der Einfluss von Drag-Kultur auf Popmusik 

Posted in: Features

Erst kürzlich veröffentlichte der australische Sänger Troye Sivan sein neues Album „Something to Give Each Other”. Darauf findet sich auch der fabulöse Pop-Hit „One Of Your Girls“, den Sivan erst kürzlich mit einem einprägsamen Video bedachte. Nicht nur auf YouTube hält sich das Video seit nun beinahe zwei Wochen unter den Top 20 der Trends, auch auf TikTok kam man an den Zeilen „Give me a call if you ever get lonely / I’ll be like one of your girls or your homies“ und selbst kreierten Kurzvideos der User:innen nicht vorbei.

Was an der Visualisierung, neben dem grandios getexteten und produzierten Song, mindestens genauso für Faszination sorgt: Troye Sivan spielt hier mit Geschlechtsidentitäten und zeigt sich erstmals in einer Drag-Performance. Abgesehen davon, dass der 28-Jährige hier eine wunderschöne Frau darstellt, macht das Musikvideo ein weiteres Thema auf: Die Untrennbarkeit von Drag, Performance und Musik. Das haben wir uns zum Anlass genommen, um einen genaueren Blick in die Geschichte von Drag und Musik zu wagen und kulturelle Meilensteine der Kunstform aufzuzeigen – von Shakespeare bis RuPaul.

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Woher kommt Drag eigentlich?

Wo Drag eigentlich begonnen hat, ist schwer einzuordnen. In verschiedenen Teilen der Welt gibt es Aufzeichnungen über Crossdressing und das Spielen mit Geschlechtsidentitäten, die bereits mehrere Tausend Jahre alt sind. Was zu der Entwicklung von Drag als Performance-Art aber auf jeden Fall beigetragen hat, ist die Inszenierung von historischen Theaterstücken. Vom antiken Griechenland über das Mittelalter bis hin zum England in Zeiten von Shakespeare war es nämlich (wie auch sonst) lange verboten, dass Frauen bei diesen Stücken auf der Bühne auftreten. Sie galten als „zu aufreizend“ und man(n) machte sich Sorgen, dass Frauen auf der Bühne deshalb ungeeignet wären. So wurden alle Rollen von Männern gespielt, alle – auch die von weiblichen Charakteren. Shakespeares ikonische Figuren wie Julia, Lady MacBeth oder Ophelia wurden Männern zugeteilt. Um das glaubwürdig darzustellen, verkleideten sie sich in Gewändern, die für weibliche Personen üblich waren. Kleider, Perücken und Make-up waren dafür Standard. 

Hier soll auch der Begriff „Drag“ seinen Ursprung haben: „Dressed Resembling A Girl“ oder einfach „Dressed As A Girl“ soll mit „Drag” einfach abgekürzt worden sein, um die Rollen für weibliche Figuren ersichtlich zu machen. 

Eine andere Theorie besagt jedoch, dass der Begriff „Drag” erst später, im 19. Jahrhundert seinen Ursprung fand. Er soll sich darauf beziehen, wie lange Kleider und Roben, die ja auch damals schon vor allem Frauen zugeordnet wurden, am Boden entlang gezogen werden – auf Englisch „to drag“. 

Dass „Dressed As A Girl“ heute nicht mehr ganz auf den Begriff Drag passt, wird klar, wenn man sich die Vielfalt dieser Kultur vor Augen führt. Denn mit der Zeit gab es nicht nur Männer, die in „Frauenkleidern“ performten, sondern auch Frauen, die für die ein oder andere Rolle in ein Männerkostüm schlüpften. 

Wie Drag den Weg in die Musik fand

So passierte es auch in den 1920er Jahren, als Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich ihren Durchbruch hatte. In Filmen wie „Der Blaue Engel“ oder „Marokko“ tritt sie in einzelnen Szenen als Mann „verkleidet“ auf, um mit der Geschlechtsidentität ihrer Rolle zu experimentieren. Dies geschieht in den Filmen ebenso als performativer Akt, wie wir es aus modernen Drag Shows kennen: Auf einer Bühne, und zwar mit Gesang. Man könnte sagen: Das war ein erster Schritt von Drag in die Musik und Popkultur, zumindest aus unserem Blickwinkel.

Wo Drag überall stattfand, ist aber ebenso schwer zu überblicken. Jedoch machte die Subkultur in den USA einige Jahre später große Entwicklungen: Mit Artists wie David Bowie oder The New York Dolls machte Crossdressing eine neue Bewegung in der Popmusik auf. Sowohl in Musikvideos als auch bei Bühnenauftritten traten diese Artists in Drag auf, forderten die gängigen Normen heraus und spielten auf großer Bildfläche mit Geschlechtsidentitäten. Um die 1980er New Wave Bewegung fand auch Drag eine neue Welle, auf die es aufspringen konnte. Während dieser Zeitspanne betraten herausragende Pop-Sänger wie Boy George von Culture Club, Pete Burns von Dead or Alive und Philip Oakey von The Human League häufig die Bühne in einer äußerst facettenreichen, in Drag gehüllten Erscheinung.

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Anfag der 80er Jahre tat sich aber ein weiteres Phänomen auf, das bis heute den Character von Drag ziert: Vogueing. Benannt nach dem ikonischen Modemagazin Vogue, soll der Tanzstil an die extravaganten Posen der Models darin erinnern. Erfunden wurde Vogueing von queeren People of Colour, welche aus dem Rest der weißen LGBTQ+-Szene ausgegrenzt wurden. Durch Tanz und der ihrer eigens kreierten Balloroom-Kultur schafften sie ihren eigenen Safe-Space. Voguing-Bälle entfalteten sich als schrille, pompöse Extravaganzen, in denen aufwändige Kostüme die Hauptrolle spielten. Diese Veranstaltungen waren mehr als nur Tanzwettbewerbe; sie waren der einzige sichere Hafen im tobenden Sturm des New York der 80er. In den vergangenen Jahren bekam der Ballroom-Tanz beispielsweiße durch die Netflix-Serie „Pose“ wieder neuen Einfluss auf Popkultur und -musik. Spürbar ist dies zum Beispiel im Musikvideo zu „Vogue“ von Madonna oder dem letzten Album der Queen-B Beyoncé.   

Der Einfluss von RuPaul

Zirka zur selben Zeit begann RuPaul Charles über die Bildschirme dieser Welt zu tanzen. Ebenfalls stark beeinflusst durch Punk, bewegte sich RuPaul vorerst in Drag ausschließlich in seiner Punk-Band „Wee Wee Pole“, in der die Bandmitglieder bereits Queen-mäßig auf der Bühne standen. 

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In den kommenden Jahren wandelte sich jedoch RuPauls Image vom Rockstar zum Model, da er immer wieder in verschiedenen Musikvideos auftrat und eigene Shows hostete. Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte RuPaul dann die Single „Supermodel (You Gotta Work)“ und machte so seinen Schritt zurück in die Musik. Es sollte ein Meilenstein in der Geschichte von Drag-Musik sein. Völlig anders als die Songs zu Zeiten von „Wee Wee Pole“, gestaltet sich der Track als knallende Pop-Hymne, die ihre Anerkennung auch in den Charts fand. Was diesen Erfolg von den bisher genannten Artists unterscheidet: RuPaul war im Gegensatz zu David Bowie oder Boy George nicht nur hin und wieder in unkonventioneller „Frauenkleidung“ zu sehen. Er war die erste öffentlich auftretende Drag Queen, die die Charts stürmte. 

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Von da an gab es eine neue Awareness für Drag-Kultur. Die Arbeit von RuPaul bekam immer mehr Aufmerksamkeit, er wurde Teil von Shows und gab der Community eine Stimme. Schließlich erreichte er mit der Show „RuPauls Drag Race“ einen gewaltigen Shift von Drag als Subkultur hin zum Mainstream. Er gründete damit quasi das „GNTM“ für Drag Queens. Gewinner:innen wie Bob The Drag Queen oder Aquaria sind bis heute nicht nur als Drag Queens in Showbusiness unterwegs, sie veröffentlichen auch als eigenständige Artists ihre Musik.

Drag in Europa

Aber entscheidende Momente der Drag-Geschichte findet man natürlich nicht nur, wenn man auf die andere Seite des Atlantiks blickt. Auch in Europa gibt es eine reiche Drag-Tradition in der Popmusik. 

Ende der 90er Jahre erreichte sozusagen Deutschlands Drag-Mom Olivia Jones die Fernsehbildschirme dieser Welt. Beim „Drag Queen Contest“ in Miami wurde sie 1997 als offizielle „Miss Drag Queen Of The World“ und tauchte seitdem immer wieder in verschiedensten Fernsehformaten auf. Was viele vielleicht nicht wussten: Auch Olivia Jones hat einen Fuß in die Welt der Musik gesetzt. Drei Singles hat sie bis heute veröffentlicht, bei denen sie mit befreundeten Prominenten wie Melanie Müller oder Lorenz Büffel zusammenarbeitete.

Ungefähr zur selben Zeit landete der Österreicher Tom Neuwirth als Conchita Wurst im Jahr 2014 den Gewinn mein Eurovision Songcontest. Mit dem Song „Rise Like A Phoenix“ sorgte Conchita für Repräsentation der LGBTQ+ Community und gab Drag somit eine Bühne, die für mehr Akzeptanz sorgte.

Die Zukunft der Queens & Kings 

Drag bricht unaufhaltsam aus den Schatten der Subkultur und bahnt sich einen Weg in die Mainstream-Popkultur. Mit Shows wie „RuPaul’s Drag Race“ und ihren Ablegern wie der deutschen Version „Drag Race Germany“ erfährt Drag eine wohlverdiente Anerkennung. Das Aufbrechen von Geschlechterrollen und Heteronormativität war von Beginn an das erklärte Ziel von Drag als performative Kunstform.

Doch inmitten dieses kulturellen Triumphs gibt es immer noch einen konservativen Backlash: Erst im vergangenen Sommer wurden Drag-Lesungen in München oder Wien von Gegner:innen scharf kritisiert und teilweise wurde dagegen demonstriert. Mit dem Ziel, ein Verbot für Events dieser Art zu verhängen, schossen Politiker:innen aus rechten Lagern gegen die Drag-Kultur und ihre Performances. Drag wurde zum Feindbild gemacht, queere Vielfalt erneut zu Unrecht stigmatisiert.

Trotz Diskriminierung und Versuchen, diese Kunstform zu verbieten, gibt es glücklicherweise Zeichen des Fortschritts. Heutzutage kann ein Video, in dem ein Künstler wie Troye Sivan in Drag auftritt, mühelos zu den Top-Trends auf Plattformen wie YouTube und TikTok aufsteigen, ohne in einer Nische zu verschwinden. Dies ist hoffentlich ein Zeichen dafür, dass Selbstentfaltung und Toleranz der Drag-Szene stärker sind als ihr Backlash und sie sich unaufhaltsam ihren Weg in die Herzen und Köpfe eines breiten Publikums bahnen. Die Bühne ist bereitet, um die Grenzen der Popkultur zu erweitern und Drag in all seiner Vielfalt zu feiern.

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