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OK KID im neuem Album „Komm, wir bleiben stehen“ zwischen Dystopie, Hoffnung und Gesellschaftskritik

Posted in: Features
Tagged: OK KID

Dass die Mitglieder der Band OK KID es verstehen, düstere politische Themen in eingängige Hooks zu verwandeln, ist altbekannt. Auch ihr neuestes Album bleibt am Zahn der Zeit, schaut besorgt auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, toxische Männlichkeitsbilder, wagt Introspektive und lässt auch die Hoffnung dabei nicht ganz auf der Strecke, und das, obwohl die ersten drei Songs sauber nummeriert „Hoffnung Stirbt 1“, „Hoffnung Stirbt 2“ und „Hoffnung Stirbt 3“ heißen. Untermalt wird das ganze von hybriden Garage Drums, Shoegaze-Einflüssen und Jungle-Anleihen, sodass der Sound mal nach Rap, mal nach Indie klingt.

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„Komm, wir bleiben stehen“: Ein Album zwischen Gegenwartsdiagnose und Resthoffnung

Rein in das Projekt geht es direkt mit einem durch Synths, Orgeltöne und Gitarren anschwellenden Interlude. Eingesprochen von Max Richard Leßmann erklingt dann eine ziemlich düstere Botschaft: „Die Hoffnung – und da bin ich mir sicher – kann unmöglich sterben. Wenn wir eines Morgens aufwachen und feststellen, dass es keine Hoffnung mehr gibt, dann kann es nur daran liegen, dass es noch nie – und ich betone das – noch nie in der Geschichte der Menschheit Hoffnung gegeben hat.“

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Mit einem nahtlosen Übergang wird schließlich ein sich wiederholender, fast außerirdisch klingender Beat von einer 80er-Jahre-Gitarre und rockigen Drums gebrochen. „Hoffnung Stirbt 2“ beschreibt anstatt einer kollektiven Erfahrung eine deutlich persönlichere: „Hast du nicht gesagt: ‚Ja, wir schaffen das‘? / Hab’ mich auf dich verlassen, bis du mich einfach verlassen hast / Hast du nicht gesagt, du stirbst zuletzt? / Hast du nicht gesagt: ‚Es wird perfekt‘?

So setzten die zwei ersten Tracks dann eigentlich auch schon erfolgreich den Ton für das gesamte Album, irgendwo zwischen einer detailreichen Beobachtung von sowohl persönlichen Gefühlswelten als auch gesellschaftlichen Dynamiken.

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Nach der dystopisch-hoffnungsvollen und tragischen Party-Hymne „Rave On“ mit einem unbequemen Intro von Luisa Neubauer folgt eine stechende Kritik an toxischer Männlichkeit in „Wie Ein Echter Mann“: „Da tickt ‘ne Bombe in der DNA. Fühlen uns wie Opfer, obwohl wir schon immer Täter waren.“ „Clowns“ entführt einen zumindest soundtechnisch in ein Fest- oder Zirkuszelt, in dem nur noch müdes Lachen erklingt, begleitet von einem schrägen, fast horrorfilmreifen Akkordeon.

OK KID: Herzschmerz trifft Gesellschaftskritik

Ein bisschen friedlicher und tröstender wird es etwa ab der Hälfte des Albums mit dem Track „Farbfilm“, angelehnt an den bekannten Nina-Hagen-Klassiker: „Gott fühlt sich so seltsam an, auch wenn von uns nichts übrig bleibt. Wenn alle nur noch Mauern bauen, lass uns Mauerblümchen sein.“ Der Sound ist nostalgischer und frei. In seinem Refrain klingt „Farbfilm“ dann irgendwie nach diesem sehnsüchtigen Neue Neue Deutsche Welle-Sound, der wie ein melancholisches Pflaster wirkt. 

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In „Ein Ganzer See“ und „Einfach so“ rücken OK KID vor allem Herzschmerz und persönliche Entwicklungen ins Zentrum. Zeilen über Spießertum, Doppelmoral und ignorante Banalität lassen die Gesellschaftskritik in dem Titel „50823“ dann ebenfalls wieder aufleben: „Du bist stolz auf dein Diplom, 1 mit Stern in Gender Studies / Aber Schwulen-Witze sind okay unter den engsten Buddies / Körnerstraße regst dich auf, weil Junks auf der Treppe stehen, aber du gibst Nase für die Jungs, wenn es auf Toilette geht.

Ein Appell gegen den Stillstand

Der letzte Track vor dem Outro, „Hör Nie Auf“, bleibt schließlich unbequem, fast schon resigniert aber blickt auch mit einem gewissen Kampfgeist in die Zukunft: „Da wo ich wohn, nein, da wird schon nichts passieren / Da wo ich wohn, ist man gut im Ignorieren / Da wo du wohnst, wird das niemand interessieren / Ja, ich wollt dir noch was sagen: Bitte werd nie so wie wir.”

Das Bild, das OK KID in „Komm, wir bleiben stehen“ zeichnen, scheint so bewusst zynisch, schmerzhaft, unbequem und erzählt von einer verdorben wirkenden Karikatur der heutigen Gesellschaft. Gleichzeitig birgt es aber vielleicht auch eine befreiende Ehrlichkeit, den Wille zur Reflexion und eben auch eine melancholische Hoffnung. Wer sich in der aktuellen Zeit Eskapismus wünscht und dunklen Gedanken entfliehen will, läuft mit dem Album möglicherweise Gefahr, seinem metaphorischen Endgegner zu begegnen. Ganz getreu dem berühmten Banksy-Zitat: „Art should comfort the disturbed and disturb the comfortable“, wird es aber gewiss auch Menschen geben, die gerade darin ihre Geborgenheit finden. Und manche sollten das Album vermutlich auch gerade hören, weil es sie aus ihrer Komfortzone lockt.

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