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Von Folkrap bis Gähnpop: Unsere Faves beim ESC 2022

Posted in: FeaturesNews

Kalush Orchestra – „Stefania“ (Ukraine)

Machen wir uns nix vor: Das Kalush Orchestra aus der Ukraine, das für die zurückgetretene Alina Pash eingesprungen ist, hat aus vielen Gründen gute Chancen auf den Sieg. Den Hauptgrund möchte man natürlich keinem Menschen wünschen: der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen ihr Heimatland Ukraine. Man kann davon ausgehen, dass sich die Solidarität auch bei den Publikums-Votings in den einzelnen Ländern zeigen wird. Vor allem, da der ESC Russland und auch Belarus von der Veranstaltung ausgeschlossen hat, und folglich das Publikum dieser Länder nicht mitwählen darf. Aber es wäre unfair, nur auf die Weltlage zu schauen: Die Band um Leadsänger Oleh Psiuk ist nämlich auch musikalisch eine der spannendsten im Wettbewerb: Wie in „Stefania“ freakige Performances, lupenreiner ukrainischer Folk und Rap aufeinanderkrachen – das hat durchaus seinen Reiz.

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LPS – Disco (Slowenien)

Slowenien ist ein in vielerlei Hinsicht spannendes Land – dessen Hauptstadt Ljubljana 2016 übrigens mal die offizielle „European Green Capital“ war. Dort findet auch das sehr gute Ment Festival statt, bei dem man viele junge Indie-Acts des Landes live sehen kann. LPS, die den slowenischen Vorentschied gewannen, sind zwar nicht unbedingt Indie, aber zumindest ziemlich jung, charming und sweet. Ihr Song „Disco“ klingt dabei wie eine Mischung aus Daft Punk und Schlafzimmer-Jazz plus Disco-Smoothness. Nur bei den Outfits sind wir noch immer nicht sicher, ob wir die jetzt hot finden oder kreuzbrav …

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Circus Mircus – Lock Me In (Georgien)

Der Name Circus Mircus klingt schon mal vielversprechend und ist angelehnt an die vier Mitglieder der Band, die alle an die Zirkusakademie in Tbilisi gingen – wie sie zumindest auf ihrem Instagram-Kanal schreiben. Georgien ist dafür bekannt, den ESC auch für politische Statements zu nutzen und so wurden Stephane und 3 G 2009 vom ESC, der in Russland stattfand, mit dem zweideutigen Song „We Don’t Wanna Put In“ ausgeschlossen. Dieses Jahr verzögerten Circus Mircus die Veröffentlichung ihres Musikvideos, um ein Standbild mit der Zeile „Video unavailable – This artist condems russia’s invasion of Ukraine“ zu zeigen. Kommen wir jetzt aber mal zum diesjährigen ESC Song: „Lock Me In“ ist eine bunte Indie-Rock Nummer mit sphärischen Indie-Sounds, zu denen immer mal wieder „Circus Mircus“ eingesprochen wird. Der Sound ist verspielt, lustig und lässt auch eine knallige Bühennshow vermuten.

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Chanel – SloMo (Spanien)

Für Spanien tritt dieses Jahr die gebürtige Kubanerin Chanel mit einer Latino-Pop Nummer an. In ihrer Performance, mit der sie den spanischen Vorentscheid gewann, zeigte sie, dass sie weiß, wie man eine Bühne einzunehmen hat. Bei der aufwendigen Choreo, die Chanel dem Publikum bietet, sitzt nicht nur jeder Tanzschritt, sondern auch ihre gesangliche Performance. Das kommt nicht von ungefähr, denn Chanel stand schon in diversen Musicals auf der Bühne sowie auch als Background-Tänzerin für Shakira. Der Song „SloMo“ wurde ursprünglich sogar für Jennifer Lopez geschrieben, die allerdings nie auf die Songanfrage reagierte. Nun ist es also Chanel, die mit dem Song über die ESC Bühne tanzen wird.

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Mahmood & Blanco – „Brividi“ (Italien)

In Italien findet jährlich das Sanremo-Festival statt, dessen Gewinner:innen beim ESC antreten dürfen. Die diesährigen Sieger Mahmood und Blanco stürmen bereits jetzt die Charts, was kein Wunder ist, denn ihr Song „Brividi“ – auf Deutsch „Schauder“ – ist eine bewegende, romantische Ballade. Während Mahmood schon lange Teil der italienischen Musikszene ist, ist Blanco mit seinen fast 19 Jahren erst durch SoundCloud und TikTok bekannt geworden. Dass es zwischen Mahmood und Blanco musikalisch knistert, beweist auf jeden Fall dieser sehr gefühlvolle, von Klaviermelodien bestimmte Song.

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Subwoolfer – Give That Wolf A Banana (Norwegen)

Die absoluten Hingucker des diesjährigen ESCs sind mit Abstand Subwoolfer aus Norwegen mit ihren abgespacten Wolfs-Masken. Auch in Deutschland nehmen immer mehr Künstler:innen Masken als ihr Erkennungsmerkmal wie Cro oder 1986zig, doch Subwoolfer haben mit ihrer quietschgelben Kopfbedeckung noch einen obendrauf gesetzt. Da ist es schon fast egal, wie der Song eigentlich klingt, aber wir sind nun mal ein Musikmagazin: Also auf ein gezupftes Akustik-Giatrrenintro folgt schnell ein House-Beat, zu dem auch gut geshuffelt werden könnte, das Duo entscheidet sich allerdings für einen Tanzstil, der an Lady Gaga erinnert. Der Song hebt sich somit nicht unbedingt durch einen einzigartigen Sound ab, Subwoolfers Gute-Laune Performance wird man allerdings nicht so schnell wieder vergessen. Darüber hinaus bleibt die Melodie mit der catchigen Zeile „Give That Wolf A Banana“ am Ende doch im Ohr!

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Brooke – „That‘s Rich“ (Irland)

Die irische Kandidatin passt wohl am besten zum, äh, Klangbild von DIFFUS. Ihr Track „That’s Ritch“ sei eine Verneigung vor Blondie und Gossip, die sie zu ihren Vorbildern zählt. Brooke gewann den irischen Vorentscheid, der in der erfolgreichen „Late Late Show“ stattfand, gegen fünf Wettbewerber:innen und sagt selbst: „Wann hat Irland zuletzt etwas so Modernes und Frisches geschickt?“ Recht hat sie – sonst setzte man da ja gerne auf das kitschige Irish Folk-Erbe, das man schon lange nicht mehr ertragen kann – vor allem in seinen Hochglanzvarianten. Da passt es doch gut mit Brooke eine junge Sängerin zu schicken, deren Sound perfekt zum Chart- und Indie-Geschehen der letzten Jahre passt, in dem die spannendsten Impulse oft ja auch von jungen Musikerinnen kamen.

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Maro – „Saudade, Saudade“ (Portugal)

Einer der schönsten Beiträge stammt von der Songwriterin Mariana Secca alias Maro, die in ihrer Heimat Portugal Jury und Publikum des Vorentscheids gleichermaßen überzeugte. Saudade, Saudade“ – was übersetzt „Sehnsucht, Sehnsucht“ heißt – hält was der Titel verspricht und bringt ihre charismatische, recht tiefe Stimme perfekt zur Geltung. Auch das Bühnen-Set-up überzeugte: Sie sitzt im Halbkreis mit vier jungen Sängerinnen, die sie im Refrain begleiten. Ein wehmütiger, melancholischer Beitrag, der sich natürlich gegen das bunte Treiben anderer behaupten muss, aber musikalisch auf ganzer Linie überzeugt.

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Reddi – „The Show“ (Dänemark)

Mathilde Savery (Gesang, Gitarrist), Ihan Haydar (Schlagzeug) aus Dänemark sowie Agnes Roslund (Gitarre) und Ida Bergkvist (Bass) aus Schweden) gründeten Reddi nur für den ESC. Sie arbeiten mit dem erfolgreichen Hit-Produzenten Chief1 aus Dänemark zusammen, der dafür noch Julia Fabrin und den ESC-Experten Remee auf Songwriting-Seite ins Boot holte. Mathilde und Ihan schrieben aber auch mit. So ist „The Show“ zwar ein schon irgendwie maßgeschneiderter ESC-Track, aber dafür ziemlich sympathisch und catchy.

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Malik Harris – „Rockstars“ (Deutschland)

Den deutschen Kandidaten wollen wir natürlich an dieser Stelle in keiner Weise unterschlagen. Vor allem, weil Malik Harris ein guter Typ ist. Er kann singen, ist charismatisch, kann veritabel rappen, spielt Gitarre, Klavier und Schlagzeug und kann das alles sogar live mit einer Loop Machine auf der Bühne zusammenbauen, was er bei seinen frühen Auftritten bewiesen hat. Bloß schade, dass der Vorentscheid, der wieder vom NDR verantwortet wurde, wie immer die langweiligsten und am meisten polierten Radio-Stangenware-Gähn-Pop-Songs highlightet. Erst im Rap-Part und am kurz wild klingenden Ende von „Rockstars“ zeigt sich, das Harris durchaus einer werden könnte – wenn er über weite Strecken des Liedes nicht im engen Korsett eines Coldplay-Songkonstrukts gefangen wäre, das geschrieben wurde, um der tristen Mainstream-Radiolandschaft Deutschlands zu gefallen. Ob man damit beim extravaganten ESC punkten kann? We doubt it … sorry Malik! Wir drücken trotzdem die Daumen!

https://www.youtube.com/watch?v=Sj_ONLQebRM

(Texte von Daniel Koch und Ronja Koch)

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