Von Tech bis Rave: Das GERMAN HAUS beim SXSW Festival mit Katja Lucker im Interview
Die Wände der Speakeasy Bar in Texas werden normalerweise von einem Ochsenkopf und schwarz-weiß Bildern großer Hollywood-Ikonen geziert – dieses Jahr im März öffnete die Location jedoch bereits zum zweiten Mal als offizielles „GERMAN HAUS“ ihre Türen für die deutsche Kreativszene beim SXSW Festival in Austin, Texas. Damit hat es Deutschland vielen anderen Ländern gleich getan und sich vom 12. bis 16. März mit einem ausgefeilten Programm auf dem Festival präsentiert. Tech, AI, Innovation und Kreativität aller Art gehen auf dem SXSW schon seit knapp 40 Jahren Hand in Hand. Dabei steht neben dem internen vor allem der internationale Austausch im Fokus. Künstler:innen, Gründer:innen und Unternehmer:innen haben hier die Chance, sich und Deutschland global wettbewerbsfähig zu zeigen und neue Märkte zu erschließen.
Das „GERMAN HAUS“ wird vom German Music Export der Initiative Musik organisiert und koordiniert – in Kooperation mit Startup Germany und in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Partner:innen aus der deutschen Kreativ-, Musik- und Startup-Szene. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.

Innovation trifft Kreativität
„Die USA sind seit Jahrzehnten ein wichtiger Impulsgeber für musikalische Trends“, betont Katja Lucker, Geschäftsführerin der Initiative Musik. Deutschland verfüge gleichzeitig über eine „äußerst vielfältige und international gefragte Musikszene“. Gerade für Newcomer:innen sei das „GERMAN HAUS“ so eine enorme Chance „dort ein internationales Publikum zu erreichen und Kontakte zu knüpfen.“
Musik, Technologie und Innovation sind auf der SXSW ganz selbstverständlich zusammen gedacht. Genau darin liege laut Lucker auch die besondere Qualität der SXSW: sich gegenseitig inspirieren und neue Perspektiven für die gesamte Kreativwirtschaft eröffnen.
Das „GERMAN HAUS“ bietet eine Ausstellungsfläche für rund 40 Start-Ups und Unternehmen. Über 45 Speaker:innen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Technologie haben das Programm auch dieses Jahr mitgestaltet. Rund 22.000 Besucher:innen konnten so fünf Tage lang durch das „GERMAN HAUS“ wandern, Präsentationen und Panels lauschen, an Netzwerkveranstaltungen teilnehmen sowie Fireside Chats, Podcasts und Musikauftritte live miterleben.
Bei dem „MediaTech Morning“ der de:hub Initiative beispielsweise stand Frühstück und Netzwerken auf der Karte. Das Panel „Meet your New Work Team: AI, Chatbots, and the Workplace“ und der Fireside Chat „Shaping digital futures: Work, life and connection in a tech-driven world” wurde von der Europäischen Union präsentiert und das Showcase „European Beats Night” zeigte Künstler:innen aus ganz Europa.

Berlin übernimmt: Sound, Szene und Showcase
Am 14. März wurde das „GERMAN HAUS“ unter dem Namen „Berlin Haus“ dann von der deutschen Hauptstadt übernommen. Teil des Programms: eine Präsentation mit anschließender Diskussion über „The Business of the Night: Culture, Capital & Cities After Dark“. Ganz authentisch wurden hier nicht nur lokale Gründer:innen und Kreative vorgestellt, sondern Tech, Party und Innovation auch in einem anschließenden „Berlin rave“ zusammengebracht. Aufgelegt haben dabei unter anderem Produzentin Anja Schneider, Independent Artist JOPLYN sowie DJ Martin Eyerer.
Wie es sich anfühlt auf der internationalen Bühne der SXSW zu stehen hat uns JOPLYN in einem kleinen Interview verraten: „Auf einem Festival in den USA zu spielen, bzw. generell aus dem lokalen, intimen Club auf eine internationale Messe mit mehreren Tausend Besuchern von aller Welt, ist definitiv eine prägende Erfahrung. Man realisiert, dass die Musik größer als man selbst ist. Das ist manchmal schwer zu realisieren, wenn man in seiner Wohnung in Berlin sitzt, und der einzige Weg zu dieser weltweiten Verbindung eine App auf dem Smartphone ist.“
Insgesamt 16 Künstler:innen und Bands aus Deutschland waren 2026 Teil des offiziellen Festival-Line-ups. Im Rahmen des „German Music Export Programms” wurden die drei Nighttime Showcases, „European Music Night” (präsentiert von der EU und dem German Music Export), „Export the Rave” und „Acts with Attitude” sowie der „German Music Export Day” präsentiert. Mit auf der Bühne: Miss Bashful, Luca Eck, Agatha is Dead!, Bikini Beach und Modeselektor.
Für Lucker sind diese Showcases „mehr als klassische Showcase-Konzerte“: Während „Export the Rave“ die Innovationskraft der elektronischen Szene abbilde, stelle „Acts with Attitude“ Künstler:innen in den Mittelpunkt, „die Haltung zeigen und musikalisch eigene Wege gehen“. Auch JOPLYN erkennt in den Showcases zwei bedeutsame Säulen der Musikszene : „Ekstase, Bewegung und gemeinsames Erleben – und dann Haltung, Charakter und klare Perspektive. Beides sind, meiner Meinung nach, wichtige Bestandteile unserer Kultur, und nähren sich auch gegenseitig.“

Zwischen Kritik und Dialog
Wer an prägende Newcomer:innen aus Berlin denkt, kommt an dem Namen Ikkimel momentan eigentlich auch nicht vorbei. Die Berliner Künstlerin war ursprünglich auch Teil des Lineups, sagte ihre Teilnahme am „GERMAN HAUS“ jedoch kurzfristig ab und verwies auf die politische Lage in den USA.
Die Absage von Ikkimel reiht sich dabei in eine aktuelle Debatte über die Rolle von staatlich unterstützten Kulturformaten in politisch angespannten Zeiten ein. Ist internationale Präsenz ein Zeichen von Offenheit oder ein Boykott, in Anbetracht der aktuellen Situation in den USA ein viel wichtigeres Signal? Diese Frage sorgt in der Branche aktuell für Diskussion. Konzertveranstalter und Publizist Berthold Seliger sprach sich in seinem Newsletter vorab sogar deutlich gegen eine Veranstaltung des diesjährigen „GERMAN HAUS“ aus.
Für Katja Lucker liegt die Antwort klar im Dialog: „Orte der Begegnung und der Zusammenkunft, des kulturellen Austausches waren schon immer wichtig und das sind sie aktuell auch“, erklärt sie uns in einem Interview. Formate wie das „GERMAN HAUS“ würden wichtige „kulturelle Räume offen halten“ und „der deutschen Musik-, Tech- und Kreativszene die Möglichkeit“ geben, „sich international zu präsentieren“.

Das GERMAN HAUS als Chance
Auch mit Blick auf die Kritik an staatlich unterstützten Formaten betont Lucker die Verantwortung, den Austausch nicht abbrechen zu lassen: „Wir sollten im Dialog bleiben, Räume öffnen, nicht schließen.“ Formate wie das SXSW könnten der Musik-, Tech- und Kreativszene auch in angespannten Zeiten die Möglichkeit bieten, „sich zu zeigen, Positionen zu beziehen und miteinander in Austausch zu treten“. Außerdem betont sie: „Wem wäre damit geholfen, wenn kulturelle Begegnungen gerade jetzt ausblieben bei dem seit 40 Jahren bestehenden, unabhängigen Format SXSW?“
Im Gegensatz zu Ikkimel hat sich DJ JOPLYN trotz der Kritik aktiv dafür entschieden, Teil des diesjährigen „GERMAN HAUS“ zu bleiben: „Ich finde es wichtig, solche Kritik ernst zu nehmen, und ich respektiere jede Künstlerin und jeden Künstler, die daraus eine andere Entscheidung treffen. Für mich bedeutet der Auftritt nicht politische Entwicklungen unkritisch auszublenden oder zu legitimieren. Im Gegenteil: Gerade in angespannten Zeiten sehe ich kulturelle Räume des Austauschs als extrem wichtig, weil sie Begegnung und Menschlichkeit ermöglichen, wo sonst oft nur Verhärtung bleibt.“

Anstelle eines Rückzugs setzte auch das „GERMAN HAUS“ bewusst auf Präsenz. Katja Luckers Haltung spiegelt sich auch im Gesamtbild des Festivals wider. Das South by Southwest lebt von Dialog: Musik trifft auf Technologie, Film auf Innovation, lokale Szenen auf globale Perspektiven. „Hier wird nicht in getrennten Branchen gedacht“, so Lucker. „Die verschiedenen kreativen Bereiche kommen zusammen, tauschen sich aus und entwickeln Synergien.“
Auf die Frage hin, welche Botschaft das Event dieses Jahr senden möchte, antwortet sie: „Allen gemeinsam ist sicherlich der Wunsch nach internationalem Austausch, offenen Gesprächen und kreativer Zusammenarbeit in der Zukunft. Gerade in herausfordernden Zeiten ist es wichtig, genau dafür Räume zu schaffen.”
Das neue DIFFUS Print-Magazin
Titelstory: SSIO
Außerdem im Heft: Interviews mit badmómzjay, t-low, Magda, Paula Engels, fcukers, Betterov uvm. Außerdem große Reportagen über Kneipenkultur, Queer Rage und Essays!