Wieso KI-Artists unsere Musikszene zerstören
Am 12. Juni 2026 erschienen zwei Songs, die eine düstere Seite der deutschen Musiklandschaft aufzeigen: „Wieso sagt ChatGPT?“ von Nimi feat. Manuellsen und „Ma Chérie“ von KiKi feat. GRiNGO. Beide Songs kommen mit prominenten Features daher. Nimi und KiKi sind allerdings im Gegensatz zu Manuellsen und GRiNGO keine echten Rapper. Es sind KI-Artists.
Nimi sammelte bis dato fast 5.000 Instagram-Follower, sein Song steht bei fast 2 Millionen Spotify-Streams. Allerdings wurde das erste deutsche Feature zwischen einem KI-Artist und einem echten Rapper auf Plattformen wie Spotify zeitweise gelöscht. Grund dafür waren urheberrechtliche Probleme, unklare Rechte an KI-Stimmen und automatische Löschungen von Streaming-Diensten bei Verdacht auf unzulässige KI-Nutzung oder Rechteverletzungen.
Warum KI-Musik einfach schlecht ist
Es ist auch gut so, dass dieser Song zeitweise gelöscht wurde. KI-Musik ist kein neues, innovatives Genre, sie ist ein Betrug an allen, die Kunst und Musik lieben. Ein KI-Song lässt alles vermissen, was einen echten Song so einzigartig macht. Er entsteht nicht mehr aus einer bewegten Biografie, einer schlaflosen Nacht im Studio oder einem Text, den jemand zig mal umgeschrieben hat, weil eine Zeile einfach noch nicht saß. Er entsteht aus einem Prompt und einem Datensatz, der zu großen Teilen aus urheberrechtlich geschütztem Material besteht, das nie lizenziert wurde.
Die KI-Modelle, die Nimi oder KiKi ihre Stimmen geben, wurden mit echter, von echten Menschen gemachter Musik trainiert. Die Produkte, die dabei herauskommen, sind im Grunde nur sehr teure Collagen, die mit Marketingbudget aufgeblasen werden. Dass so etwas dann noch als „erste deutsche KI-Feature-Kollab“ gefeiert wird, sagt mehr über die Hintermänner aus, als über künstlerischen Fortschritt.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht hier nicht darum, KI als Werkzeug grundsätzlich zu verteufeln. Auch bei DIFFUS nutzen wir KI an einigen Stellen, etwa für Transkripte, Untertitel oder Zusammenfassungen für Präsentationen. Als Hilfsmittel, das nervige Arbeit erleichtert, ist KI für uns vollkommen legitim. Bei Kunst und kreativer Arbeit ist das aber etwas anderes. Sobald KI nicht mehr zuarbeitet, sondern die kreative Leistung selbst ersetzt, also Stimme, Text und Persona eines Künstlers oder einer Künstlerin erzeugt, verschiebt sich etwas Essentielles. Genau darum geht es bei Nimi oder KiKi: nicht um ein Werkzeug im Hintergrund, sondern um komplett synthetische Künstler, die als echte Menschen verkauft oder zumindest nicht klar als KI gekennzeichnet werden.
Bamboo Artists: Vom Skandal zur KI-Fabrik?
Wer glaubt, dass die oben erwähnten Artists ein PR-Gag waren, täuscht sich. Das erfolgreiche Label Bamboo Artists scheint mittlerweile vermehrt auf KI-Artists zu setzen. Erst im Dezember 2025 deckte der SPIEGEL auf, unter welchem Druck Mitarbeitende und Artists bei Bamboo Artists arbeiten mussten: hoher Arbeitsdruck, ein Führungsstil, der laut Betroffenen teils Grenzen überschritt. Ski Aggu beendete daraufhin seinen Managementvertrag, 01099 verließen Bamboo Artists komplett und gründete ein eigenes Unternehmen, Gründer Leander Kirschner musste seinen CEO-Posten räumen. Kirschner wies die Vorwürfe anwaltlich zurück.
Ein Label, dem gerade der Umgang mit echten Menschen um die Ohren geflogen ist, scheint in den letzten Monaten immer offener auf KI-Artists zu setzten. Ein kritischer Branchen-Account auf TikTok (@bambooarschhits) dokumentiert das seit einigen Wochen. Erst erschien „Frenkie“, vermarktet als vermummter KI-Rapper in Rennfahrer-Look, dann „Kilo Kent“ mit der Single „40’s“. Laut dem TikTok-Account sind beide „komplett AI Slop“ und ebenfalls über Bamboo vertrieben. Auch der virale Nimi-Song soll laut dem Account über ein neues Bamboo-Sublabel namens Innovative Artists verbreitet worden sein. Offiziell bestätigt ist das bislang nicht, aber es passt ins Bild.
Und die Geschichte bekommt gerade noch eine weitere Wendung. Vor wenigen Stunden postete der Rapper George Yang auf Instagram ein Reel mit der Caption: „ihr feiert meine KI-Musik als FRENKIE aber feiert ihr auch meine echte Musik als GEORGE YANG?“
Sollte sich bestätigen, dass tatsächlich George Yang hinter Frenkie steckt und sich das KI-Alter-Ego bewusst als Promo-Strategie aufgebaut hat, wäre das mehr als fragwürdig. Dann hätte sich hier ein echter Artist freiwillig durch eine Kunstfigur ersetzt, offenbar in der Hoffnung, mit einer KI-Maske mehr Aufmerksamkeit zu bekommen als mit der eigenen Stimme. Genau das wäre die konsequente Fortsetzung dessen, was Nimi und Frenkie ohnehin schon zeigen: Wenn selbst echte Rapper glauben, ihre Kunstfigur sei attraktiver als sie selbst, ist das kein gutes Zeichen für den Zustand der Szene.
Wirtschaftlich und rechtlich fragwürdig
Das Ganze ist auch wirtschaftlich ein Problem. Jeder Stream und jeder Playlist-Platz, den ein geprompteter KI-Artist bekommt, fehlt Musiker:innen, die davon leben könnten. Ein Muster, das wir schon bei der KI-„Band“ The Velvet Sundown gesehen haben. Die Band schlich sich unbemerkt in redaktionelle Spotify-Playlists und veröffentlichte im Wochentakt neue Alben.
Auch rechtlich ist das Ganze fragwürdig. Der europäische Gerichtshof verlangt für Urheberrechtsschutz „eigene geistige Schöpfung“ und „freie kreative Entscheidungen“ eines Menschen. Bei Songs aus dem Prompt-Fenster ist das eine Grauzone, die Labels aktuell scheinbar lieber ausnutzen als klären lassen.
Doch diese Grauzone bekommt gerade Risse. Erst am 31. Juli 2026 entschied das Landgericht München im Rechtsstreit zwischen der GEMA und Suno, jenem KI-Tool, mit dem vermutlich auch Songs wie „Wieso sagt ChatGPT?“ erzeugt wurden, folgendes: Suno verstößt mit dem Training an urheberrechtlich geschütztem GEMA-Repertoire sowie durch dessen Speicherung und Wiedergabe gegen deutsches und US-amerikanisches Recht. Wer die Werke der GEMA-Mitglieder nutzt, braucht eine Lizenz und muss dafür zahlen. Es ist bereits der zweite Sieg der GEMA gegen einen KI-Anbieter, nach einem Urteil gegen OpenAI im November 2025. Rechtskräftig ist die Entscheidung noch nicht. Passend dazu schreibt ein User unter dem Reel von George Yang: „Es ist nicht DEINE KI Musik, das ist das Problem.“
Digitales Blackfacing als Wachstumshack
Besonders schwer wiegt aber noch eine dritte Ebene, die Aida Baghernejad bereits bei den Kolleg:innen vom Musikexpress herausgearbeitet hat: Nimi wird als stereotyper Schwarzer Künstler inszeniert, in Outfits, Umgebungen und Gesten, die auf altbekannte Klischees setzen. Eine Weile hielt sich das Gerücht, hinter der Figur stecke tatsächlich ein Schwarzer Mann. Tatsächlich zeigt aber ein Blick in die GEMA-Datenbank etwas anderes. Als Songautor und Produzent ist dort Askin Mertcan Acar eingetragen, ein TikToker, der unter dem Namen Babymoench nur mäßig Erfolg hatte. Erst mit der KI-Fassade Nimi ging der Song viral.
Das bedeutet im Klartext: Jemand hat sich hier als Schwarz inszeniert, ohne es zu sein, ein Muster, das unter dem Begriff digitales Blackfacing bekannt ist. Auch die Puls Musikanalyse des BR kam bei eigenen Nachforschungen zu demselben Schluss. Ob es an der glatten, makellosen KI-Stimme lag oder schlicht daran, dass sich eine klischeehafte Figur leichter vermarkten lässt, bleibt offen. Fest steht nur: Mit einer künstlich erzeugten Stereotype ließ sich am Ende mehr Reichweite erzielen als mit einer echten Person.
Realness war gestern, KI-Schrott ist morgen
Rap definiert sich seit Jahrzehnten über Realness: echte Biografien, echte Stimmen, echte Widersprüche, echte Fehler. KI-Musik, vor allem die zuvor besprochenen Tracks, haben davon nichts. Wenn Labels auf solch KI-generierte Artists setzten, statt auf echte Menschen, ist das kein Ausrutscher, sondern eine Haltung. Dass GRiNGOs KiKi-Feature weiter online stand, während Nimis Song kurzzeitig gesperrt wurde, zeigt nur, wie willkürlich die Kontrolle ist. Reguliert wird aktuell so gut wie gar nichts, reagiert wird nur, wenn es auffällt.
Das Urteil gegen Suno zeigt immerhin, dass der rechtliche Druck wächst. Aber ein Gerichtsurteil ersetzt keine Haltung. Solange Streamingdienste KI-Songs nicht klar kennzeichnen, Labels synthetische Artists ungefragt neben echten platzieren und sogar echte Artists Features mit KI für gute Ideen halten, bleibt es an uns Hörer:innen selbst, genauer hinzuhören und zu entscheiden, wen wir eigentlich unterstützen wollen: einen Menschen, der etwas zu sagen hat, oder einem Prompt mit Marketingbudget. Wir setzen jedenfalls weiterhin auf echte Artists und haben deshalb in diesem Beitrag keine Songs der genannten KI-Künstler eingebunden.
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