Wo ist Jacek: Jace geht mit neuer EP auf die Suche nach sich selbst
Jacob, Anfang 20, hat kurz Jura studiert und sich seitdem mit Nebenjobs unter anderem an der Fleischtheke bei Kaufland finanziell über Wasser gehalten, um seine Musikkarriere weiterverfolgen zu können. Bekanntlich wohnt er noch bei seinen Eltern in Groß Borstel, einem Stadtteil im Norden Hamburgs. Was als Lebenslauf für eine Rapkarriere in Deutschland vor einigen Jahren noch absolut undenkbar gewesen wäre, ist zwar heute noch immer nicht gängig, aber Jace zeigt, dass es auch anders geht. Was früher Street-Credibility war, ist heute Authenzitität und da ist der Hamburger den allermeisten Instagram-Rappern meilenweit voraus. Teure Designer-Marken, Sportwagen, Drogenhandel und Zuhälterei finden keinen Platz in seinen Texten, weil diese Dinge in seinem Leben schlichtweg nicht vorkommen. Jace rappt über seine Gang, über Partys, Kiffen, übers Nichtstun und auch über Geldnot. Verpackt werden die Themen in selbstironische Zeilen. Ob die Storys wahr oder fiktiv sind, ist für Jace unerheblich. Hauptsache das Erscheinungsbild passt. Seinen Weg zum Hip Hop ebnete Eminem. Die Texte direkt aus dem Leben haben Jacob sehr imponiert. Die Selbstbeweihräucherung der lokalen Hamburger Oldschool Rapper rund um die Beginner fand er immer zu aufgesetzt. Mit 15 fing er an, seinen eigenen Stil zu entwickeln und schrieb erste Texte, jedoch vorerst nur für sich selbst. Seinen Freunden spielte er seine Musik erst nach einigen Jahren vor. Die waren sofort geflasht und motivierten Jacob, seine Texte größerem Publikum zu präsentieren. Von dort an rappte er auf gerippten YouTube-Beats und lud die Tracks auf Soundcloud hoch. Sein erstes Tape nahm er bei seinem Cousin auf, der ein kleines Studio besaß. Mit den zwei Schulfreunden Kenny$ und Mörek gründete er 2015 SDT, die „Spitter der Tafelrunde“. Nach einigen Monaten und ein paar Schnupperwochen Jura-Studium lernte Jace mit Marú und Skool Boy ein Produzenten-Duo, mit Cha Lee ein weiteres Rap-Talent und mit Niklas Zeiner ein Mann für alles Visuelle auf einer Party kennen. Von Anfang an waren die sieben Jungs ein eingeschworenes Team, was sich von nun an Flavour Gang nannte. So entstand in gemeinsamer Arbeit Ende 2016 mit „JA OK“ Jace’s erster offizieller Track, der ordentlich für Furore sorgte.
JACE – JA OK
https://youtu.be/Lg0gyb_-fMoLaute, provozierende Punchlines auf Trap-Beats. Der naheliegende Hook-Vergleich zu Yung Hurn wird mittels Strophe direkt aus dem Weg geräumt. Jace malt in seinen Songs absurde Bilder über alltägliche Situationen. Seine hohe Stimme, mit der er seine Lines fast schon herausschreit, wird zu seinem Markenzeichen, genauso wie die chaotischen Musikvideos, in denen die ganze Flavour Gang zu ihren Liedern eskaliert. Ähnlich chaotisch und exzessiv trägt es sich in der ersten Festival-Saison 2017, in der Jace erstmals regelmäßig gebucht wird, zu, wie im Video zum Song „Gib mir was ab“ zu sehen ist.
JACE – Gib mir was ab
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Völlige Eskalation unter dem Publikum des Spektrums und Dockville. „Ich will Lobster und Trüffel in mei’m Magen. Straight Mecces seit drei Tagen, aber immer noch kein Fame, bitte, bitte kann ich dein’n haben“. Jace macht kein Geheimnis drum, dass bei ihm das Geld noch lange nicht locker sitzt. Verbildlicht wird das auf dem Cover der „Vorschuss“ EP von 2017, auf dem er Geldmünzen aus einer Müslischüssel löffelt. Kaum ein Deutschrapper spricht so offen und ehrlich über das Hänger-Dasein und spielt auch noch damit. In der Szene bekommt Jace dafür Lob und so sieht man ihn in seinem Festival-Vlog mit den Jungs von K.I.Z, mit Olli Schulz oder OG Keemo freestylen. Mit letzterem entstand der Song „Treppen“, in dem Jace’s hohe und Keemos tiefe Stimme sich auf einem minimalistischen Trap-Beat perfekt ergänzen.
JACE feat. OG Keemo – Treppen
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Es besteht kein Zweifel daran, dass der Hamburger ein echtes Rap-Talent ist. Dass er auch richtig malochen kann, zeigt er durch die Frequenz an Releases. Seit 2017 haut Jace EP nach EP raus. Die Flavour Gang hat sich dem Leben auf der Überholspur verpflichtet. Viel Musik bedeutet auch viel Exzess und Dröhnung. In Hamburg veranstalten die Jungs regelmäßig Partys, kurzfristig geplant, chaotisch, Eskalation mit Moshpits sind dafür aber garantiert. Auch auf Tour oder auf Festivals ist stets Vollgas angesagt. Dass sein Leben wenig mit dem von vielen modernen Rappern gemein hat, ist Jace bewusst. Vergleiche zum Punk sind daher nicht komplett aus der Luft gegriffen. Dass der Rapper auch musikalisch dem Punk verbunden ist, zeigt er mit seinem emotionalen Track „Heartbreaks“ von seiner aktuellen EP „Wo ist Jacek“. Gepitchte Stimme auf Trap-Beats mit elektrischen Gitarrenklängen, Lil Peep wäre stolz gewesen.
JACE – Heartbreaks
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Für seine neue EP schlüpft Jace in die Rolle des 42-jährigen Lord Jacek. Wo dieser ist? Diese Frage wird im EP-Titel gestellt. Möglicherweise ist er auf der Suche nach einem neuen Stil. Jace begibt sich auf der EP auf eine Reise durch Rap-Genres. Von Autotune-Tracks über Emo-Rap und Migos-Mucke bis hin zu alltbekanntem Jace-Sound ist alles dabei. Eine tiefere Bedeutung sollte man der Zusammenstellung der Tracks und dem Albumtitel jedoch nicht zwingend beimessen. Der Hamburger macht, was ihm in den Sinn kommt, oft ungefiltert direkt raus ins Netz. So haut er unter dem Deckmantel der Flavour Gang zwei Wochen nach EP-Release mit „Sport“ einfach mal eine neue Single raus – von Release-Taktiken keine Spur. Für ein Label wäre Jace wohl Fluch und Segen zugleich. Obwohl er den Vorschuss bestimmt gut gebrauchen könnte, würde er sich für einen Deal wohlmöglich nie verbiegen lassen und genau das macht ihn so authentisch.
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