„You wanna see me dance?!“ Unsere Faves beim ESC 2023 in Liverpool
DIFFUS und der ESC – das ist eine Art leidenschaftliche Hassliebe. Alle Jahre wieder ärgern wir uns, wenn die Schnarchnasen der NDR mal wieder die seltsamsten oder langweiligsten Gestalten der hiesigen Musiklandschaft in den Vorentscheid schicken – anstatt unseren fachkundigen Empfehlungen zu folgen. Andererseits ist der historische Sanges-Wettkampf ein bizarres und wahnsinnig unterhaltsames Spektakel, das viele Fans in der queeren Community hat und uns hin und wieder echte Stars wie Conchita Wurst beschert.
Am Samstag findet der ESC zum insgesamt 66. Mal statt und wird wie immer von der ARD übertragen. Eigentlich müsste die Ukraine der Austragungsort sein, da das punkig-politische Kalush Orchestra im letzten Jahr gewonnen hat. Wir wissen ja aber leider alle, dass eine sichere Durchführung aufgrund des russischen Angriffskrieges dort nicht möglich ist. Deshalb richtet das zweitplatzierte Land den ESC aus.
Für Deutschland geht dabei die Rockband Lord Of The Lost mit dem Song „Blood & Glitter“ an den Start. Und hier müssen wir fairerweise sagen: Deren Sänger Chris Harms ist eine durchaus schillernde Person. Er produziert zum Beispiel Ferris MC sowie Swiss und die Anderen, schreibt unter Pseudonym Partyschlager-Songs und ist als Lord Of The Lost-Frontmann eine glamouröse Erscheinung.
Interessant dürfte auch die Moderation von Jan Böhmermann und Olli Schulz werden, die so lange in ihrem Podcast behauptet haben, sie könnten das besser als andere, das der österreichische Jugendradiosender FM4 ihnen die Chance gibt, das zu beweisen. Aber genug der Vorrede, hier kommen unsere persönlichen Favoriten…
Noa Kirel – Unicorn (Israel)
Dass zeitgemäße Popmusik durchaus ihren Platz hat beim ESC beweist die israelische Sängerin und Schauspielerin Noa Kirel. Die 22-jährige geht mit einem halben Dutzend Tänzer:innen und dem Song „Unicorn“ an den Start. Der ist fintenreich und hymnisch zugleich und knallt vor allem auf den letzten Metern, wenn Noa dem Publikum entgegenschreit: „Do you wanna see me dance????!!!“ Dann reißt sie die Hütte ab mit einem Solo-Dance irgendwo auf halber Strecke zwischen K-Pop und Strip-Club – bis dann ihre Tänzer:innen an Bord kommen und zum großen Finale ansetzen. Noa Kirels Auftritt beim ersten Halbfinale in Liverpool ging innerhalb von Sekunden viral. Wenn ihr bei Minute 2:30 in den Clip springt, wisst ihr gleich wieso.
Gustaph – Because Of You (Belgien)
Die Entscheidung, welche:r Künstler:in beim ESC ins Rennen geschickt wird, wird von Teilnehmer-Land zu Teilnehmer-Land unterschiedlich getroffen. Belgien hat sich 2023 zum ersten Mal seit über sechs Jahren dazu entschieden, ihren Vorentscheid „Eurosong“ wieder ins Leben zu rufen. Und obwohl Gustaph dort weder als Publikums- noch als Jury-Favorit antrat, setzte sich der er sich mit seinem Song „Because Of You“, den er gemeinsam mit dem Künstler und LGBTQ-Aktivisten Jaouad Alloul schrieb, gegen seine Kontrahent:innen durch. Zwar wirkt die Nummer nicht so zeitgenössisch wie vielleicht manch anderen Songs, die im Finale stehen. Trotzdem ist Gustaphs Art und Weise zu performen gepaart mit den 200er-Vibes in den Instrumentals einfach ansteckend. „Because Of You“ feiert die Selbstakzeptanz und Liebe zu sich selbst – und der ESC ist der perfekt Ort dafür.
TVORCHI – Heart Of Steel (Ukraine)
Die russischen Bots und die Putin-liebenden Schwurbler:innen schreiben sich schon mal warm, dass ja sicher wieder die Ukraine gewinnt, weil ja sowieso alles Beschiss ist und die vermeintlichen Staatsmedien das wollen. Was natürlich Quatsch ist. Was hingegen kein Quatsch ist: der Song „Heart Of Steel“ vom ukrainischen Duo TVORCHI. Andrij Huzuljak und Jeffery Augustus Kenny lernten sich kennen, als Andrij an seiner Uni den aus Nigeria stammenden Jeffery fragte, ob dieser ihm helfen könne, sein Englisch zu verbessern. Daraus wuchs erst eine Freundschaft und dann eine gemeinsame Band, die vor allem dank Jeffereys Stimme punktet, die Andrij mit bisweilen bombastischen Electro-Pop verziert. Wer zum Beispiel die Musik von Lie Ning mag, sollte TVORCHI mal eine Chance geben.
Let 3 – Mama ŠČ! (Kroatien)
Für den Freak-Faktor und die politische Note sind in diesem Jahr die Kroaten aus der Band Let 3 verantwortlich. Im Video zu ihrem Song „Mama ŠČ!“ reiten sie in Uniformen auf Atombomben und Rasenmäher-Traktoren, während sie irgendwas von der Apokalypse singen. Das Video ist übrigens eine bissige Satire auf Putin und seinen belarussischen Schoßhund Aljaksandr Lukaschenko und dürfte allen gefallen, die es lieben, wenn der ESC besonders camp und subversiv ist. Wie ihr Live-Auftritt aussieht, dürfte ein Überraschung werden, denn Let 3, die es schon seit Mitte der Achtziger als Band gibt, sind in ihrer Heimat geradezu berüchtigt für ihre Konzerte, bei denen schon mal die gesamte Banf auf der Bühne blankzieht, wenn das Publikum das fordert.
La Zarra – Évidemment (Frankreich)
Glamourös und trotzdem tanzbar wird es mit La Zarra und ihrem musikalischen Beitrag „Évidemment“ für Frankreich. Wer hier sehnsüchtig ein Chanson erwartet, wird jedoch schnell enttäuscht, denn die kanadische Sängerin mit marokkanischen Wurzeln hat einen echten Disco-Pop-Song im Gepäck. Sie selbst ist großer Fan von Céline Dion und hatte bereits vor ihrer Teilnahme beim ESC mit „Tu t’en iras“ einen echten Radio-Hit. Potenzial, genau so einer zu werden, hat auch „Évidemment“, der mit dem Einsatz der groovigen Basslinie in der Hook sowie pompösem Streichern und Pauken den schmalen Grat zwischen poppigem ESC-Hit, Filmsoundtrack und Material für die Tanfläche trifft. Ein Song, der selbst bei wiederholtem Abspielen immer noch überrascht.
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