ESC-Vorentscheid: Das wäre UNSER Lied für Liverpool
Alle Jahre wieder dürfen die Landesrundfunkanstalten der ARD entscheiden, wer für Deutschland zum großen Eurovision Song Contest anreisen darf, der in diesem Jahr in Liverpool stattfindet. Und alle Jahre wieder fragen wir uns, wer denn diese Menschen sind, die diese Entscheidungen treffen. Beziehungsweise: Wir fragen uns eher, ob diese Menschen Musik hören. Und vielleicht sogar lieben. Wir wollen natürlich nicht alle Acts dissen, die am 3. März in Köln beim Vorentscheid antreten, aber wir sind schon überrascht, wie wenig bekannt die meisten dann in unserem Musikumfeld sind. Was ja ok wäre, wenn sie dann – nun ja – gut wären. Auch das TikTok-Voting entschied sich für einen eher zweifelhaften Kandidaten. Nämlich für den verlässlicher Malle-Hit-Lieferanten und Urheber von „Dicke Tittten Kartoffelsalat“ Ikke Hüftgold. Immer noch besser als DJ Robbe und Mütze-Glatze, oder wie die „Layla“-Produzenten gleich hießen, aber eben nur ein wenig.
Vermutlich ist es der blanke Neid, dass die Landesrundfunkanstalten (allein das Wort schon) diese Entscheidung treffen dürfen, der uns zu diesem Artikel treibt. Deshalb fantasieren wir uns wie schon im letzten Jahr in ein Paralleluniversum, in dem der ESC ein wenig cooler ist und wir die Chance haben, mindestens einen Act ins Rennen zu schicken. Hier wären unsere neun Favoriten, bei denen wir nicht sicher sind, ob sich alle drüber freuen, dass sie in dieser Liste auftauchen.
Domiziana
Als Domiziana ganz „Ohne Benzin“ auf Platz 1 der Charts landete, hatte man ja eh das Gefühl, sie wäre dort eher mit Hilfe eines Fluxkompensators gelandet und all the way from the year 2389 angereist. Obwohl die Masse der Hörenden das noch nicht geblickt hat, wurde es danach ja eigentlich noch spannender: „Only Fans“ ist unserer Meinung nach eigentlich der bessere Song und das creepy Video dürfte sogar Lady Gaga gefallen. Wenn Domiziana nach Liverpool reisen würde, hätte sie einerseits durch ihre Roots auch die italienischen Fans auf ihrer Seite und sie könnte mit ihrem wirklich nach vorne schauenenden Sound zeigen, dass wir mitnichten nur das Land des langeweiligen Schlagers sind.
Giant Rooks
Måneskin haben im letzten Jahr mit ihren Plateaustiefeln mit Sicherheit ein paar Türen aufgetreten. Sie haben bewiesen, dass Gitarrenmusik beim ESC durchaus eine Chance hat und man als Band keinen Gesichtsverlust fürchten muss, wenn man sich dieser crazy Veranstaltung mit der irren Reichweite ausliefert. Warum in diesem Jahr also nicht mal anstelle eines sleazy Rockentwurfs ein paar international gefeierte Indie-Acts ins Rennen werfen. Da wäre man schnell bei Giant Rooks, deren Sänger Fred Rabe eh schon dank TikTok und Henning May als Goldkehle gefeiert wird. Ihre Live-Präsenz ist ebenfalls dermaßen raumgreifend, dass die fünf keine Probleme hätten, die Riesen-Bühne in Liverpool zu füllen. Dass ihre Songs internationales Hitpotential haben, haben sie ja durch diese Nummer eh längst bewiesen:
Deichkind
Ein bisschen Contest-Luft konnte die Hamburger Elektro-Punk- und Hip-Hop-Formation Deichkind bereits sammeln. 2005 trat die Gruppe um Kryptik Joe bei der kleinen deutschen Schwester des ESC, dem Bundesvision Song Contest für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern mit ihrem Song „Electric Super Dance Band“ an. Leider ohne den gewünschten Erfolg: Von insgesamt 16 Teilnehmer:innen belegten Deichkind mit ihrem Auftritt den 14. Platz. Aber vielleicht war die Welt einfach noch nicht bereit für Deichkind, für Pyramidenhüte und Future-Elektro-Punk. Doch ihr kürzlich erschienenes Album „Neues Vom Dauerzustand“ liefert jetzt vielleicht neues Material, um die ESC-Bühnen in Liverpool zu stürmen – nicht nur musikalisch. Wer im Musikvideo auf XXXL-Luxushandtaschen Rodeo-reitet und in bayrischer Tracht Stand-Up-Paddling betreibt, dem wird sicher auch ein überraschender Twist einfallen, mit dem wir die ESC-Zuschauer:innen davon überzeugen können, ihre zwölf Punkte endlich mal an uns weiterzureichen.
Mehnersmoos
Der ESC ist eine ziemlich durchgestylte und zugegeben oft überzogene Veranstaltung, mit Outfits zwischen schillernd und trashig und entsprechenden musikalischen Darbietungen. Was wir da vermissen, ist ein bisschen Kantigkeit, ein bisschen Kontroverse, ein bisschen Spice! Für den könnte die selbsternannte „Penner-Gang“ Mehnersmoos sorgen – zwei etwas verzottelte Dudes mit langen Bärten und güldenem Haar, die auf Trap-Beats von Wicküler Pils, dem Drachenlord und nochmal Wicküler Pils rappen. Zugegeben, musikalisch vielleicht nicht gerade das beste Match mit der übrigen ESC-Setlist, aber für diesen hohen Anlass hätte die Rap-Crew aus Frankfurt am Main ein Trojanisches Pferd in petto: „Drei Uhr Nachts“ featuring – pardon – DJ Arschlochficker. Ein Song über nächtliche Booty Calls getarnt im catchy Funk-Kostüm und DJ Bobo-Boomer-Flow? „Twelve Points for Germany!“.
Ski Aggu
Seien wir ehrlich: Am Ende des Tages geht es beim ESC zwar nicht nur, aber auch um die Looks. Und die hätte Ski Aggu alle mal. Denn was könnte die europäische Zuschauer:innenschaft schon mehr abfeiern als eine Berliner Atze mit Skibrille, Vokuhila und Ed Hardy-Montur? Eben. Dazu dann noch der passende Rave-Rap-Sound, um das Publikum vollends in die Ära von Love Parade, Blümchen und Co. zu transportieren, und der Coup ist perfekt. Die Sprachbarriere würde Aggu sicher mühelos mit seiner Rampensau-Persona sprengen und was der Kerl mit Zeilen wie „Disco Party Sahne, Disco Disco Party Sahne“ meint, sollte ja auch ohne Deutsch-Kenntnisse relativ klar verständlich sein. Außerdem wären seine TikTok-Videos vom Contest sicherlich Gold.
Cloudy June
„Alternative Pop“, so sagte Cloudy June bei uns im Interview, würde sie ihre Musik nennen. Und dass sie Pop-Songs schreiben kann, hat sie schon oft unter Beweis gestellt. Die Singer-Songwriterin mit kubanischen Wurzeln hat ein Gespür für catchy Melodien, mit denen sie durchaus international Erfolg haben könnte. Die moderne Produktion und die englischen Texte helfen da ebenfalls und mit „FU In My Head“ hatte sie schließlich auch schon einen echten TikTok-Hit. Die ESC-Bühne wäre für sie also eine große Chance, zumal sie diese dann auch ihre positiven Messages nutzen könnte. Denn in ihren Texten behandelt Cloudy June oft queere Sexualität, ein Thema, das in einigen teilnehmenden Ländern immer noch gerne unter den Tisch gekehrt wird. Das ist also einer der Aspekte, der das „Alternative“ in ihre Musik bringt. Und nicht nur das, Cloudy June lässt sich auch von der unterschiedlichsten Musik beeinflussen: So war sie in ihrer Schulzeit sogar Screamerin in einer Death Metal-Band.
Mariybu
Mariybu ist ein Allround-Talent: Die Hamburgerin schreibt, rappt, singt und produziert all ihre Songs selbst und konnte sich dabei auch innerhalb von kürzester Zeit immer weiter entwickeln. So begann sie ihre Karriere 2020 noch mit eher klassischem Trap, mittlerweile fühlt sie sich im Hyperpop sehr zuhause. Inmitten der verzerrten Bässe und poppigen Melodien kann sie sich mit gepitchter Stimme wild ausleben. Und Mariybu nimmt dabei auch kein Blatt vor den Mund, sondern adressiert regelmäßig Tabuthemen. Trotz des experimentellen Hyperpop-Sounds und des expressiven, offensiven Images könnte sie beim Eurovision Song Contest überzeugen und vielleicht sogar gerade deswegen einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Lie Ning
Wenn es einen queeren Künstler aus Deutschland gibt, der internationale Strahlkraft besitzt und genug Charisma hat, um das europäische Riesenpublikum auf seine Seite zu ziehen, dann ist das in unseren Augen Lie Ning. Er ist Musiker, Model, Tänzer, Art Director, Spokesperson der LGTBQ & POC-Communities und obwohl seine Stimme die stärkste Ausdrucksform ist, schafft er es auch, die visuellen Elemente seiner Performance auf dieses Level zu bringen. Wer ihn in den letzten Jahren zum Beispiel beim Reeperbahn Festival live gesehen hat, weiß dass so eine schillernde Figur auch andere Charisma-Bomben anzieht. Wie cool wäre es bitte, wenn Lie Ning eine Performance wie im Video zu „Offline“ zeigen und noch drei Dutzend mehr spannende Menschen aus seinem Umfeld mit auf die Bühne bringen würde, die sich so wie in diesem Clip um ihn winden? Das wäre mal eine hotte Performance, die im völligen Gegensatz zu dem Bild steht, das viele Länder nicht zu Unrecht von Deutschland haben.
Danger Dan
Wir wissen natürlich, dass Danger Dan wohl niemals bei einer Veranstaltung mitmachen würde, die nicht allzu politisch werden darf. Aber wir können ja noch mal träumen. Und wenn es einen deutschen Artist gibt, dem wir zutrauen, ein ironisches, unwiderstehlich melodisches, böses, vordergründig unpolitisches, aber hintenrum antideutsches Lied zu schreiben und in Bomberjacke und Springerstiefel am Klavier mit Streichern im Rücken in Liverpool zu performen – dann ihm. Außerdem glauben wir, dass seine Gesangsstimme und sein Piano eben auch funktionieren, wenn man die Texte nicht gleich versteht.
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