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Zum 30. Todestag von Kurt Cobain: Danke, du warst wichtig

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Reden wir (noch) nicht über seinen Tod. Reden wir zuerst über seine Musik. Über „Downer“ zum Beispiel. Ein Song, der mich durch den nicht so geilen Teil meiner Jugend gebracht hat. Track zehn auf der brillanten „Incesticide“-Compilation (und in anderer Version Track 13 auf „Bleach“). Ich hatte sie mir beim örtlichen Elektronik-Geschäft als Musikkassette gekauft. Für die CD hatte das Geld nicht gereicht. Ich hörte den Song fast immer, wenn ich zwischen den Schulstunden auf die Fresse bekommen hatte. Was 1992 irgendwie recht oft passierte. Zwei Jahre lang war ich für zwei Jungs, die kurz vorher noch meine besten Freunde waren, der tägliche Punchingball. Keine Ahnung, woran es lag. Vielleicht, weil ich in der 8. Klasse aussah, als sei ich acht. „Downer“ war der perfekte, dröhnende Befreiungsschlag, der mich danach in meinem Zimmer auf andere Gedanken brachte. Zum hektischen Channing-Schlagzeug, Novoselics sich selbst überholendem Bass und der alles zerhackenden Cobain-Gitarre schreit Kurt Worte, über die er später sagte, er habe keine Ahnung, worum es da eigentlich ging. Aber mir halfen sie. „Somebody said that they’re not much like I am, I know I can / Make enough of the words / You go along and I sing your song.“ Wie er am Ende das „song“ verschlürte – das war für mich das „Fickt euch doch alle!“, das ich hören wollte. Zur Aggression von „Downer“ stellte ich mir bildreich vor, wie ich meinen Mobbern die Fressen blutig trat.

„Hast du es schon gehört? Kurt ist tot.“

Kurt Cobains Musik erwischte mich in dem Alter, in dem wohl alle empfänglich sind für diese Mischung aus Aggression, Melancholie, Wut, Ironie und Schmerz. 1994, in seinem Todesjahr, machte ich meinen Realschulabschluss. Mein Kumpel Sven, mit dem ich mich einmal die Woche traf, damit wir uns neue Musik vorspielten, war der erste, der es aus den Nachrichten erfahren hatte. Internet war damals noch nicht so ein Thema. Ich glaube, er hatte es im Radio gehört. Bis heute kann ich mich an diesen Moment erinnern. Wie ich in der großen Pause auf den Schulhof kam, etwas später als die anderen. Wie Sven, meine Kindergarten-Kumpel Basti und André, die Klassen-Punkerin Nancy, die kurz darauf meine beste Freundin werden sollte, und noch ein paar andere wie versteinert im Halbkreis standen. Und wie Sven dann sagte: „Hast du es schon gehört? Kurt ist tot. Er hat sich erschossen.“ Natürlich wusste ich, dass es ihm nicht gut ging. Dass er kurz nach dem letzten Nirvana-Konzert am 1. März 1994 in München in Rom eine Überdosis Heroin genommen hatte.  Dass er einem Entzug zugestimmt hatte. Dass seine Ehe mit Courtney Love in Trümmern lag. Dass sich die beiden trotz ihrer offensichtlichen Liebe und der gemeinsamen Tochter nicht guttaten. Und trotzdem wollte ich es nicht glauben. Ich war für ein paar Sekunden ebenso versteinert wie die anderen. Das Heulen kam dann später in meinem Zimmer.

„Ich habe gesungen und Blut gehustet.“

Dass ich immer von „Kurt“ spreche, als hätte ich ihn gekannt, hätte Kurt sicher hart verunsichert. Er hatte schließlich genug Struggles in seinem Leben. Chronische Schmerzen, Abhängigkeiten, depressive Schübe, ein unstetes Aufwachsen – braucht man da noch die ungesunde Identifikation tausender Teenager:innen? In einem seiner letzten Interviews mit dem amerikanischen Rolling Stone, das Ende Januar 1994 veröffentlicht und Ende Oktober 1993 in Chicago geführt wurde, sagte Kurt Cobain: „Fünf Jahre lang, während der Zeit, als ich mein Magenproblem hatte, wollte ich mich jeden Tag umbringen. Ich war viele Male sehr nahe dran. Es tut mir leid, dass ich so offen darüber spreche. Es ging so weit, dass ich auf Tournee auf dem Boden lag und Luft erbrochen habe, weil ich kein Wasser bei mir behalten konnte. Und dann musste ich in 20 Minuten eine Show spielen. Ich habe gesungen und Blut gehustet. Das ist keine Art, ein Leben zu führen. Ich liebe es, Musik zu machen, aber irgendetwas war nicht in Ordnung. Also beschloss ich, mir Medikamente zu besorgen.“

Im gleichen Interview sagte Kurt Cobain aber auch über den immensen Erfolg von „Nevermind“: „Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Wenn es einen Kurs Rockstar 101 gäbe, hätte ich ihn gerne besucht. Das hätte mir vielleicht geholfen. Ich sehe immer noch Sachen, Beschreibungen von Rockstars in irgendwelchen Magazinen – ‚Sting, der Umweltschützer‘ und ‚Kurt Cobain, der weinerliche, jammernde, neurotische, zickige Typ, der alles hasst, der den Rockstar hasst, der sein Leben hasst‘. Und ich war in meinem Leben noch nie so glücklich. Besonders in der letzten Woche, weil die Shows so gut gelaufen sind – außer heute Abend. Ich bin ein viel glücklicherer Mensch, als viele Leute denken.“ Aussagen wie diese zeigen, dass Kurt Cobain vermutlich nicht mehr unter uns weilt, weil in einer besonders schwarzen Phase seiner psychischen Erkrankung niemand in der Nähe war, der ihm helfen konnte.

„Here we are now, entertain us!“

Es gibt nicht viele Musiker:innen, über die ich in meinen Leben so viel nachgedacht und gelesen habe, wie über Kurt Cobain. Und Nirvana sind eine der wenigen Bands, bei denen ich mich bis heute an den Moment erinnern kann, in dem sie in mein Leben trat. Mein Kindheits-Kumpel Basti, immer schon einer der coolsten an der Schule, saß eines Morgens im Schulbus und spielte seinen engsten Freunden auf dem Walkman immer wieder ein Lied vor. Seine ältere Schwester, in die alle seine Freunde verliebt waren, hatte es mit einem Kassettenrecorder von einer MTV-Ausspielung aufgenommen. Und nun saß Basti da, gewährte einzelne Audienzen, drückte einem grinsend die Kopfhörer auf den Kopf, spielte „Smells Like Teen Spirit“ und spulte dann mit einem Bleistift die Kassette von Hand zurück, um Batterien zu sparen. „Wie geil ist bitte dieser Song?“, fragte er jedes Mal. Ich war sofort hooked von dieser Musik. Dieser Energie. Dieser Stimme. Dieser Verzweiflung. Diesem Riff. Dieser Line: „He we are now, entertain us!“ Als Basti ein paar Jahre später bei einem Autounfall verunglückte, hörte ich immer wieder dieses Lied, „Come As You Are“ und „Lithium“, während ich mir die Augen ausheulte und mich an unsere gemeinsame Kindheit und Jugend erinnerte.

Rockstars, die keine sein wollten – aber dabei einen Heidenspaß hatten

Fuck, ich schreibe schon wieder zu viel über die dunklen Kapitel in dieser Geschichte. Zeit, das ein wenig zu drehen. Obwohl Nirvana (auch) der Soundtrack meiner Teenage-Angst-Phase waren, trieben sie mir immer wieder das Grinsen ins Gesicht. Als mein Englisch irgendwann reichte, um die Texte zu verstehen, verbrachte ich viel Zeit mit ihnen und freute mich über Referenzen, ironische Lines oder diese satirische Angriffslust, die man in Songs wie „Serve The Servants“ fand. Von Nirvana konnte man außerdem lernen, wie man ein subversiver Rockstar wird. Immer wieder sabotierten sie die Mechanismen der Musikwelt. Man höre nur „In Utero“ – die zweite CD, die ich mir in meinem Leben jemals gekauft habe (ungefähr 15 Minuten nach „Urban Discipline“ von Biohazard). Die Platte war exakt das, was man nach dem von Produzent Butch Vig auf Stadion-Grunge polierten „Nevermind“ nicht veröffentlichen sollte. Knochentrocken von Steve Albini produziert, sperrig („Scentless Apprentice“), kontrovers getextet („Rape Me“), herzzerreißend offen („All Apologies“).

Und dann gab es noch all die Momente der Hit-Verweigerung: Als sie zum Beispiel die Charts-Sendung „Top Of The Pops“ mit einer „alternativen“, fast new-wavigen Version von „Smells Like Teen Spirit“ sabotierten, obwohl die Instrumentalmusik als Playback eingespielt werden musste. Oder ihr Auftritt bei den MTV Music Awards im Jahr 1992, wo ihnen verboten wurde, „Rape Me“ zu spielen und sie stattdessen erst „Lithium“ zum Besten gaben, dann auf der Bühne eskalierte und sich danach mit den von ihnen verhassten Guns’N’Roses anlegten.

Danke Kurt – für all die Musiker:innen, die ich durch dich kennen lernen durfte

Beim MTV-Auftritt trug Kurt (wie bei einigen Fototerminen auch) ein Shirt mit einer Zeichnung des Songwriters Daniel Johnston. Durch Kurt wurde ich auf diesen außergewöhnliche Lo-Fi-Künstler aufmerksam, der uns Lieder wie „True Love Will Find You At The End“, „Devil Town“ oder „Casper, The Friendly Ghost“ geschenkt hat. Das Wort „Influencer“ gab es damals noch nicht, und Kurt hätte es gehasst – aber er nutzt tatsächlich seinen Fame, um der Welt zu sagen und zu zeigen, welche Musik er liebte. Immer wieder mal fertige er Listen seiner Lieblings-Artists an – durch ihn erfuhr ich zum ersten Mal von grandiosen Bands wie Shonen Knife oder den Breeders.

Auch meine Liebe zu den Meat Puppets wurde von Kurt befeuert. Angefixt wurde ich durch den Song „Scum“, der auf dem Sampler eines Musikmagazins war. Ich konnte kaum glauben, was ich da sah, als Nirvana die weirde, brillante, abgründig hippie-eske Band beim heute legendären „MTV Unplugged“ in Teilen auf die Bühne baten, um ein Millionenpublikum mit dem diabolischen „Lake Of Fire“ vertraut zu machen. So ging es vielen Menschen damals: Alle fragten sich, wer denn diese zotteligen Typen neben den drei bekannten zotteligen Typen seien.

Vor einigen Jahren durfte ich Megan Jasper, die CEO des Labels Sub Pop, interviewen (den Text kann man hier lesen). Das Indie-Label aus Seattle gilt als Brutstätte des Punks und veröffentlichte das Nirvana-Debüt „Bleach“. Obwohl Nirvana später einen Deal mit Universal bzw. Geffen abschlossen, hielten sie ihnen die Treue und veröffentlichen in den USA weiterhin über Sub Pop. Als Kurt Cobain gerade nach Seattle gezogen war und dort andockte, machte Megan Jasper eine Art Praktikum beim Label. Sie saß am Empfang, hatte Telefondienst, musste Journalist:innen abwimmeln oder Leute, die auf Geld warteten. Sie erzählte mir, wie angenehm es gewesen sei, wenn Kurt im Büro war. Er habe dort oft einfach abgehangen und es auf schüchterne Art genossen, seinen großen musikalischen Idolen Mudhoney – die damals die erfolgreichste Band im Label-Roster waren – nahe zu sein. Auch als Nirvana später durch die Decke gingen, zeigte Kurt in vielen Interviews immer wieder, dass er niemals verlernt hat, selbst Fan zu sein.

Die Ballade von Kurt und Courtney

Was mich lange beschäftigte, war das Verhältnis von Kurt Cobain und seiner großen Liebe und späteren Ehefrau Courtney Love. Wie die meisten meiner Freunde sah ich das Böse in ihr, nannte sie Yoko Ono und glaubte, sie sei der Grund für Kurt Cobains unsteten Zustand. Erst Jahre später merkte ich, was für eine misogyne Scheiße das alles war – was übrigens auch in Sachen Lennon und Yoko Ono gilt.

Love und Cobain mögen sich streckenweise nicht gutgetan und mit diversen Süchten gekämpft haben (wie man leider sehr eindringlich am Ende der Doku „Montage Of Heck“ sehen kann), aber im Grunde war Courtney eine der krassesten und mutigsten Frauen im Rock-Game. Die frühen Hole-Alben sind allesamt brillant getextete, wütende, verletzliche, angriffslustige Meisterwerke – Courtney und ihre Musikerinnen weibliche Role Models in einer Zeit, in der Rockmusik schwitzige Männersache war. Man nehme nur einen Song wie „Awful“ vom 1998 veröffentlichten „Celebrity Skin“. Ich höre diesen Song gerade viermal täglich und fühle mich in einer Zeile wie dieser ebenso verstanden wie einst bei Nirvana:„If the world is so wrong / yeah you can take it  all / With one song.“

„Ich habe viel mit Mädchen abgehangen.“

Kurt Cobain gab mir aber noch in einem anderen wichtigen Punkt Halt oder Zustimmung. Die eingangs erwähnte Mobbing-Zeit hatte im Rückblick nämlich einen wunderbaren Nebeneffekt: Da mich meine Kumpels plötzlich verarschen und verprügeln wollten, freundete ich mich mit den Mädchen in meiner Klasse an. Was natürlich anfangs für weiteres Gespött sorgte. Das fürchterliche Wort „Friendzone“ gab es damals zwar noch nicht, aber wer im Teenager-Alter mit Mädchen befreundet war und nicht mit ihnen knutschte oder gleich ins Bett wollte, war seltsam, oder „schwul“ oder sonst was. Meinem damals recht chauvinistischem Cousin musste ich noch bis zu meinem 30. Lebensjahr erklären, wie es sein konnte, dass meine zwei besten Freundinnen verdammt hübsch waren. Er checkte es einfach nicht, dass Freundschaften zwischen Männlein und Weiblein möglich waren. Erst beschäftigte mich das durchaus – ich war unsicher, unreif, von Pubertäts-Testosteron aufgeputscht. Irgendwann war es mir egal, was die Jungs sagten, weil mir die Freundschaften so viel gaben, aber auch weil Kurt Cobain immer wieder mal über das Thema sprach.

In einem Interview erzählt Kurt damals, dass er nach der Scheidung seiner Eltern vor allem bei seinen guten Freundinnen Halt fand. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob es dieses Quote war, aber es trifft die Sache: „Es ist darauf hinausgelaufen, dass ich sehr viel mit Mädchen abgehangen habe. Und ich hatte immer das Gefühl, dass ihnen nicht mit Respekt begegnet wurde. Besonders weil Frauen einfach total unterdrückt werden. Ich meine, die Worte ‚Cunt‘ oder ‚Bitch‘ waren völlig normal. Obwohl ich Aerosmith und Led Zeppelin gehört und ein paar ihrer Melodien sehr genossen habe, habe ich viele Jahre gebraucht, um zu realisieren, dass sie viel mit Sexismus zu tun haben.“ Es könnte sogar sein, dass mir das Wort „Sexismus“ das erste Mal bei ihm begegnete – obwohl ich schon vorher durch Erzählungen meiner besten Freundinnen vermittelt bekommen hatte, was es bedeutet.

Wenn sich an diesem Freitag, dem 5. April 2024, Kurt Cobains Todestag zum 30. Mal jährt, wird man viele Texte über ihn lesen können – und natürlich war auch für mich dieses Datum ein Grund, mich noch einmal intensiv mit ihm zu befassen. Was ich mit all diesen Anekdoten, Erinnerungen, Interpretationen und Zitaten aber eigentlich nur sagen will, ist folgendes:

Danke, Kurt.
Du warst wichtig.
Und bist es für viele noch heute.

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