DIFFUS

Album der Woche: Nia Archives – Emotional Junglist

Posted in: Album der Woche
Tagged: Nia Archives

Nia Archives ist wohl der beste Beweis, dass echte Wurzeln und Kontakte in eine Subkultur einen Sound hervorbringen können, der zutiefst authentisch klingt und gleichzeitig immer wieder neue Facetten zulässt. Mit einer Großmutter, die einen eigenen Piratensender betrieben und Underground-Jungle aufgelegt hat, sind der britischen Künstlerin die Break-Beats wohl auch buchstäblich in die Wiege gelegt worden. Das Ergebnis: ein erfrischender und gleichzeitig nostalgischer Sound, der Nia Archives in den vergangenen Jahren zu einer DER Pionier:innen des modernen Jungles gemacht hat. Mit „Emotional Junglist“ hat sie nun ihr zweites Studioalbum nach „Silence is Loud“ 2024 veröffentlicht.

Anstatt einfach zu wiederholen, was schon da war, überrascht sie nun jedoch mit einem Genremix aus Jungle, Indie-Pop, Grunge und Soul. Wobei es im Nachhinein natürlich auch irgendwie total Sinn macht, zu den wütend-gefrusteten und gleichzeitig befreienden 90er-Jahre-Jungle-Beats aus Großbritannien auch ein paar düstere Trip-Hop- und Post-Punk-Gitarren zu kombinieren und sich einen Ausbruch in die sorglose Indie-Pop-Welt zu gönnen.

„Emotional Junglist“: Eine Liebesgeschichte ohne Happy End

Inhaltlich folgt „Emotional Junglist“ wiederum einem ziemlich kohärenten Zeitstrahl, beginnt mit einem Crush, führt durch das Verliebtsein und endet im Breakup. Dass die Erzählung kein Happy End bereithält, schwingt soundtechnisch auch schon in den ersten Songs des Albums mit. Beispielsweise in „Danger“, vielleicht dem absoluten Highlight der Platte, gespickt mit mitreißenden Breakbeats, melodiösen Vocal-Ausbrüchen und Sprechgesang. Zwischen der verliebten Aufregung und Leidenschaft schleichen sich immer mal wieder dunkle Basslines ein. Eine Art traurige Prophezeiung vielleicht oder eine Attitüde zur Liebe, die von vergangenen großen Enttäuschungen und Schmerz geprägt ist. Diese klingt schließlich auch schon im Intro des Albums, „Feelingz go Numb“ an.

Konträr dazu entwickelt sich die Platte zur Mitte hin aber erst einmal in Richtung eines verträumten Indie-Pop-Sounds, den man auf einem Nia-Archives-Jungle-Projekt eigentlich eher weniger erwartet hätte. Durch die rosarote Brille blickt sie beispielsweise in „Dance with me 2night“ mit dem Motto: „Let hesitation sit this one out / I wanna be held tight / Tell me this all feels so right / Dance with me tonight“.

Nia Archives: Im emotionalen Chaos in Richtung Womanhood

Features finden sich mit der britischen R&B-Queen Jorja Smith auf dem atmosphärisch-sorglosen Track „Get Me Down“ und Sampha auf „Tender“. Spätestens auf diesem introspektiven Song scheint die Euphorie auch wieder einer verletzlichen Realität zu weichen: „Pretend to embrace fears, I know I’m flawed (Flawed) / But I am tender-hearted in spite of it all (Always wanted a love) / I have my tendency to pull back and withdraw (Love) / But I am tender-hearted in spite of it all (Always wanted a love).“

In „The Darkest Hour“ passiert schließlich das, was man dem gerade wieder Hoffnung fassenden und Liebe findenden lyrischen Ich gerne erspart hätte: „In the darkest hour / You decide, I don’t belong / Now teardrops fall / Heartbreak devours.“ Mit „Lovers Grief“ scheint das Album dann auch nächste perfekte Symbiose aus Jungle und Grunge zu münden: düster, treibend und atmosphärisch.

Das gesamte Projekt und ihre Intention hinter dem Albumtitel beschreibt Nia Archives aber fast schon hoffnungsvoll. So lässt sich „Emotional Junglist“ am Ende vielleicht sogar als eine Art zweite Coming-of-Age-Geschichte verstehen:

„Ein Emotional Junglist zu sein bedeutet, alles und nichts gleichzeitig zu fühlen. Es heißt, ruhig und doch chaotisch zu sein, klar und doch manisch – oben, unten und seitwärts. Das emotionale Spektrum, das ich erlebe, ist riesig, und ich glaube, dieses Album spiegelt diese Tiefe vollständig wider. Mitte zwanzig findet man heraus, wer man ist, erkundet die eigene Sexualität … Ich glaube, viele Menschen bleiben irgendwie in der Girlhood stecken, aber ganz ehrlich: Ich bin 26 und habe das Gefühl, dass ich gerade in die Womanhood eintrete.“

Cover neues DIFFUS Magazin

Das neue DIFFUS Print-Magazin

Titelstory: Ikkimel

Auch im Heft: Noah Kahan, Baran Kok, Josi, Robyn, Philine Sonny und Apsilon.
Dazu große Reportagen über die Vaporwave-Szene in Deutschland, die extreme Metal-Szene in Subsahara-Afrika oder das Rap-Projekt „HaftBars“ in einer Berliner Jugendstrafanstalt.