Album der Woche: Sofie Royer – before/after
Wenn „cool“ eine Person wäre, würde sie im deutschsprachigen Raum vermutlich Sofie Royer heißen, eine der, wie es im Guardian einmal betitelt wurde, „am meisten zu Unrecht übersehenen Popstars Europas“. Nach ihrer klassischen Ausbildung als Violinistin am Wiener Konservatorium ist die österreichisch-iranisch-US-amerikanische Pop-Sängerin mit 19 Jahren kurzerhand nach Kalifornien gezogen, DJ und Produzentin geworden, hat während der Arbeit bei einem Indie-Label auch noch Boiler-Room-Sets kuratiert und das Nachtleben in Los Angeles mitgestaltet.
Cineastischer Indie-Pop zwischen Wien und Los Angeles
Damals wie heute ist Sofie Royer ein echtes Multitalent. Sie versteht es blendend, sich auf eine ganz organisch wirkende Art und Weise zwischen Indie, Punk-Einflüssen und Bedroom-Pop zu bewegen – meistens auf Englisch, hin und wieder auf Deutsch. Das hat sie in den letzten sechs Jahren auch auf drei von der Kritik hoch gelobten Alben bewiesen. Ihr neuestes Projekt „before/after“ ist nun bei dem in Los Angeles ansässigen Independent-Label Stones Throw Records erschienen. Und es wird ihrem Ruf mehr als gerecht.
An den insgesamt zwölf Tracks auf „before/after“ hat Royer mit einer Riege an Pop-Produzenten zusammengearbeitet, die schon besonders namhafte Acts zu ihrem Repertoire zählen können. Darunter Matt Cohn, der schon für SZA und Charli xcx arbeitete und Eli Hirsch, der das zweite Album „Memoir of a Sparklemuffin“ von Suki Waterhouse maßgeblich mitgestaltet hat – eine ziemlich vielversprechende Mischung aus Art-Pop und nostalgischem Dream-Pop also. Das Ergebnis klingt dabei glücklicherweise auch kein bisschen verfälscht oder generisch. Vielmehr scheint Sofie Royer ihre ohnehin schon eingängigen Sound nur noch ein bisschen spitzer zulaufen zu lassen.
Vorher, nachher – und irgendwie dazwischen
Lyrisch bleibt sie dabei gewohnt atmosphärisch, mit gelegentlichen satirischen Beobachtungen sowie popkulturellen Referenzen zu Film und Literatur. Fokus ihrer aktuellen Kritik ist die Sängerin jedoch selbst. Auf „before/after“ setzt sie sich mit Vergangenheit und Zukunft, Schicksal, Lebenszyklen, verpassten Chancen und dem Folgen eines immer gleichen Habitus auseinander. Die zugrundeliegende Erkenntnis fasst sie selbst so zusammen: „Je älter man wird, desto bewusster werden einem bestimmte Verhaltensmuster. Also fragst du dich: Was muss passieren, damit ich aufhöre, immer wieder dieselben Dinge zu wiederholen? Aber dann merkst du, dass du dich doch wieder genauso verhältst.“
In der Single „Actress“ macht Royer die Verbindung zwischen Musik und Film besonders deutlich. Erfahrungen aus der Schauspielwelt werden hier Gleichzeitig zur Metapher einer unausgeglichenen Beziehungsdynamik, Verzweiflung und Täuschung. Royer selbst beschreibt den Song als „eine Hymne für alle, die schon einmal versucht haben, eine Rolle zu ergattern!“. Das Video zu dem Song „Sesquicentennial“ wiederum versteht sich als eine Art Hommage an Sofia Coppolas „Lost in Translation“ und wurde auf einer China-Reise Anfang dieses Jahres gedreht.
Der Track „Cowboy Mouth“ ist in Zusammenarbeit mit den Brüdern Dylan und Noah Chenfeld von Rebounder zwischen Tourstopps in den USA entstanden und knüpft an ihre rohe Demo-Ästhetik an. Man hört perkussive Klavieranschläge und einen Sound zwischen Punkreferenz und cineastischer Düsternis. In „AUTO“ wechselt Royer zwischendurch auch mal in die deutsche Sprache und lässt einen herrlich atmosphärischen und verträumten NDW-Sound entstehen. Song und Musikvideo sind übrigens schon im Sommer 2025 erschienen und verweisen auf ein Album-Rollout mit Hand und Fuß, das sich genau die Zeit lässt, die es braucht.
„before/after“ wirkt damit wie eine ziemlich konsequente Fortsetzung von Sofie Royers bisherigem Schaffen. Gleichzeitig scheint das Album jedoch auch eine weitere Verfeinerung ihres Sounds zu spiegeln. Zwischen großen Popmelodien, kleinen Brüchen, Filmreferenzen und Selbstbeobachtung bleibt sie genau in dieser schwer greifbaren Zwischenwelt, in der sie schon immer besonders gut funktioniert hat.
Wer sich noch mehr von Sofie Royers vielseitigen Talenten überzeugen lassen möchte, kann übrigens auch Mal auf den Social-Media-Kanälen von @handychillen und @flaschko5 vorbeischauen. Comedy-Sketches kann sie nämlich auch!
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