Das LGoony-Dilemma: „Was ist uns Musik heute noch wert?“
Vor einigen Tagen hat sich LGoony auf Instagram an seine Community gewandt. Das Reel mit dem Titel „DAS ENDE – Macht der Beruf Musiker noch Sinn?” hat mittlerweile fast 300.000 Aufrufe, über 13.000 Likes und wird von hunderten Kommentaren begleitet, denn LGoony spricht hier ein Thema an, das zwar nicht gänzlich neu ist, aber in den letzten Jahren auch kein bisschen an Relevanz verloren hat.
Wir wollen sein Video als Anlass nehmen, um diese Realität zu hinterfragen, um Alternativen zu beleuchten und die vielleicht entscheidende Frage zu stellen: Wie viel (Geld) ist uns Musik heute eigentlich noch wert?
Die Prämisse von LGoonys Video ist klar. In der heutigen Musiklandschaft, unter den aktuellen Bedingungen zwischen Streaming-Monopolen und Social-Media-Marketing, können sich kleinere und vor allem Independent-Künstler:innen wie er das Musikmachen kaum noch leisten. LGoony verdient ca. sechs Cent pro Stunde, die seine Musik auf Spotify gehört wird. Gleichzeitig fließen teilweise hunderte Euro in die Produktion eines einzelnen Songs. Man muss kein großes Mathegenie sein, um zu erkennen, dass das Resultat ein Minusgeschäft ist. Mit Streaming kann ein Artist in seiner Größe kaum genug Geld verdienen.
Was LGoony und Taylor Swift gemeinsam haben
Erwähnen muss man natürlich auch, dass es sich LGoony in der Vergangenheit nicht gerade leicht gemacht hat. In seinen Songtexten stellt er schon früh klar, dass ihm große (Major) Labels mehr als egal sind: „Ich sagte Nein zu Universal, redete nicht mit DIVISION, Deutsche Hip-Hop-Medien können sich ficken”.
Man könnte jetzt also gut argumentieren, dass gerade unter diesen Umständen nun mal nicht jeder mit dem Musikmachen Geld verdienen kann, LGoony vielleicht einfach nicht mehr so gefragt ist und dass das eben eine harte Realität abbildet. LGoony ist aber trotz Independent-Hustle kein erfolgloses Soundcloud-Rap-Klischee. LGoony hat über 100.000 monatliche Hörer:innen und über 50.000 Abonnent:innen auf Instagram. Und – Schocker – LGoony hat sogar eine Gemeinsamkeit mit Pop-Ikone Taylor Swift!
Schließlich sind beide gleichermaßen abgefuckt von der unfairen Bezahlung der Streaming-Giganten. Und wenn sich die vermutlich erfolgreichste Singer-Songwriterin unserer Generation schon über ihre Spotify-Rendite ärgert, dann scheint das Problem wohl gar nicht so nischig zu sein und mehr strukturell als individuell. Schade irgendwie. Denn es soll wohl auch mal eine Zeit gegeben haben, in der Musik-Streaming sowohl für Künstler:innen als auch für Hörer:innen als ziemlich vielversprechend galt.
Die große Streaming-Utopie
Dafür eine kleine Zeitreise in die 2000er-Jahre: Schon damals kristallisierte sich eine Bewegung heraus, durch die viele Artists fürchteten, dem totalen Ruin ins Auge zu blicken: die Musikpiraterie. Viele können sich vermutlich selbst noch gut daran erinnern. Wenn eine Person in der Freundesgruppe das neue Arctic Monkeys-Album ergattert hatte, fand es sich damals ziemlich schnell auch auf den selbstgebrannten CDs, USB-Sticks und Festplatten der anderen wieder. Oder auch zum kostenlosen Download irgendwo im World Wide Web.
Laut einer 2001 von Heise Online erwähnten GfK-Studie wurden im Jahr 2000 in Deutschland um die 316 Millionen Musik-Downloads aus dem Internet gezogen und auf 133 Millionen Rohlinge gebrannt. Damals keine besonders guten Aussichten für die Musikbranche also.
Streaming war dann für einen großen Teil der Künstler:innen das Licht am Horizont und hat gleichzeitig die Ansprüche einer nun eben digitalen Musikwelt erfüllt. Außerdem hing da dieses Versprechen in der Luft, eine Art positive Zukunftsvision: Streaming könnte der Schlüssel sein, sowohl große als auch kleine Musiker:innen zu finanzieren und ihnen eine Plattform zu bieten.
Durch das Internet konnte dann scheinbar jeder eine Karriere starten, und sich seine eigene Fanbase aufbauen, ohne einen großen Label-Deal, Connections in den Musikjournalismus oder zu großen Radiosendern. Es gab deutlich niederschwelligeren Zugang zu Produktion, Vertrieb und Konsum. Plötzlich hatte man auch als Hörer:in für relativ wenig Geld Zugriff auf all seine Lieblingsalben und konnte mühelos neue Künstler:innen entdecken. Eine Art Demokratisierung von Musik sozusagen und Streaming als ein weniger „elitärer” Zugang.
Social Media: Fluch und Segen
Ebenso vielversprechend erschien dann auch Social Media als eine Art Plattform der Selbstermächtigung. Eine Öffentlichkeit lässt sich hier einfach selbst herstellen und scheinbar unter ganz eigenen Bedingungen. Doch auch Social Media wird mittlerweile oft zum Fallstrick. Denn wenn Spotify, Apple Music, Deezer und Co. nicht genug zahlen, werden Merchandise, Konzerte, CDs und Vinyls oft zur Haupteinnahmequelle. Und um diese zu vermarkten, sich eine solide Community aufzubauen, in Kontakt mit Fans zu treten und neue Projekte anzukündigen, ist man heutzutage eben auch als Artist darauf angewiesen, dass der Algorithmus mitspielt.
Instagram und TikTok sind aber meistens nicht besonders nett zu Creator:innen, die mit ihrem Content versuchen, auf ihre eigenen Plattformen und Events zu verweisen. Social-Media-Unternehmen wollen schließlich Content, der auf der jeweiligen App hält und Interaktion hervorruft. Und das heißt, es braucht Provokation, Emotion und Engagement, um den Algorithmen zu gefallen. Ob da nicht eine gewisse Individualität und Authentizität verloren gehen kann, fragt man sich vermutlich zurecht.
Machen bald nur noch Reiche und Computer Musik?
Dass das Thema nicht irgendwo im luftleeren Raum verschwindet, dass es vielen Menschen wichtig ist und das Problem immer wieder angesprochen werden muss, obwohl es schon lange omnipräsent ist, zeigen die Kommentare unter LGoonys Video ziemlich deutlich. Dabei gibt es nicht nur Support von Fans, sondern auch jede Menge Zuspruch von anderen Artists, die sich im gleichen Dilemma sehen. Die deutsche Punk-Pop-Sängerin Mia Morgan bringt es in einem Kommentar dann auf den Punkt: „Wenn’s so weitergeht, machen bald nur noch Reiche und Computer Musik”.
Wie groß man dieses Problem jetzt wahrnimmt, hängt dann wie immer auch mit den eigenen Prioritäten zusammen. Eines ist jedoch klar: Wer sich eine diverse Musiklandschaft wünscht, die nicht ausschließlich von großen Labels und Monopolen abhängig ist, die innovativ und vielfältig ist und in der Musik nicht wieder „elitär” wird, bei dem sollten jetzt die Alarmglocken läuten. Und vielleicht wäre es in diesem Moment dann auch angebracht, sich als Fan oder Musik-Enthusiast zu fragen, was man selbst denn tun kann, um diese „Dystopie“ zu verhindern.
Raus aus dem System?
Fairere Streaming-Modelle, wie ein User-centric Payment, sollte man natürlich auch nicht außen vor lassen, dieserProzess könnte jedoch ziemlich langwierig sein, also stellt sich die Frage, welche Alternativen es sonst noch gibt. Antworten gibt es dazu, mittlerweile einige. In einer Vielzahl von guten Artikeln, Panel-Diskussionen und wissenschaftlichen Ausarbeitungen werden sie durchdacht und vorgestellt. Besonders vielversprechend scheinen das Spendensammeln über Patreon, Membership-Modelle (wie es zum Beispiel die Band WU LYF auf der eigenen Website anbietet) und mehr direkte Unterstützung, wie es auch LGoony in seinem Video erwähnt.
Außerdem kann man sich als Fan natürlich auch dazu entscheiden, bewusst Musik zu kaufen. Zum Beispiel über Bandcamp oder in Form von Vinyl. Alternativ kann man seinen Lieblings-Artist auch einfach über einen Merch-Kauf unterstützen. Ein besonders spannendes Gegenmodell liefert aktuell Ennio. Er verzichtet komplett auf Streaming und veröffentlicht sein Album ausschließlich physisch als NFC-Chip oder Mini-CD. Ein radikaler Schritt, der zeigt, dass es Wege außerhalb des Systems gibt.
An Ideen mangelt es nicht. Damit diese Vorschläge aber nicht alle Gedankenexperimente bleiben, muss zuallererst ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden. Stichwort kulturelle Wertschätzung von Musik. Also alles auf Anfang: Wie viel ist uns Musik, wie viel sind uns unsere Artists eigentlich wert?
Alles auf Anfang
Heute ist Musik ein Klick. Ein Abo, ein endloser Strom. Bequem, aber auch entwertet, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und vor allem aus ökonomischer Sicht. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich alles trifft: Streaming und Social Media sorgen für mehr Zugang, mehr Sichtbarkeit, mehr Möglichkeiten, aber gleichzeitig auch für mehr Austauschbarkeit.
In den späten 80ern saßen unsere Eltern noch aufgeregt mit einem Recorder vor dem Radio und haben gewartet, bis endlich die Top Ten liefen. Ein Album wurde wirklich totgehört, nicht nur drei Songs in eine Playlist gepackt. Natürlich war damals nicht alles besser, und es ist gut, dass das Internet Musik für alle zugänglich macht. Der Zugang zu Kunst sollte keine Frage der Klasse sein. Klassismus, also die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder des ökonomischen Status, prägt schließlich auch den Zugang zu Musik und fördert soziale Ungerechtigkeit. Die Menge an CDs, die aktuelle Spotify-Playlists widerspiegeln, konnten sich früher vor allem Menschen mit einem dicken Geldbeutel
leisten.
Musik wieder bewusst wertschätzten
Streaming-Dienste haben dieses Problem zumindest in diesem Punkt in Teilen gelöst. Durch den größeren Aufwand, den man früher als Musikenthusiast:in betreiben musste, wurde Musik aber eben oft auch mehr wertgeschätzt und für eine CD oder Vinyl des Lieblingskünstlers hat man gerne auch mal 18 Euro gezahlt. Heute ist es im Alltagstrott leicht, zu vergessen, wie viele Menschen hinter den Tracks stehen, wie viel Zeit, Arbeit und Geld darin steckt. In großen Teilen haben wir verlernt, den Wert von Musik überhaupt noch wahrzunehmen. Denn mal ehrlich. Sind unsere Lieblings-Artists uns wirklich nur 6 Cent pro Stunde wert?
Ein solches System zu verändern dauert, was wir jetzt direkt entscheiden können, ist aber, wie wir uns als Konsument:innen innerhalb dieses Systems verhalten: Ob wir Musik nur konsumieren oder bewusst unterstützen, skippen oder zuhören, Algorithmen entscheiden lassen oder selbst auf die Suche gehen. Denn solange sich daran nichts ändert, bleibt auch die Realität bestehen, die LGoony beschreibt. Und dann ist die Frage, ob in Zukunft wirklich nur noch die sichtbar sind, die es sich leisten können, sichtbar zu sein: Reiche und Computer. Dabei sind unsere Artists, auch die kleinen, es ja letztendlich, die eine lebendige Musiklandschaft gestalten, die uns überrascht, berührt und Spaß macht.
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