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Den Opfern im Fall Lizzo glaubt man(n) – warum ist das nicht immer so?

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Vergangene Woche wurde es laut um die Rapperin und Sängerin Lizzo. Was genau passiert ist, hier noch einmal in Kurzform: Lizzo wurde von ihren drei ehemaligen Tänzerinnen Arianna Davis, Crystal Williams und Noelle Rodriguez vor einem Gericht in Los Angeles angeklagt. Dabei geht es um Vorwürfe der sexuellen, religiösen und rassistischen Belästigung, Diskriminierung aufgrund einer Behinderung, Körperverletzung und Freiheitsberaubung. Die Frauen fordern Schadenersatz. Genaueres könnt ihr in unserem News Artikel hier nachlesen.

Die genannten Anklagepunkte sind nicht nur im Allgemeinen verstörend, sondern umso erschreckender, wenn man Lizzo als öffentliche Person betrachtet. Die Künstlerin steht in der Öffentlichkeit und ihrer Kunst für Aufklärung, Body-Positivity und (Selbst-)Akzeptanz. Eine feministische Haltung und Empowerment stehen auf ihrer Agenda und in ihren Songtexten gleichermaßen. Mit Titeln wie „Truth Hurts“, „About Damn Time“ oder zuletzt der Single „Pink“ zum neuen „Barbie“ Film vertritt Lizzo Werte, die vielen (vor allem FLINTA) als starkes Vorbild gelten. Und trotzdem: Die allgemeine Haltung der Öffentlichkeit, zu der auch ehemalige Fans gehören, ist nach den Vorwürfen eine starke Ablehnung gegenüber der Künstlerin und eine Solidarisierung mit den Opfern. Eine Reaktion, die in der Pop-Welt nicht immer so selbstverständlich ist. Anders als in vergangenen Vorfällen scheinen nur wenige die Klage anzuzweifeln.

Konsequenzen für Lizzo

Dass eine Künstlerin mit diesen Standpunkten nun mit Vorwürfen zu kämpfen hat, die so gut wie allem widersprechen, für was sie sich in der Öffentlichkeit gegeben hat, war ein Schlag in die Magengrube für Supporter:innen. Deshalb nehmen viele Fans nun eine deutliche Anti-Haltung gegen die Künstlerin und ihr Team ein. Doch nicht nur das. Auch der öffentliche Diskurs um Lizzo, sei es in Medien oder auf diversen Social-Plattformen, gestaltet sich als tragend gegen die sonst so beliebte Sängerin. Kommentarspalten unter Lizzo-Related-Content oder ganze TikTok-Videos stellen sich gegen Lizzo und ihre mutmaßlichen Taten. 

@agape.thamar Lizzo being sued! #fyp #lizzo #lizzosued #lizzodancers #lizzobarbie #lizzochallenge #lizzosbiggrrrls #lizzodance #lizzoallegations #lizzosued ♬ original sound – agapé (taylor’s version) 🐝

220.000 Fans verabschieden sich

So kommen immer mehr Erfahrungen und Berichte über negative Erlebnisse mit der Künstlerin auf. Da hilft auch ein mehr oder minder „klärendes“ Statement auf Instagram nicht viel, in dem Lizzo natürlich die ihr vorgeworfenen Punkte abstreitet, aber auch einiges auslässt. Die meisten behalten ihre Stellung gegen die Sängerin. 

Die ersten Auswirkungen der Vorwürfe machen sich für die Künstlerin bereits bemerkbar. Nicht nur beinahe 220.000 Follower:innen machten innerhalb der letzten sieben Tage den „Abonnieren“-Button auf Instagram wieder blau, um dem Content der Künstlerin zu entfolgen. Lizzo bekam auch einen deutlichen Hinweis darauf, was innerhalb der Branche von der Diskussion um sie gehalten wird. Das „Made in America“-Festival in Philadelphia, wo Lizzo als Headlinerin auftreten sollte, wurde erst kurz nach dem Aufkommen der Anschuldigungen abgesagt.

Zwar gaben die Veranstalter:innen nicht bekannt, dass sich die Absage des Events auf die aktuelle Situation um Lizzo beziehen würde. Doch als Grund nennen sie: „Aufgrund schwerwiegender Umstände, die außerhalb der Kontrolle unserer Produktion liegen, wird das Made In America Festival 2023 nicht mehr stattfinden. Diese Entscheidung war schwierig und wurde nicht leichtfertig, sondern nach intensiver Überlegung getroffen.“  Konkreter wurde es von Seiten der Veranstaltenden nicht. Während viele vermuten, die Klage gegen Headlinerin Lizzo sei der Hauptgrund, halten sich in der amerikanischen Live-Branche auch Vermutungen, dass die Ticketvorverkäufe schon vorher weit unter den Erwartungen lagen.

Die Öffentlichkeit gegen Lizzo

Die Reaktionen der Öffentlichkeit gegen Lizzo sind verständlich, wenn nicht sogar wünschenswert: Die Punkte, in denen ihre ehemaligen Tänzerinnen sie hier anklagen sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn es geht hier um klar diskriminierende und menschenverachtende Dinge, die Lizzo und Teilen ihres Teams vorgeworfen werden. Eine Distanzierung von der Sängerin ist gerade vielleicht genau das Richtige, was getan werden soll. 

Was dabei jedoch auffällt, ist wie schnell sich diese Distanzierung ereignete. Anders als bei vielen Artists, denen ähnliche und schlimmere Taten vorgeworfen werden, wird sich im Fall Lizzo außerordentlich schnell mit den Opfern solidarisiert und eine sehr strenge Haltung gegen die Sängerin eingenommen. Anstatt das Wort „Unschuldsvermutung“ in jedem zweiten Satz zu verwenden oder sich nicht positionieren zu wollen, bis die Sache vom Gericht geklärt wurde, wird die negative Haltung gegen Lizzo verbreitet und gerade jetzt Gebrauch gemacht von Vokabeln aus der Kategorie Fatphobia.

(TW diskriminierendes Verhalten und Body Shaming)

@_markusking I ONLY made this becuase shes a mean person allegedly 😭 treating people like poo. #markusking #lizzo #concert #lizzocancelled #funny #lol #memes ♬ original sound – Jon From Denver

Erdrückende Vorwürfe und ein halbherziges Statement

Natürlich schwingt bei der Sache um Lizzo auch die starke Beweislage mit. Gleich drei Tänzerinnen haben gemeinsam gegen sie ausgesagt, wonach sich auch noch weitere Personen ihres Arbeitsumfelds zu den Aussagen meldeten. Denn auch aus dem Team der von Lizzo geplanten Reality-Show „Lizzo’s Watch Out for the Big Grrrls“ gibt es mindestens sechs weitere Beschwerden, die das feindliche Arbeitsumfeld betonen. Hier geht es vor allem um ein sexualisiertes Arbeitsumfeld und ausstehende Bezahlung, wie es am Mittwoch in einer Mitteilung der Deutschen Presse-Agentur hieß.

Bei so einer Häufung an Anschuldigungen ist es schwierig der Angeklagten, die auch noch mit einem sehr standarisierten Statement an die Öffentlichkeit tritt, irgendwie Glauben oder gar schon Vergebung zu schenken. Mit einer Kombination aus Victim-Blaming und dem Einnehmen der Opferrolle entsteht sehr wenig Mitleid beim Lesen dieser Zeilen: 

Das Statement klingt für die Meisten nun nach einer Rechtfertigung für die Taten, weniger wie eine Entschuldigung oder Reue in jeglicher Hinsicht. Auch in einer Reaktion auf Anschuldigungen sexueller Belästigung die Worte „Ich gehe mit meiner Sexualität sehr offen um (…)“ zu verwenden, ist eine Form, den Opfern eine verzerrte Wahrnehmung zu unterstellen, beziehungsweise das eigene Verhalten zu relativiere. Gaslighting von Feinsten also, und das stinkt den meisten (Ex)-Fans so gewaltig.

Solidarisierung mit den Opfern

Die dadurch stattfindende Solidarisierung mit den Opfern ist, wie es so schön heißt, wichtig und richtig. Aber nicht nur in diesem Fall, sondern immer. Da stellt sich doch die Frage: Warum ist die Lage hier so glasklar, während fatale Vorwürfe gegen das ekelhafte und traumatisierende Verhalten von Rammstein-Sänger Till Lindemann seit Wochen noch immer hinterfragt werden? Warum fordern Fans bei den handfesten Aussagen gegen die meisten männlichen Musiker, die sexuell übergriffig geworden sind, mehr Beweise, wenn es doch bereits dutzende Statements mit sehr ähnlichen Erfahrungen und Schilderungen gibt? Warum wird den Opfern so gut wie nie geglaubt? Warum touren Rammstein noch immer durch ausverkaufte Stadien, während die Cancellation von Lizzo quasi bereits unterzeichnet ist?

Zweierlei Maß

Plötzlich scheint es so einfach, zuallererst den Opfern zu glauben, bis eine Unschuld der Angeklagten bewiesen wird. Ist es denn so viel leichter zu glauben, dass eine Frau wie Lizzo, die ja eigentlich mit anderen Werten berühmt wurde, sexuell übergriffig war, als einem Künstler, der Gedichte über Vergewaltigungen verfasst hatte – und dem, das müssen wir an dieser Stelle noch einmal betonen, weitaus schwerwiegendere Vergehen vorgeworfen werden? 

Vielleicht liegt das auch an den unterschiedlichen Fan-Bubbles. Lizzo wurde immer dafür gefeiert, dass sie ihre eigenen Werte von Body-Positivity und Toleranz vertritt. Jetzt, wo sich die Sängerin eindeutig entgegen diesen Werten verhalten hat, fällt es natürlich nicht schwer, Abneigung gegen sie als Person zu verspüren. Das wäre auf jeden Fall eine tröstlichere Erklärung, als dass diese Anti-Haltung darauf basiert, dass Lizzo eine schwarze curvy Frau mit lauter Stimme ist – deren Verfehlungen natürlich eine Steilvorlage für die konservative, rechte Presse sind.

Die Tänzerinnen Arianna Davis, Crystal Williams und Noelle Rodriguez, sowie alle weiteren Beteiligten in den Anklagepunkten haben es auf jeden Fall verdient, dass sich die Wahrheit zeigt. Da sich immer mehr Stimmen sich zu den Vorfällen melden, sieht es im Moment auch nicht so aus, als würde die Sache gut für Lizzo ausgehen. Ebenso stark etabliert sich gerade das rückenstärkende Verhalten der Öffentlichkeit, das bis zu einer gegenteiligen Aufklärung bestehen bleibt – warum ist das nicht immer so? 

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