„DON’T TAP THE GLASS“: So viel Konzept steckt im neuen Tyler, The Creator Album
Wer momentan einen Beitrag von Tyler, The Creator auf Instagram liked, wird an der Animation merken: hier stimmt was nicht! Anstatt des rot aufflatternden Herzens erscheint eines aus Glas, welches kurzerhand vor unseren Augen zerbricht. Tyler hatte uns gestern bereits gewarnt, sein neunter Longplayer heißt schließlich „DON’T TAP THE GLASS“.
Wir stellen zurück auf vergangenen Freitag. Während die Fans im ausverkauften Barclays Center in Brooklyn schon zum zweiten Mal in Folge die „CHROMAKOPIA: THE WORLD TOUR“ genießen, schreitet Tyler wie gewohnt auf seiner B-Stage zur Plattenkiste. Er kramt in seiner eigenen Diskografie, um die Hits vergangener Alben dann buchstäblich live aufzulegen. Was jedoch nur geschulten Augen auffällt: Unter die Vinyls hat sich ein neues Album geschlichen. Dem Ottonormalfan sollte dann spätestens beim Ausgang die riesige Installation aufgefallen sein, welche Tyler Gregory Okonma actionfigurenhaft hinter Glas inszeniert. Und wie es sich für hohe Kunst gehört, gilt natürlich: „DON’T TAP THE GLASS“ – bitte nicht anfassen!
Tyler, the Creator: Von Popeye bis LL Cool J
Der Rest passiert Schlag auf Schlag! Auf der gleichnamigen Website donttaptheglass.com erscheinen Vinyls und CDs, der 21. Juli wird als Releasedatum verkündet und in den gesamten USA tauchen bunte Tyler-Plakate auf. Außerdem werden von der Complex die angeblichen Features geleakt, welche Tyler kurzerhand als Fake News entlarvt. Der Rapper betreibt auf X aber auch Erwartungsmanagement: „Ihr solltet eure Erwartungen und Hoffnungen herunterschrauben, denn das ist kein Konzeptalbum.“ Außerdem gibts drei Regeln zum Album an die Hand, welche später auch soundlich ins Album führen sollen:
Übersetzung:
- Körperbewegung. Kein Stillsitzen.
- Sprich nur in Ehren. Lass dein Gepäck zu Hause.
- Nicht ans Glas fassen
„DON’T TAP THE GLASS“: Also doch ein Konzeptalbum?
Das in den insgesamt 10 Tracks doch mehr Konzept steckt, als es Tyler vielleicht zugeben würde, erahnt man schon am Albumcover. Es zeigt dieselbe Actionfigur, welche schon hinter Glas in der Barclays Arena bewundert werden konnte. Sie stilisiert Tyler oberkörperfrei und goldkettenbehangen, mit Hose und „Glass“-Cap in roter Signalfarbe. Ein robustes Image im Gegensatz zu vergangenen emotionaleren und verletzlichen Albumprojekten wie „CALL ME IF YOU GET LOST“ oder auch „Flower Boy“. Auffällig sind auch die aufgeblasenen Armpartien, welche nicht nur an Popeye erinnern, sondern sich auch als direkte Referenz zu Ludacris lesen, welcher sie 2009 im Musikvideo zu „Get Back“ etablierte. Auch Pose und Schmuck erinnern an die goldene Era des Hip-Hop – von LL Cool J bis 50 Cent.
Die Interpretation des Glas-Motivs ist beim ersten Blick buchstäblich glasklar. Tyler inszeniert sich wie ein Tier im Zoo – beobachtet, eingeschlossen, missverstanden. Aber mit ordentlich Muckies ausgestattet, um endlich auszubrechen. Tatsächlich steckt aber auch in der eingangs erwähnten Instagram-Animation mehr als man denkt. Dort verrät der Rapper auch mehr zur Idee des Albums: „Ich habe ein paar Freunde gefragt, warum sie nicht in der Öffentlichkeit tanzen. Einige sagten, sie hätten Angst, gefilmt zu werden.[…] Das brachte mich zum Nachdenken: Wie viel von unserem menschlichen Geist ist gestorben, nur aus Angst davor, ein Meme zu werden?“ Besonders die Listening-Party zum Album habe ihm gezeigt, wie wichtig Privatsphäre und Freiheit beim Tanzen sein kann: „300 Leute. Keine Handys erlaubt. Keine Kameras. Nur Lautsprecher und ein schwitzender Raum.“ Ein Konzept, das auch hierzulande bei Formaten wie der Konzertreihe „Unreleased“ oder ganzen „No Phones Allowed“ Touren wie der von Schmyt und Rin großen Anklang findet.
Tyler droppt wieder die „Cherry Bomb“
„DON’T TAP ON GLASS“ wurde also gemacht, um mal sein Handy wegzulegen und den Moment zu feiern – „aber nur bei voller Lautstärke“. Wie das ganze aussehen kann, zeigt das Musikvideo zum Song „STOP PLAYING WITH ME“, welches bei Look wie Dancemoves Hommage an LL Cool Js „I’m Bad“ zollt. Zur Party kommen übrigens auch LeBron James, Maverick Carter und Clipse. Tylers Schnurri schreit außerdem verdächtig nach Pharrell Williams, welcher auch auf den Introtrack „Big Poe“ hüpfte.
Ein weiteres Feature findet sich mit der Singer-Songwriterin Madison McFerrin auf der R&B-Hymne „Don’t You Worry Baby“. Bestens ins Ohr gehen auch der Titeltrack „Don’t Tap That Glass / Tweakin“ mit Adlibs von Baby Keem und „I’ll Take Care of You“ in dem Tyler seinen eigenen Hit „Cherry Bomb“ nochmal ganz neu entdeckt. Den Einfluss des gleichnamigen Albums aus dem Jahr 2015 hört man auf „DON’T TAP THE GLASS“ ohne deutlich raus.
Zum Schluss des Outro „Tell Me What It Is“ meldet sich wieder die Erzählstimme: „Ich hoffe, du hattest eine gute Zeit. Vielleicht bleibst du das nächste Mal etwas länger. Das Glas wurde nicht angetippt. Danke, bis zum nächsten Mal.“ Tyler, The Creator etabliert auf seinem neuen Konzeptalbum, welches keins sein möchte, also nicht nur den nächsten spannenden Charakter seiner Diskografie, sondern liefert uns einen wichtigen Unfriendly Reminder, dass sich Kunst durch die eigenen Augen und Ohren am besten überträgt.
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