Hard In Here – die besten Metal-Alben 2022
Absent In Body – Plague God
Würde man mich auf ein Album des Jahres festnageln, es wäre wohl dieses hier. Das schreibe ich etwas schweren Herzens und schlechten Gewissens, aber dazu gleich mehr. „Plague God“ ist ein sich windendes, düsteres, tonnenschweres Album – und ein echtes Supergroup-Projekt noch dazu: Hier exorzieren Amenras Mathieu Vandekerckhove und Colin Van Eeckhout (bekannterweise eine meiner Lieblingsbands) an der Seite von Neurosis’ Scott Kelly und Sepulturas Iggor Cavalera ihre Dämonen. Das typische Amenra-Post-Metal-Riffing wird ergänzt um mechanisch-kalte Industrial-Elemente, die auch den letzten Funken Hoffnung zum Erlöschen bringen. In kaum einer Klangwelt fühle ich mich wohler.
Doch die Euphorie wird getrübt, seitdem Kelly den jahrelangen Missbrauch an seiner Familie gestand und zur Persona non grata der Metal-Szene wurde. Ich verstehe jede Person, die darüber beim Hören dieses Albums nicht hinwegsehen kann, in den sechs Monaten zwischen Album-Release und dem entsprechenden Statement wuchs mir „Plague God“ jedoch schon zu sehr ans Herz – letztendlich nicht wegen, sondern trotz Kelly, der natürlich kein Bandmitglied mehr ist.
Chat Pile – God’s Country
Ja gut, ist genau genommen kein Metal, aber ich mach hier ja eh, was ich will. Auch wenn Chat Pile in den meisten Momenten nicht traditionell heavy sind, wohnt ihrem ersten Album „God’s Country“ eine emotionale Schwere und Verstörtheit inne, die auch Blastbeats und Growls meist nicht besser erzeugen können. Ich habe an anderer Stelle schon ausführlich davon geschwärmt, warum dieser Noise-Rock-Horrortrip eines meiner Alben des Jahres ist, und daran hat sich nach einigen Monaten nichts geändert.
Ultha – All That Has Never Been True
In Sachen Black Metal kann in Deutschland kaum jemand Ultha das Wasser reichen, und das bereits seit Jahren. Im April hat die Band einfach mal ganz überraschend ein neues Album veröffentlicht – so ganz nebenbei, als wäre es nicht eines der Highlight-Releases des Jahres. „All That Has Never Been True“ ist ein Release für die Hipster- und Emo-Black-Metaler:innen; für die, die denken, dass das Genre irgendwie mehr Potential hat als Pseudo-Satanismus und Corpsepaint. Statt um Fantasie-Schattenwelten geht es hier um die ganz realen Abgründe des Selbst (als wäre das für irgendeines meiner Lieblingsalben nicht der Fall), und auch stilistisch geben sich Ultha durch ihren Fluss von Raserei zu Depression und zurück nicht mit überbeanspruchten Klischees zufrieden.
Wiegedood – There’s Always Blood At The End Of The Road
Apropos überbeanspruchte Klischees: Da haben Wiegedood ja auch gar keinen Bock drauf. Nach seiner „De Doden Hebben Het Goed“-Trilogie erfindet sich das belgische Trio mit „There’s Always Blood At The End Of The Road“ neu und wütet mächtig im Reich des Avantgarde-Extreme-Metal. Maßgeblich vom Jazz beeinflusst, ist das Album mit seiner Exzentrik und musikalischen Verschrobenheit definitiv kein Easy Listening, aber dennoch (oder gerade deswegen) so gut!
Conjurer – Páthos
Ebenfalls etwas avantgardistischer unterwegs als zuvor, aber doch um einiges zugänglicher sind Conjurer auf ihrem zweiten Album. „Páthos“ ist gezeichnet von bittersüßer Melancholie, bäumt sich jedoch immer wieder widerspenstig auf und ist damit wohl der perfekte Kompromiss für alle, denen Wiegedood und Imperial Triumphant zu anstrengend sind. Eine ausführlichere Rezi findet ihr hier.
Pet Brick – Liminal
Pet Brick kamen kürzlich um die Ecke und haben spontan die wundervollen White Ward mit „False Light“ aus dieser Auswahl gekickt (sorry!). Bis vor wenigen Wochen wusste ich nicht mal, dass Pet Brick existieren, was mich ziemlich irritiert, weil das Duo einfach so krass ist und mit Iggor Cavalera auch ein nicht ganz unbekanntes Mitglied hat (hätte auch nicht gedacht, dass ich den mal doppelt in einem Jahresrückblick haben würde). Ihr zweites Album „Liminal“ ist schlichtweg wild. Pet Brick existieren zwischen den Welten: Da werden Noise und Industrial zelebriert, dann knallt von irgendwo Gabber rein, bevor Ambient oder Doom das Steuer übernehmen. Ich bin entzückt!
Mehr hörenswerte Metal-Releases dieses Jahres (und das sind wirklich einige!), könnt ihr in der Hard In Here-Playlist finden:
Christina Wenig ist Redakteurin, Journalistin und Fotografin aus Berlin. Für Magazine wie Visions und Metal Hammer schreibt sie über Metal, Hardcore und Artverwandtes; auf ihrem Instagram-Kanal teilt sie Live-Eindrücke aus verschwitzten Clubs und sinniert über Feminismus, Antifaschismus, Filme und ihren Hund.
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