Die 10 besten Songs 2024 international
Childish Gambino – Lithonia
Für Childish Gambino markiert der Song „Lithonia” im Sommer 2024 den Anfang vom Ende. Dass Donald Glover sich als Musiker zur Ruhe setzen möchte, hatte der Künstler bereits vor ein paar Jahren angekündigt. Mit „Lithonia” erschien dann am 02. Juli 2024 die erste Singleauskopplung seines letzten Albums „Bando Stone And The New World“ und kündigte ein episches Grande Finale an. „Lithonia“ startet mit getragenen Orgel-Sounds, die wie ein Versprechen dafür klingen, dass schon in wenigen Sekunden etwas Großes passieren kann. Und das tut es! Nach den Zeilen „I did my job. I paid my dues. Love is for fools. ‚Cause nobody gives a fuck“ dreht sich der Track nämlich um 180-Grad und wird zu einer rockigen Gitarren-Hymne, die uns den Rest des Jahres immer wieder begeisterte, wenn sie in unserer Playlist auftauchte. Ein würdiges Karriere-Ende für einen der spannendsten Künstler der letzten Dekade.
Chappell Roan – Good Luck, Babe!
Eine neue Obsession fand wohl die ganze Welt in „Good Luck, Babe!“ von Chappell Roan. Mit ihrer klangreichen Stimme, fast schon theatralischer Emotionalität und einer mitreißenden Melodie singt sie über eine Frau, die sich aufgrund gesellschaftlichen Drucks nicht eingestehen will, dass sie queer ist. Das Ganze kommt mit wohlig vertrauten 80er-Vibes, unterschwelliger Melancholie und zunächst friedlichen Synth-Melodien, die sich im Laufe des Tracks immer dramatischer aufbauen – analog zum Gesang von Chappell Roan. Obwohl der Song schon im April veröffentlicht wurde, brauchte die Welt anscheinend ein bisschen, um zu kapieren, was für ein Ohrwurm ihr da hingelegt wurde. Während „Good Luck, Babe!“ zu Beginn also vor allem in der queeren und Drag-Community abgefeiert wurde, setzte Chappell Roan langsam aber zu sicher zum Aufstieg in den Chart-Rankings weltweit an und wurde nebenbei aufs Coachella und in diverse Late Night Shows gebucht. Ihren großen Hit performte sie dort kostümiert als Ritter, Schmetterling oder Schwan – und so schillernd und selbstbewusst kam Popmusik schon seit Lady Gaga nicht mehr daher.
Kendrick Lamar – Not Like Us
Auch bevor Kendrick Lamar vor wenigen Wochen überraschend sein neues Album „GNX“ veröffentlichte, war 2024 sein Jahr. Das war vor allem dem Beef mit dem kanadischen Rapstar Drake zu verdanken, ein Schlagabtausch, auf einem Level, das man so schon lange nicht mehr gesehen hatte. Man hatte das Gefühl, das hier nicht nur zwei absoluten Szene-Giganten, sondern auch zwei unterschiedliche Entwürfe von Hip-Hop gegeneinander antreten. In seinem Verlauf nahm der Beef dann einige kinoreife Wendungen, von KI-Tracks über diverse Anschuldigungen knapp über und weit unter der Gürtellinie bis hin zu „Not Like Us“ – dem fulminanten Finale, in dem Kendrick Drake mit seinen eigenen Waffen schlug. Schließlich war er immer der Philosoph, der Conscious-Rapper, der Jazz-Typ – und Drake eben der mit den großen Hits für die Clubs und Radios. Dass „Not Like Us“ dann zu einem solchen avancierte und eben nicht nur als Disstrack viel Applaus bekam, muss bitter für Drake gewesen sein. Im Anschluss veranstaltete Kendrick Lamar ein Westcoast-Event, bei dem Bloods und Crips gleichermaßen über die Bühne tanzten – ein endgültiges Monument für diesen eindeutigen Triumph. Wenn Beef, dann bitte so.
Bleachers – Tiny Moves
Manche Männer führen ihre Frau zum Essen aus – Jack Antonoff seine lieber zu einem Videodreh. Der Bandleader der Bleachers und Produzent von Taylor Swift, Lana del Rey und Lorde ist seit 2023 mit der Schauspielerin Margaret Qualley verheiratet (die ihr unbedingt im Film „The Substance“ erleben müsst) und auch wenn „Tiny Moves“ ein sehr guter Song ist, half wohl auch das Video, ihn so beliebt zu machen. Qualley tanzt darin zu Springsteen-Vibes, Antonoffs verhalltem Gesang, nervösen Drums, weirden Keyboardsounds, einem geisterhaften Scha-la-la-Chor. Gerade weil dieser Bleachers-Track nicht so breitbeinig ist wie manch anderer von ihnen, die ein wenig zu eng in der Springsteen-Blue-Jeans sitzen, verliert „Tiny Moves“ auch nach dem 50. Durchlauf nichts von seinem seltsamen Charme.
Raye – Genesis.
Nur wenigen Musiker:innen gelingt es, sieben Minuten so kurzweilig vorbeiziehen zu lassen, wie Raye. Dass die Britin Hits produzieren kann, wie es ihr beliebt, haben Songs wie „Prada“ oder „Escapism“ längst bewiesen. Aber mit ihrem Song „Genesis.“ hat Raye in diesem Jahr nun endgültig gezeigt, wie sehr sie ihre Kunst beherrscht und lebt. Der musikgewordene Epos spielt in seiner Dauer von sieben Minuten von R&B über klassische Elemente bis hin zu Soul und Hip-Hop die verschiedensten Genres durch und schafft es, Gospelchor und Big Band im Jahr 2024 zeitgemäß wirken zu lassen. Denn Raye gelingt es mit ihrer einzigartigen Stimme mühelos, all diese Elemente zusammenzuhalten. Sie packt Drama an Stellen, die Drama vertragen, ist in anderen Passagen dann wieder casual und sassy. Mit „Genesis.“ beweist Raye einmal mehr, dass sie nicht umsonst als Ausnahmetalent gehandelt wird – und ihre rekordverdächtigen sechs BRIT Awards Anfang des Jahres nicht von ungefähr kommen. Was Raye anfasst, scheint pures musikalisches Gold zu werden – „Genesis.“ ist es zumindest.
Charli xcx – Girl, so confusing featuring Lorde
Wenn man eine Wunschliste an die:den Lieblingskünstler:in schreiben könnte, auf der andere Musiker:innen stehen, mit denen diese Person unbedingt mal kollaborieren sollte, dann würde man als Fan wohl meistens leer ausgehen. Ganz anders sah es bei Charli xcx aus, die auf ihrem Remix-Album „Brat but it’s completely different but also still brat“ ganze achtzehn Featuregäste versammelt hat. Die wahrscheinlich spannendste neue Version: „Girl, so confusing“. Im Originalsong erzählte Charli von einer anderen Pop-Musikerin, zu der sie ein durchwachsene Beziehung hat, die von unterschwelliger Rivalität und Unsicherheiten geprägt ist. Obwohl sie die besagte Person nicht weiter benannte, munkelten Fans schnell, dass es um die britische Popmusikerin Lorde gehen könnte, mit der Charli in der Vergangenheit immer wieder verglichen wurde. Dass dieses Gerücht stimmt, zeigte dann der Remix zu „Girl, so confusing“, auf dem die beiden ihr zerrüttetes Verhältnis gerade rücken und sich gemeinsam gegen den eigentlichen Feind richten, nämlich die Musikindustrie, die immer wieder Artists gegeneinander ausspielen will. Anstatt Rivalität zu stiften, heißt es: „Let’s work it out on the remix“. Ein popkultureller Plot-Twist der Extraklasse.
Mk.gee – Are You Looking Up
Über Mk.gee und sein diesjähriges Album „Two Star & The Dream Police“ haben wir schon an anderer Stelle ausreichend geschwärmt. Deshalb fassen wir uns hier kurz und berichten von unserem ersten Berührungspunkt mit diesem ziemlich gehypten, aber eben auch ziemlich großartigen Projekt. Denn bevor wir viel über den Sänger, Songwriter, Gitarristen und Produzenten aus New Jersey wussten, war es vor allem sein Musikvideo zum Song „Are You Looking Up“, das uns in seinen Bann zog. Das Live-Video braucht nur einen einzige Einstellung, die übrigens auch das Album-Cover ziert: Der Blick aus einem fahrenden Zug, an dem eine herbstliche Waldlandschaft vorbei zieht. Vor diesem Panorama aus Braun- und Grüntönen steht Mk.gee mit Parka-Kluft und Waldläufer-Frise, völlig versunken in sein Gitarrenspiel. Fair enough: das ist bei „Are You Looking Up“ ziemlich komplex. Trotzdem fließt und plätschert der Song völlig organisch, wie ein Bach oder eben die fein abgestufte Farbpalette eines Herbstwalds, der sich zu schnell bewegt, als dass man ihn mit seinem Blick greifen könnte. Selten haben wir 2024 ein Video gesehen, das so stimmig als Moodboard für ein ganzes Projekt funktioniert.
Gracie Abrams – That’s So True
Der Preis für die beliebteste Bridge des Jahres 2024 geht wohl eindeutig an Gracie Abrams mit ihrem Song „That’s So True“. Denn die Zeilen „Made it out alive / but I think I lost it”, die diese Bridge einleiten, haben auf TikTok für einen der großen viralen Momente des Jahres gesorgt – aber „That’s So True“ hält auch jenseits der Plattform Stand und wurde zu Gracie Abrams erstem Nummer 1-Track. Im Juni hatte die US-Amerikanerin ihr aktuelles Album „The Secret of Us“ veröffentlicht und war anschließend als Support ihrer Freundin Taylor Swift mit auf Eras Tour. Nun hat sie mit „That’s So True“ den ultimativen Durchbruch geschafft, inklusive SNL-Performance, Grammy-Nominierung und allem, was in der A-Liga der Popstars eben so alles dazugehört. Trotz all dem Trubel wirkt Gracie aber weiterhin geerdet und klingt in „That’s So True“ so aufrichtig und eindringlich, als würde sie gerade aus ihrem Tagebuch vorlesen.
Fontaines D.C. – Starburster
Eine Lied-Gewordene Panikattacke lieferten uns die irische Post-Punk-Band Fontaines D.C. mit ihrer ihrer Leadsingle „Starburster“ zu ihrem Album „Romance“. Im Vergleich zu den oft balladigen Songs auf „Romance“, geistert „Starburster“ zwischen Post-Punk, Trip- und Brit-Pop auf einem schrill-dreckigen Boom-Bap-Beat. Auf diesem hört sich der Sprechgesang von Leadsänger Grian Chatten zu Teilen schon fast nach Rap an. Der Song, der von Teilen der Redaktion als der perfekte Soundtrack für den selbstbewussten Gang durch das nächtliche Berlin gehandelt wird, handelt eigentlich von einer Panikattacke, die Grian Chatten am Londoner Bahnhof St. Pancras hatte. Diese findet nicht nur inhaltlich in „Starburster“ Eingang, sondern wird auch durch einen tiefen Atmer, der die Verse des Songs aufbricht, vertont. Dieses Ringen nach Luft wird zum Motiv des Songs und taucht auch im eindrucksvollen Musikvideo auf, in dem ein Asthmaspray zum ständigen Begleiter von Grian Chatten wird.
Waxahatchee ft. MJ Lenderman – Right Back To It
Dass Country-esker Indierock gerade mal wieder spannend ist und viele junge Fans erreicht, verdanken wir nicht nur Boygenius, sondern auch der amerikanischen Sängerin und Songwriterin Katie Crutchfield alias Waxahatchee. Ihr im März veröffentlichtes Album „Tigers Blood“ ist von Anfang bis Ende ein faszinierender Ritt, aus dem aber besonders die Country-Ballade „Right Back To It“ hervorsticht. Hier duettiert Katie mit dem amerikanischen Überflieger MJ Lenderman, während sich beide zur Melodie des Banjos wiegen und sich ihre außergewöhnlichen, nasalen, eindringlichen Stimmen zu einem Chorus finden, den man auf Tage nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
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